Jeder, der vorgibt, in Sachen Design etwas auf sich zu halten, findet ihn eine Katastrophe, eine Plastik gewordene Geschmacksverstauchung, ein Paradebeispiel für visuelle Umweltverschmutzung. Aber jeder ist auch schon stundenlang auf ihm gesessen, hat auf seiner Sitzfläche geschwitzt, in einer Landbeiz oder an einem überfüllten Strand. Die Rede ist vom berühmtesten Stuhl der Welt. Eine Milliarde Exemplare soll es auf unserem Planeten von ihm geben: dem Monobloc, dem stapelbaren, unverwüstlichen, wetterfesten, federleichten und ultrabilligen Plastikstuhl — dem Unstuhl an sich.

Ein Möbel als Politikum

Der Monobloc gehört sicher auch zu den ganz raren Möbelstücken, die Eingang in einen Gesetzestext gefunden haben. Basel war die erste Stadt der Welt, die 2005 den Monobloc im öffentlichen Strassenbild verboten hat. Die damalige Baudirektorin Barbara Schneider (SP) wurde nicht müde, die Hässlichkeit der Plastikstühle anzuprangern. Der damalige CVP-Grossrat Peter Eichenberger hatte einen Vorstoss eingereicht, damit es in Basels Strassencafés stilvoll zu und hergeht. Die Wirte wiederum befürchteten, sie würden alle pleite gehen.

Mitte Februar dieses Jahres hob die Basler Regierung das Verbot jedoch wieder auf. Sehr zum Unmut des grünen Grossrats Michael Wüthrich. Er forderte in einer Motion, dass die regierungsrätliche Lockerung der Vorschriften wieder rückgängig gemacht wird. Was wiederum die Jungfreisinnigen auf den Plan rief: «Genau wegen solchen Regulierungs- und Verbotsfanatikern braucht es in Basel mehr FreiheitskämpferInnen! Es lebe die Vielfalt in der Gastro!», verkündet die JFDP auf Twitter. Grossartig! Von welchem Stuhl kann schon behauptet, er sei Symbol eines Freiheitskampfes?

Ein Teil der Designgeschichte

Zusätzlich zu den politischen Weihen erhält der Stuhl nun auch museale. Das Vitra Design Museum in Weil am Rhein widmet dem Monobloc in seinem Schaudepot seit Freitag eine kleine Ausstellung. Mit dem snobistisch verschmähten Möbel verbindet sich nämlich ein Stück interessante Designgeschichte.

Seit Möbel industriell produziert werden, hatten die Hersteller und Designer eine Vision: Ist es möglich ein Möbelstück aus einem einzigen Material, in einem Stück zu fertigen? Für uns im Zeitalter des 3-D-Drucks eine müssige Frage. Doch bis zum Zweiten Weltkrieg scheiterten alle Versuche, ein solches Stück industriell zu produzieren. Das lag vor allem an den vorhandenen Materialien. Erst die Weiterentwicklung des Kunststoffs machte die Bahn frei.

Es war ein kleiner Unternehmer im Burgunder Dörfchen Nurieux, der die Herstellungsweise revolutionierte. Henry Massonnet tüftelte mit seiner Firma Stamp an den damals sehr anspruchsvollen Kunststoffgüssen. Die Firma kreierte Eimer, Plastikkisten  und 1948 den Prototyp des Monobloc-Stuhls. Massonnet, ein Kunstliebhaber, liess ihn von Pierre Paulin entwerfen, einem der bedeutendsten Designer Frankreichs. Paulin ging jedoch auf Distanz zum Plastikstuhl und wollte ungenannt bleiben.

Vom Luxus- zum Billigprodukt

Doch trotz technischer und gestalterischer Innovation, war der Monobloc damals schwer auf dem Markt zu platzieren, zumal er noch sehr teuer war. Erst ist den 60er-Jahren nahm die Produktion etwas Schwung auf. Zumindest der Plastikhocker aus Massonnets Fabrik wurde zu einer Stilikone, weil Brigitte Bardot diesen — zum Aschenbecher umfunktioniert — in ihrem Haus in Saint-Tropez rumstehen hatte.

Aber auch Anfang der 70er-Jahre kostete der Stuhl noch 50 Deutsche Mark. Massonnet verkaufte sein Patent für den Monobloc mittlerweile weltweit. In den 80er-Jahren erst hob der Stuhl zu seinem weltweiten Siegeszug an. Die vormals guten Designs wurden je nach Geschmack und Preisklasse abgeändert. In den 90ern wurde der Monobloc von der Geschmackselite bereits als globale Plage erkannt. In den Nullerjahren wurde es ruhiger um ihn. Bezeichnenderweise wird der geschmähte Stuhl jetzt zum Thema von Künstlern wie Jeff Koons oder Brian Jungen.

Dass der Monobloc selbst nun zum Museumsstück wird, ist unter anderem dem Engagement von Jens Thiel zu verdanken. Der umtriebige deutsche Manager, Berater und Unternehmer beschäftigt sich seit 17 Jahren mit dem Faszinosum Monobloc. In einem Vortrag zur Eröffnung der Ausstellung vergangenen Donnerstag, führte er das Publikum in dessen Geschichte ein und sagte am Ende zurecht: «Wo auch immer sie nun hingehen, sie werden Monoblocs sehen!»

Phänomen einer globalen Kultur

Nun steht also ein meterhoher Turm aus Monoblocs inmitten der Designikonen des Vitra-Schaudepots. Natürlich ist auch der Prototyp von Massonnet zu sehen. Und die Schau schlägt einen Link zu weiteren Stühlen, die in einem Gussverfahren hergestellt worden sind. Darunter berühmte Entwürfe von Luigi Colani, Helmut Bätzner oder Verner Panton. Ergänzt wird die kleine Schau mit einigen Arbeiten, in denen Künstler den Monobloc verwenden.

Zudem zeigen auf die Wand projizierte Fotografien den Stuhl nochmals in seiner ganzen Verbreitung. Monoblocs rund um den Erdball, in allen erdenklichen Konstellationen und Situationen. Der so verhasste wie geliebte Plastikstuhl wird als Phänomen einer globalen Kultur gewürdigt.

Es wird sich bei der Beantwortung der Motion im Grossen Rat zeigen, ob Basel jenes «letzte, kleine Dorf» bleiben wird, das dem Siegeszug dieser Billigmöbel-Ikone mit dem Zaubertrank des guten Geschmacks etwas entgegenhalten kann.