Do it yourself – das war einmal Kult in den 1960er- und den 1970er-Jahren. Seit der rasanten technischen Entwicklung hin zum Kleincomputer, iPad und iPhone oder Smartphone hat sich die Kultur des Selbermachens aus unserem Alltag verabschiedet. Die hochtechnischen Geräte, die fast alles können, sind für uns Black Boxes. Diese wecken aber auch Neugier: Wer möchte nicht hinter diese künstlichen Hirne blicken und wissen, wie sie funktionieren. Aus diesem Wissensdrang heraus hat sich eine neue Do-it-yourself–Kultur entwickelt, die mit hochtechnischen Instrumenten werkelt – und Künstlerinnen und Künstler wirken daran kräftig mit.

Dem Phänomen der neuen «DIY-Kultur» – wie die Begriffsabkürzung heisst – widmet das Haus der elektronischen Künste (HeK) auf dem Kunstcampus des Dreispitz mehr als nur eine Ausstellung. Zwar stellen Künstlerinnen und Künstler aus dem trinationalen Raum ihre hier installierten Arbeiten aus, aber «Critical Make – turning functionality» ist ebenso Diskussionsplattform, Workshop, Performance und bietet eine Anleitung zum Do it yourself auf unterschiedlichen Ebenen an.

Die Vermittlung neu denken

Die Ausstellung wie die Veranstaltungsreihe und die Workshops sind aus dem Gedanken der Vermittlung heraus konzipiert. So hat es Susanne Himmelsbach, die Direktorin des HeK, bei der Präsentation formuliert. «Wir denken die Vermittlung neu und weit über die Kunst hinaus.» Ausgangspunkt bleiben natürlich die Künste. Die Vermittlungsarbeit im neuen HeK begleitet nicht nur Ausstellungen, sondern will diese hochtechnischen Black Boxes durchleuchten, ihre Möglichkeiten erkunden und ebenso ihre gesellschaftlichen Wirkungen und Bedeutungen auch umfassend hinterfragen.

Das Vermittlungskonzept, zu dem auch die Ausstellung «Critical Make» gehört, wird von «Engagement», einem neuen Förderungsgefäss der Migros-Gruppe, bis 2017 unterstützt – im Förderungsprogramm «Museum der Zukunft».

«Critical Make – turning functionality» hat den Charakter des Selbermachens. Die künstlerischen Arbeiten geben zudem Einblick in ihr Innenleben. Sie hat somit bewusst Labor-Charakter wie die ganze nur eine Woche dauernde Veranstaltung. Der Untertitel der Ausstellung heisst denn auch «Kreieren, Reparieren, Reflektieren: Sieben Tage Do-it-yourself am HeK». Die Ausstellung selbst gleicht einem Labor.

Raphael Perret legt mit Elektroschrott ein Yantra, ein indisches, religiöses Ornament. Dahinter zeigt er Videos von Recycling-Fabriken in Indien. Sie dokumentieren die katastrophalen Bedingungen, unter denen dort ausgediente elektronische Geräte verschrottet werden.

Subversion des Nicht-Funktionalen

Das Programm

«Critical Make – turning functionality» im Haus der elektronischen Künste dauert bis 29. April. Neben Führungen durch die Ausstellung bietet es Diskussionen, Workshops und Anleitungen zum Selbermachen. Und vor allem ein «Repair Café» eine offene Werkstatt, in der man eigene Elektrogeräte reparieren, Kleider schneidern und anders produzieren kann. Detailliertes Programm unter hek.ch.

Spannungsvoll ist die Videoarbeit «Train Project» der französischen Künstlergruppe HeHe. Auch hier wird der Begriff «turning functionality» wörtlich umgesetzt. Erkundet werden die Schienennetze in Frankreich, die ausser Betrieb gesetzt sind – mit einem durch Sonnenenergie betriebenen Rad. Es fährt auf den Schienen durch das Niemandsland, das sich teils mitten durch Städte und Verkehrsadern zieht. Das nutzlos gewordene Gebiet wird zum Neuland und wir gehen mit auf die Entdeckungsfahrt.

Der Deutsche Jens Standke hat eine neue Verwendung für die alte Vinyl-Schallplatte entdeckt. Er baut daraus Skulpturen, die auch klingen. Er schneidet Hunderte von Schallplatten in neue Formen und schichtet sie zu stalaktitartigen Gebilden übereinander. Zugleich horcht er die gefrästen Ränder auf die dort eingebrannten Klänge ab und lässt uns diese hören. Maschinen für eine künstlerische Bearbeitung der Schallplatten gibt es selbstverständlich keine. Jens Standke hat die Fräsmaschine selbst gebaut – eine Maschine, die auch die Töne der Schallplatte per Laser abtastet und sie auf einem Computer sampelt. So erhalten wir Einblick in den Entstehungsprozess.

Der Plattenspieler des französischen Duo Scenocosme horcht den Querschnitt eines Baustamms mit den Jahresringen ab und bringt ihn zum Klingen. Hightech wird hier genutzt, um Natur neu zu erfahren – auch das ein wichtiges Thema der Ausstellung. Auf der Wand, die den Ausstellungsraum diagonal durchschneidet, hat Andrea Suter einen Scheibenwischer angebracht. «Sight clearing» beginnt sich zu bewegen, wenn es draussen regnet.

In Michel Winterbergs Installation «trial, be a plotter», kann jeder Besucher hinter einem Bildschirm sein Gesicht bewegen. Per Computer und Zeichenstift werden die Bewegungen auf ein Endlospapier aufgezeichnet – dabei kommt meist ein «abstraktes Gekritzel» raus, wie Winterberg nicht ohne Schalk erwähnt.

Selbermachen mit viel Witz wird hier erprobt. Und die Ironie, die mit zur Reflexion über Do it yourself in neuen Formen gehört, birgt sich in der Installation «DiYng von vor-gestern». Hier sind Deckblätter von Do-it-yourself-Magazinen – da kehren wir zurück zur poppigen alten Do-it-yourself-Kultur.