Viehtransporte geraten im Aargau ins Visier von radikalen Tierschützern, wie die «NZZ am Sonntag» berichtete. 15-mal wurden im vergangenen Jahr auf der A1, meistens zwischen Baden und Aarau, solche Lastwagen mit gefährlichen Manövern ausgebremst. Plötzlich sei ein Auto auf der Überholspur aufgetaucht, der Fahrer sei dann knapp vor dem Tiertransporter auf die rechte Spur eingeschwenkt und habe abrupt abgebremst. Der Lastwagen-Chauffeur musste entweder auch stark bremsen oder auf den Pannenstreifen ausweichen, um einen Unfall zu verhindern.

Fälle schon im Herbst 2015

Schon vor rund anderthalb Jahren, im Oktober 2015, hatte Peter Bosshard, der Geschäftsführer des Schweizerischen Viehhändlerverbandes, der az von ähnlichen Fällen berichtet. «In der Region Aarau-Suhr wurde kürzlich der Fahrer eines Viehtransports in einem Kreisel absichtlich ausgebremst und mit eindeutigen Fingerzeichen bedacht», sagte Bosshard damals. Dies sei «brutal gefährlich» für Mensch und Tier: «Die Ladung ist in einem Viehtransporter nicht fixiert. Bei einer Vollbremsung werden die Tiere nach vorne geschleudert. So kann der Transporter auch kippen», erläuterte Bosshard.

Strafanzeige reichten die betroffenen Transportunternehmen damals nicht ein, obwohl es auch zu Sabotage-Aktionen kam. Bei der Raststätte Kölliken wurde 2015 ein Viehtransporter mit dem Wort ‹Mörder› besprayt. Und aus der Gegend von Muhen wurden dem nationalen Viehhändlerverband angeschnittene Bremskabel gemeldet. Wir tragen die Fälle zusammen», sagte Bosshard damals. Bei mehreren Fällen sei ein Kleinwagen mit AG-Kennzeichen aufgefallen, der einen ‹Stopp Tiertransporte›-Kleber am Heck hatte.»

Inzwischen haben mehrere geschädigte Transportunternehmen Strafanzeigen eingereicht. «Wir haben diese vom Verband aus koordiniert und hoffen, dass der Schuldige möglichst rasch ermittelt und zur Rechenschaft gezogen wird», sagt Peter Bosshard. Gemäss der «NZZ am Sonntag» ermittelt die Aargauer Staatsanwaltschaft wegen den Ausbrems-Manövern nun gegen einen 61-jährigen Mann. Dieser sei tierschützerisch aktiv. Fiona Strebel, die Sprecherin der kantonalen Staatsanwaltschaft, bestätigt dies auf Anfrage der az. «Die Staatsanwaltschaft Lenzburg-Aarau untersucht diverse Vorfälle zwischen Oktober 2015 und Juli 2016.»

Ausbremsen gilt als Nötigung

Dabei gehe es aber nicht nur um die Ausbrems-Aktionen auf der Autobahn, sondern unter anderem auch um die bereits beschriebenen Vandalenakte. Ermittelt wird laut Strebel wegen mehrfacher Nötigung – durch das Ausbremsen ist gemäss einem Bundesgerichtsurteil dieser Tatbestand erfüllt. Zudem werden dem Mann mehrfache Sachbeschädigung, mehrfache Beschimpfung, mehrfacher Hausfriedensbruch und Widerhandlungen gegen das Strassenverkehrsgesetz vorgeworfen.

Dass sich die Vorfälle gerade im Aargau ereigneten, ist kein Zufall. Die grössten Schlachthäuser der Schweiz liegen im Raum Basel-Solothurn, der Aargau ist ein Durchgangskanton für Schlachtviehtransporte. Ausserdem hat die Vianco, einer der grössten Viehhändler der ganzen Schweiz, ihren Sitz in Brunegg. Gerade dieses Unternehmen könne man allerdings als Musterknaben bezeichnen, wenn es um Tiertransporte gehe, sagt Bosshard.