Es ist vielleicht nicht mal eine Übertreibung: Die baldige Eröffnung dieses Hauses Mitte April ist das Basler Kulturereignis dieses Jahrhunderts. Wobei, was heisst hier Haus? Mehr wie eine Burg wirkt der Neubau des Kunstmuseums: ein trutziges Gebäude, viel grobstrukturierte Fassade, wenige Fenster. Mit seiner grauen Farbe, den breiten Streifen und der rauen Textur erinnert es von aussen auch an den Panzer eines Gürteltiers.

Am Dienstag durften die Medien zum ersten Mal in diesen Neubau eindringen. Ohne Helm: Es ist fast fertig. Die Eroberung des neuen Kunstmuseums führt durch das alte. Das sieht fast gleich aus wie vor der Schliessung, obwohl seine Grundpfeiler die letzten Monate erneuert und erdbebensicher gemacht worden sind. Doch im äussersten Raum, dem Siebenfensterraum, führt nun eine breite Marmortreppe abwärts.

Hell ist es hier unten, 6,5 Meter unter der Erde. Und gar nicht eng. Es ist kein dunkler Geburtskanal, der unter der Dufourstrasse vom Mutterhaus zum jungen Haus führt, sondern ein grosszügiger, grell beleuchteter Raum gefolgt von einem noch grosszügigeren: einem Foyer, das bald auch für Vorträge und mehr genutzt werden kann. Noch etwas weiter unter Tag werden bald diejenigen Kunstwerke gelagert, die gerade nicht ausgestellt sind. Vielleicht sind sie da sicherer als alles andere in dieser Stadt: Sämtliche Anforderungen an einen Kulturgüterschutzraum seien erfüllt, sagt Carmen Wehmeyer, die Projektverantwortliche des Erweiterungsbaus, die uns durch die neuen Räume führt.

360°-Video: Besuchen Sie das neue Kunstmuseum von ihrem Sofa aus

Kommen Sie mit auf eine virtuelle Tour durchs neue Kunstmuseum!

Mit unserem 360-Grad-Video haben Sie den Rundumblick: Erleben Sie den Museums-Rohbau, als wären Sie selbst dort.

Kubistisches Formenspiel

Auf der anderen Seite gehen wir wieder eine Treppe aufwärts, die Spannung steigt, dann sind wir endlich drin, im neuen Kunstmuseum. Die Wände blitzen uns silbern entgegen: Für den Eingang haben die Architekten von Christ & Gantenbein eine verzinkte Oberfläche gewählt. Hier kommt bald der Museumsshop mit seinem Tand hin, hier kommt man bald auch durch einen eigenen Eingang von der Kreuzung her hinein.

Erster Blick rundum. Am eindrücklichsten und überraschendsten ist der Treppenraum. Von ganz unten sieht man bis nach ganz oben, hinauf zu einem grossen, runden Oberlicht. Der Blick wird verstellt von zwei schräg versetzten Betontreppen. Bei jedem Schritt nach links oder rechts verändern diese den Bildausschnitt, den Blick auf Ecken und Rundungen, auf Längen und Tiefen. «Für sich ein Bild», sagt Baudirektor Hans-Peter Wessels. Ein kubistisches.

Auch im Inneren dieser Burg gibt es keinen Firlefanz, nichts Kleinteiliges, Verspieltes. Es ist ein No-Nonsense-Museum: In seiner Grosszügigkeit doch minimalistisch. Aufs Maximum reduziert sind auch die auf zwei Stockwerke verteilten Ausstellungsräume, 20 insgesamt: Holzböden aus Eiche, industriell wirkende Decken mit Neonröhren und Stahlbetonteilen. «Im Schnitt sind die Räume deutlich grösser als im Altbau», sagt Co-Architekt Emanuel Christ.

Massive Türen wirken wie in einem Hochsicherheitsgefängnis - zum Glück stehen sie offen. Die wenigen Fenster haben feuerverzinkte Stahlblechläden. Auch sie sind offen und bieten ausgewählte Blicke – auf das Kunstmuseum gegenüber, auf die St. Alban-Vorstadt, und, besonders schön, die Rittergasse hinauf bis zum Münster.

Wessels’ schönstes Projekt

Wenn lichtempfindliche Bilder oder das Konzept es verlangen, können die Läden geschlossen oder Rollläden hinuntergelassen werden. Das Bullauge auf dem Dach lässt Tageslicht hinein, kann aber auch Kunstlicht verströmen. Es ist zugleich ein Brandschutz: Im Notfall wirke es wie ein starker Rauchabzug, erklärt Carmen Wehmeyer.

Der Neubau katapultiere das Kunstmuseum Basel in eine neue Liga, sagte kürzlich Vizedirektorin Nina Zimmer in einem Interview. Dabei zählt es schon jetzt zu den zehn wichtigsten der Welt. Nur etwas fehlt derzeit noch: Die Kunst. Sie wird erst aufgehängt und gestellt, wenn die Räume komplett staubfrei sind und die Haustechnik einwandfrei funktioniert, sagt Wessels. Das wichtigste Bauprojekt seiner Amtszeit? «Das schönste!»

Emanuel Christ: «Es hat etwas Erhabenes, Nobles, aber auch etwas Technisches, Industrielles»

Herr Christ, Sie haben jahrelang an diesem Projekt gearbeitet, jetzt stehen Sie drin. Wie ist das für Sie?

Emanuel Christ: Alles in allem bin ich zufrieden und dankbar. Den ersten Moment der Erleichterung habe ich bereits empfunden, als der Rohbau fertig war. Er hat uns bestätigt, dass das, was wir entwickelt haben, sich bewährt und funktioniert. Es passiert eine schrittweise Enthüllung und Konkretisierung. Bis zuletzt ist man angespannt. Nun stehen die Details im Fokus, kleine Verbesserungen.

Sie waren im intensiven Austausch mit der künstlerischen Leitung. Mussten Sie viele Kompromisse eingehen?

Es war ein intensiver Prozess. Und ich sage das nicht nur, weil ich vor der Presse stehe: Es gibt in diesem Projekt keinen einzigen schlechten Kompromiss. Kunstmuseumsdirektor Bernhard Mendes-Bürgi, sein Team und wir hatten einen engagierten, respektvollen und freundschaftlichen Austausch darüber, wie die Räume sein sollen, wie man Kunst ausstellt.

Was waren die Knackpunkte?

Spannend in der Diskussion war: Wie viel Fenster gibt es – und wo? Und die Materialität: Welche Materialien wollen wir verwenden? Wie stark sollen die Kontraste sein? Wie geht man in Ausstellungen damit um? Mendes-Bürgi hat darauf gedrängt, dass es die starke Differenzierung zwischen Treppenhaus und Ausstellungsgalerien gibt. Dafür bin ich nun sehr dankbar.

Das Treppenhaus war wahrscheinlich am anspruchsvollsten?

Es ist auf den ersten Blick sicher der spektakulärste Raum. Hier dürfen die Leute etwas erleben und sich auch selbst inszenieren.

Im Moment gibt es einen Trend zu hellen, transparenten Gebäuden. Setzen Sie einen Gegentrend?

Es ist ein Bekenntnis zu einer verbindlichen Architektur. Das Haus steht dazu, dass es aus Beton und Backstein gebaut ist. Es ist nicht alles gleichmässig. Das Haus vertraut auf elementare Architekturerfahrung. Es hat etwas Erhabenes, Nobles, aber auch etwas Technisches, Industrielles. Es stellt tatsächlich einen anderen Trend dar, auch einen hin zur Stadt: Das Museum ist Teil seiner Umgebung, tritt mit ihr in eine Beziehung ein. Es ist nicht einfach ein selbstverliebtes, spektakuläres Objekt. Es ist ein Ort der Verdichtung und Konzentration. Im Zentrum steht die Begegnung zwischen den Besuchern und den Kunstwerken. Die Architektur schafft dafür den Rahmen. Das ist die Essenz.

Der Architekt hat zusammen mit seinem Partner Christoph Gantenbein und seinem Team den Erweiterungsbau konzipiert.

Der Architekt hat zusammen mit seinem Partner Christoph Gantenbein und seinem Team den Erweiterungsbau konzipiert.