Seine Grossmutter missbrauchte ihn, als er ein Kind war. Nach dem Schulabschluss meldete er sich direkt bei der amerikanischen Armee und brachte im Vietnam-Krieg Hunderte von Menschen um. Inzwischen hat Claude Thomas eine Kehrtwende vollzogen und ist Friedensaktivist. Nachdem er verwundet nach Amerika zurückgekehrt war, lebte er zuerst am Rand der Gesellschaft: Drogen, Kriegstrauma, Schlaflosigkeit. 1991 lernte er einen vietnamesischen Mönch kennen, lief von Auschwitz nach Hiroshima und wurde 1995 zum Zen-Priester geweiht.

Nun kommt der kahle und Brille tragende Amerikaner im Priestergewand nach Basel für einen sogenannten «Strassenretreat»: Während fünf Tagen sollen zwölf Personen wie Obdachlose leben. Nur Kleidung und Personalausweis dürfen sie dabei haben. Der Selbsterfahrungstrip stösst aber manchen sauer auf.

Ferien auf der Strasse

Die gewollte Obdachlosigkeit gibt zu reden: Im Oktober lebte ein St. Galler Pfarrer eine Woche lang auf den Strassen Berns, 2009 lebten vier junge Frauen für zwei Wochen in den Gassen St. Gallens, ein Projekt für ihre Maturaarbeit.

Und Initiant Claude Thomas kennt schon diverse europäische Städte: 2001 führte er in Bern einen Strassenretreat durch. Auch in Deutschland konnte der geläuterte Ex-Soldat und heutige Friedensaktivist schon diverse Menschen für die temporäre Obdachlosigkeit begeistern.

«Solche Aktionen erhöhen das Misstrauen gegenüber richtigen Obdachlosen und sind daher unethisch», kritisiert Michel Steiner. Er ist Gassenarbeiter und Co-Geschäftsleiter des Basler Vereins für Gassenarbeit Schwarzer Peter, bei dem aktuell 280 Menschen ohne festen Wohnsitz gemeldet sind. Das «Spiel mit den Realitäten anderer» findet Steiner «pervers». «Ich gehe davon aus, dass auch viele Obdachlose solche Selbsterfahrungstrips daneben finden.» Wer das Leben auf der Strasse besser kennenlernen möchte, solle doch zwei Flaschen Bier nehmen und versuchen, mit Obdachlosen ins Gespräch zu kommen. Manche würden gerne aus ihrem Alltag erzählen. Dieser verändert sich laufend: Aktuell nimmt die Anzahl Obdachloser laut Steiner stark zu.

Grundsätzlich begrüsst Michel Steiner aber die Idee, eine Zeit lang mit möglichst wenig Ressourcen zu leben – diese Erfahrung bringe sicher jeden weiter. «Aber muss man das im öffentlichen Raum tun? In den Bergen würde man zum Beispiel keine Obdachlosen konkurrenzieren.»

«Jeder Ort ist ein Tempel», heisst es dagegen in der Pressemitteilung zum Strassenretreat, der von 6. bis 10. September dauern wird. Währen dieser fünf Tage sollen die Teilnehmer buddhistische Meditationspraktiken und die Lehre der Verbundenheit und gegenseitiger Abhängigkeit aller Dinge und Wesen besser kennenlernen. Die Aktion gleiche einer «spirituellen Schocktherapie», heisst es weiter.

Nur ein Schweizer macht mit

Remo Uherek hat 2011 an einem solchen Strassenretreat in Bielefeld teilgenommen und organisiert nun jenen in Basel. «Natürlich ist das nicht zu vergleichen mit echter Obdachlosigkeit. Für uns geht es denn auch um die spirituelle Erfahrung», so Uherek, der in Basel der einzige Schweizer Teilnehmer sein wird. Die restlichen kommen aus Deutschland, Italien und den USA. Manche fliegen eigens für den Strassenretreat nach Basel. Gemeinsam ist allen Teilnehmern, dass sie regelmässig meditieren.

Auch während ihrer Zeit in Basel meditieren sie zusammen: jeweils um sieben Uhr morgens und abends. Die Meditationen sind öffentlich. Zudem werden die Teilzeit-Obdachlosen zweimal täglich um Essen betteln. Um Geld bettelten sie bereits vor ihrer Obdachlosen-Zeit: Jeder musste 1080 Franken für gemeinnützige Organisationen auftreiben. «In Bielefeld spendeten wir einen Teil des Geldes der Heilsarmee. Diese hat uns in der Nacht mit Schlafsäcken geholfen», sagt Uherek. Zur Vorbereitung gehört auch, fünf Tage lang nicht zu duschen, Kleider zu wechseln oder Zähne zu putzen. Auf seinem Blog schildert Uherek, wie er die fünf Tage in Bielefeld erlebte. Gerade das Betteln um Essen war einfacher als gedacht: Über die Hälfte der gefragten Leute habe Essen geschenkt. Grosszügigkeit sei denn auch die grösste Tugend im Zen-Buddhismus.