Seit drei Monaten arbeitet Micha Rieser als erster «Wikipedian in Residence» an der Universitätsbibliothek Basel (UB). Er schult Mitarbeiter und Studenten im Umgang mit dem digitalen Nachschlagewerk und motiviert Doktoranden und Professoren zum Mitarbeiten an der grössten Enzyklopädie der Welt. Und er stöbert im riesigen Bibliotheksbestand nach verborgenen Schätzen, mit denen die in 288 Sprachen verfügbare Wissensplattform ergänzt werden könnte – seien es historische Karten, Fotografien oder Zeichnungen.

Dass der Wikipedia-Enthusiast derzeit an der Unibibliothek ein- und ausgehen darf, ist das Verdienst von UB-Vizedirektor Felix Winter. «Ich habe ihn an einer Veranstaltung der Nationalbibliothek kennen gelernt und sofort gedacht: Den brauchen wir.» Zunächst sei sein Vorschlag an der UB «eher verhalten» aufgenommen worden, erinnert sich Winter. Mittlerweile seien aber viele Vorurteile gewichen, und die Zusammenarbeit sei für beide Seiten fruchtbar. «Wikipedia passt gut zur Unibibliothek, denn unser Auftrag ist nicht nur das Archivieren, sondern die Wissensvermittlung generell, auch ausserhalb unseres Gebäudes», sagt Winter.

UB-Vizedirektor Felix Winter hat den «Wikipedian» nach Basel geholt.

UB-Vizedirektor Felix Winter hat den «Wikipedian» nach Basel geholt.

Viele Vorurteile

Die anfängliche Skepsis hat auch Rieser mitbekommen. «Wikipedia wird im universitären Umfeld teilweise immer noch stark hinterfragt. Mit Gesprächen und Schulungen konnte ich aber bereits einige Vorbehalte abbauen und erste Doktoranden dazu motivieren, selbst an Artikeln zu ihrem Fachgebiet mitzuschreiben.» Diese Art der Wissensvermittlung sei seine Hauptaufgabe als «Wikipedian in Residence». «Ich setze mich nicht in die Unibibliothek und schreibe Artikel für Wikipedia, sondern möchte dafür sorgen, dass ein langfristiges Engagement entsteht.» Bei seinen beiden ersten «Wikipedian in Residence»-Einsätzen im Bundesarchiv und bei der Nationalbibliothek sei ihm das gelungen. Und auch für die Basler Bibliothek ist Rieser bei Halbzeit seines Engagements zuversichtlich. «Ich bin positiv überrascht, wie fortschrittlich die UB in Sachen Digitalisierung bereits ist. Nun arbeiten wir an Schnittstellen, um die vielen bereits digital aufbereiteten Bestände via Wikipedia einer grösseren Gemeinschaft zugänglich zu machen.»

Wikipedia sei keinesfalls eine Konkurrenz für die Bibliotheken, sondern ein wichtiger Zugang zur digitalen Welt, ist der 39-Jährige überzeugt. «Während meines ersten Einsatzes im Bundesarchiv haben wir digitalisierte Bilder aus dem Ersten Weltkrieg in Wikipedia integriert. Einer der Wiki-Nutzer hat dann erkannt, dass die Aufnahme einer Flugzeug-Reparatur inszeniert sein muss – weil der Motor des Propellerflugzeugs nicht zu dessen Rumpf passt. «Das hätten auch dutzende Historiker nicht herausgefunden, dafür brauchte es ebendiesen einzelnen Flugzeug-Fanatiker», erklärt Rieser das wichtige Wikipedia-Prinzip «Crowdsourcing» – also die Arbeitsauslagerung an eine grosse Menge Personen.

Als weiteren Beweis, dass sich Bibliotheken und Wikipedia nicht konkurrieren, sondern ideal ergänzen, fügt Rieser an, dass Wikipedia nie exklusive Informationen publiziere, sondern immer mit Bezug auf bestehende Quellen; also beispielsweise auf (digitalisierte) Bestände von Bibliotheken. «Die Aufgabe von Bibliotheken bleibt das Archivieren und Bereitstellen von Material, damit die Menschen damit arbeiten können. Wenn Wikipedia bei dieser Aufgabe helfen kann, ist das für beide ein Gewinn», sagt UB-Vizedirektor Winter.

Erster Upload steht kurz bevor

Nach seinen ersten drei Monaten in Basel hat der Zürcher Kommunikations- und Informatikingenieur bereits erste «Schätze» ausgemacht, die schnellstmöglich dem Wikipedia-Bestand zugeführt werden sollten. «Derzeit bereiten wir das Hochladen von historischem Kartenmaterial aus dem UB-Bestand vor. Darunter hat es einzigartiges Material, etwa die älteste Karte von Paris», schwärmt Rieser.

Am Freitag findet an der Unibibliothek die erste «Schreibwerkstatt Wikipedia» statt. Dabei lernen die Kursteilnehmer, eigene Wikipedia-Artikel zu verfassen. Kontakt: micha.rieser@unibas.ch