«Blödsinn», entfährt es der Baselbieter CVP-Nationalrätin Elisabeth Schneider-Schneiter. Das Ganze werde völlig verharmlost, meint Ratskollegin Maya Graf von den Grünen. Nach den neusten Enthüllungen rund um das AKW Fessenheim lässt sich die Haltung des Bundes einfach zusammenzufassen: alles kein Problem.

Das sehen Experten anders: Sie sprechen von einem der gravierendsten AKW-Unfälle in Westeuropa. Nur wenig habe gefehlt, und 35 Kilometer nördlich von Basel wäre es zum atomaren GAU gekommen. Im April 2014 reichte offenbar eine Überschwemmung, um mehrere Sicherheitsebenen im AKW auszuschalten. Das machten «WDR» und «Süddeutsche Zeitung» vergangene Woche publik. Minutenlang sei die Anlage nicht mehr unter Kontrolle gewesen. Letzte Möglichkeit: Um den Reaktor herunterzufahren, wurde Bor in den Reaktorbehälter gegeben. Laut dem deutschen Reaktorsicherheits-Experten Manfred Mertens war die Bevölkerung akut gefährdet. Zwei Jahre lang aber sei das Ausmass des Vorfalls vertuscht worden.

Bundesamt dementiert Gefahr

Politiker aus der Region Basel haben umgehend reagiert: Rund ein Dutzend Vorstösse haben sie in Bern und in den Kantonsparlamenten der beiden Basel eingereicht. Hauptforderung: Nachdem bereits die deutsche Bundesregierung offiziell die sofortige Stilllegung des französischen Pannen-Reaktors gefordert hat, sollen nun auch der Bundesrat und die Kantonsregierungen intervenieren.

Für den Bund scheint das aber kein Thema zu sein: Zwar weist das Bundesamt für Energie (BfE) darauf hin, dass Bundesrätin Doris Leuthard schon verschiedentlich gegenüber Frankreich die Besorgnis betreffend die Sicherheit von Fessenheim unterstrichen habe. Von einer Forderung nach einer sofortigen Stilllegung ist allerdings nicht die Rede. Im Gegenteil. Es sei keine Schnellabschaltung erfolgt, die Einleitung von Bor sei zulässig, und der Reaktor nie unkontrolliert gewesen, versichert BfE-Sprecherin Marianne Zünd. Der Bund sei von der französischen Atomaufsichtsbehörde ASN informiert worden.

Dementi stösst auf Unglaube

«Der Vorfall wird lapidar verharmlost», sagt Graf verärgert. «Es wirkt, als habe der Bund blauäugig einen PR-Text der französischen Behörden übernommen», kommentieren die Baselbieter SP-Nationalrätin Susanne Leutenegger Oberholzer und Christoph Eymann unisono. Der LDP-Nationalrat und abtretende Basler Regierungsrat bleibt skeptisch: «Ich kann die BfE-Erklärung nicht recht glauben.» Und Beat Jans: «Der Bund behauptet immer, es bestehe kein Problem. Das beruhigt mich gar nicht», sagt der Basler SP-Nationalrat.

Claude Janiak haut in dieselbe Kerbe: «Immer, wenn die Behörden nicht proaktiv informieren, werde ich hellhörig. Das deutet auf ein Problem hin», findet der Baselbieter SP-Ständerat. Er gehe weiter von einem gravierenden Vorfall aus, der heruntergespielt werde. Freundnachbarschaftlich sei es angezeigt, dem AKW den Stecker zu ziehen, findet Eymann. «Sonst reagieren die Franzosen auch schnell – etwa in Steuerfragen am Euro-Airport.» Nun liege es am Bund, endlich Druck zu machen.