Die blauen Köder sehen aus wie kleine, etwas zu dicke Willisauer-Ringli: rund mit einem Loch in der Mitte. Konzentriert fädelt Enore Bezzola im Werkhof des Tiefbauamts einen nach dem anderen auf einen dünnen Draht. Insgesamt sieben pro Draht. Seine Hände stecken in hellblauen Gummihandschuhen. «Das Zeug ist hochgiftig.» Er verflicht die Drahtenden. Ein letzter prüfender Blick. «Es ist wichtig, dass alles hält. Sonst fallen die Köder ab und werden weggespült.»

Das blaue Gift ist für die Ratten, die sich in der Kanalisation unter Basel eingenistet haben. Wie viele Ratten dort leben, weiss niemand so genau. Im dunklen, feuchten Untergrund fühlen sie sich wohl. Hier finden sie alles, was sie zum Leben brauchen: Essensreste und Fäkalien. Es ist ihr unterirdisches Schlaraffenland. Damit sie sich nicht unkontrolliert vermehren, werden sie einmal jährlich bekämpft – meistens im Spätherbst.

Der orange Lieferwagen stoppt am St. Alban-Rheinweg. Mit einem Haken hieven Bezzola und sein Kollege Hanspeter Biedert vom Tiefbauamt den rund 80 Kilogramm schweren Deckel vom Schacht. Etwa zwei Meter unter der Strasse fliesst hellbraunes Kanalisationswasser. Ab und zu ziehen WC-Papier-Fetzen vorbei. Von Ratten keine Spur. «Sie mögen kein Tageslicht», sagt Bezzola. Er bückt sich, lässt die blauen Köder, die er vorher aufgefädelt hat, an einem Draht in den Schacht gleiten. Die Köder müssen knapp über dem Boden hängen. So können die Ratten ohne grosse Anstrengung daran knabbern. Wichtig ist, dass die Köder das Wasser nicht berühren, weil sie sonst schimmeln und die Ratten sie nicht mehr fressen. Bezzola befestigt den Draht am obersten Steigeisen im Schacht. Deckel drauf, weiter zum nächsten Schacht.

In einer Woche heben die Mitarbeiter des Tiefbauamts etwa 400 Deckel an, hängen Köder in die Kanalisation und schliessen den Schacht wieder. Nach einer Woche kommen sie zurück und kontrollieren, ob die Ratten die Köder gefressen haben. Wenn ja, hängen sie einen neuen Draht, dieses Mal mit fünf Ködern, in den Schacht. Das wiederholen sie, bis die Ratten nichts mehr fressen, sie bekämpft sind – zumindest für den Moment.

Das Gift tötet die Ratten nicht sofort. Es dauert einige Tage, bis sie innerlich verbluten. Die Tiere werden schwach und schwächer, bis sie irgendwann sterben. «Ratten sind intelligente Tiere», sagt Jürg Amatter, der Teamleiter, der auch mit auf der Tour ist. «Wenn sie sehen, dass ihre Kollegen tot umfallen, fressen sie das Gift nicht mehr.» Die toten Ratten bleiben in der Kanalisation liegen oder werden in die Kläranlage gespült. «Wir finden selten tote Tiere. Wahrscheinlich ziehen sie sich in ihre Nester zurück, wenn sie merken, dass sie bald sterben.»

Die Stadt unter der Stadt

Jürg Amatter macht den Job tief unter der Stadt seit 20 Jahren. Er bewegt sich in einer Welt, die den meisten fremd ist – in der Stadt unter der Stadt. Schädlingsbekämpfung ist nur ein kleiner Teil seiner Arbeit. Die unzähligen grossen und kleinen unterirdischen Kanäle – ein Netz von 360 Kilometer Länge – müssen er und sein Team regelmässig kontrollieren. Alle Gänge mit einem Durchmesser von 90 Zentimetern und mehr begehen sie. Alle anderen untersuchen sie mit einer Roboterkamera auf Risse und Schädlinge. «Es kommt ab und zu vor, dass eine vorwitzige Ratte ihre Nase in unsere Kamera steckt», erzählt Amatter. Wenn sie in der Kanalisation unterwegs sind, treffen sie die Tiere aber selten.

Mit Rollbrett und Stirnlampe

Aus dem Lieferwagen holt Amatter Gummistiefel, einen orangen Overall und Handschuhe, setzt sich einen Helm mit Stirnlampe auf. In die Brusttasche steckt er einen Gasmesser, der Alarm schlägt, sobald er im Untergrund gefährliche Gase feststellt. In der Zwischenzeit haben Bezzola und Biedert einen zweiten Schacht geöffnet. In diesem fliesst nur ein kleines Rinnsal, gräulich mit Schaumkronen. Vielleicht hat gerade ein Anwohner geduscht oder Wäsche gewaschen. Die hellbraune Fäkalienbrühe von vorher sucht man hier vergeblich.

Amatter setzt einen Fuss nach dem anderen auf die Steigeisen in der Schachtwand und verschwindet im Untergrund. Bezzola reicht ihm ein schmales Brett mit vier Rädern in den Schacht. Es erinnert an die Rollbretter, die Automechaniker benutzen, wenn sie etwas an der Unterseite eines Autos flicken müssen. Amatter legt das Brett über das Rinnsal, kniet sich darauf. Die Kontrolle beginnt. Er stösst sich an der Wand ab, rollt in gemächlichem Tempo los. Es ist beklemmend eng im eiförmigen Kanal. Die feuchte Wand reflektiert das Licht der Stirnlampe, taucht den dunklen Gang in warmes Licht. Die Worte hallen von den Wänden. Die Luft ist warm und feucht. Es riecht abgestanden, stinkt aber kaum. «Hier fliesst nur Abwasser von einigen wenigen Häusern durch und der Kanal wurde vor kurzem geputzt», erklärt Amatter. Das Brett holpert, stockt hier und dort bei kleinen Unebenheiten. Die Wände sind bedrohlich nah, vereinzelt hat es Risse; nicht grosse, aber doch so, dass Amatter sie sich merkt. «Wenn Abwasser aus der Kanalisation austritt, kann es das Grundwasser verschmutzen. Das möchten wir verhindern.» Deshalb sind regelmässige Kontrollen wichtig.

An einzelnen Stellen kommen Rohre aus der Wand. Es sind Zuflüsse. Sie leiten das Regenwasser von der Strasse in die Kanalisation. Käme ein unerwarteter Platzregen, würden die Kollegen oben auf der Strasse Amatter warnen, damit er die Kanalisation verlassen könnte und nicht von den Wassermassen überschwemmt wird. Aber heute bleibt es trocken.

In regelmässigen Abständen stösst sich Amatter an der feuchten Wand ab, das Brett rollt und holpert weiter. Meter für Meter durch den dunklen, engen Gang. Das Geräusch hallt von den Wänden, füllt den Untergrund aus. Irgendwann kommt ein Schacht, eine Verbindung zur Strasse, zum Tageslicht und zur frischen Luft. Amatter steigt vom Rollbrett, richtet sich auf, reicht den fahrbaren Untersatz seinem wartenden Kollegen nach oben, klettert Steigeisen um Steigeisen dem Tageslicht entgegen.