Er hat den Ökologischen Fussabdruck entwickelt. Und macht damit seit Jahren auf die Ressourcenknappheit der Erde aufmerksam. Er sagt: «Die Schweiz braucht vier Mal mehr von der Natur als die Schweizer Ökosysteme hergeben.» Er bezeichnet das Ungleichgewicht zwischen der wachsenden Anzahl Menschen und den schrumpfenden Ressourcen als «immense Tragödie» – und trotzdem will er mit der strikten Einwanderungsstopp-Initiative der Vereinigung Umwelt und Bevölkerung Ecopop nichts zu tun haben. Dasselbe gilt für die Masseneinwanderungsinitiative: «Ich habe sie abgelehnt», sagt der Basler Mathis Wackernagel.

Er hat sein Stimmcouvert nicht etwa in seiner Heimatstadt ausgefüllt, sondern elektronisch in Kalifornien. Dort lebt Wackernagel seit 1999. Und dort wirkt er. Das Ja zur Masseneinwanderungsinitiative sei «ein Schuss hinde use». «Eben weil die Ressourcenknappheit exponentiell dramatischer wird, ist die internationale Zusammenarbeit wichtiger als je zuvor.» Sollte die Ecopop-Initiative, über die 2014 oder Anfang 2015 abgestimmt wird, wie die Masseneinwanderunginitiative wider Erwarten angenommen werden, verschlechtere sich die Situation, ist er überzeugt.

Vortrag mit unerwarteten Folgen

Ganz falsch liegen die Ecopop-Initianten trotzdem nicht, wenn sie glauben, Mathis Wackernagel sei auf ihrer Linie. Schliesslich geht er mit ihnen einig, wenn er etwa sagt: «Wir müssen die Weltbevölkerung von ihrem Wachstumskurs abbringen.» Dasselbe Ziel verfolgt Ecopop. Und will mit einer Abstimmung die Nettozuwanderung in der Schweiz auf fix 0,2 Prozent beschränken.

Doch bei der Problemlösung trennen sich die Wege von Ecopop und Wackernagel: «Die Vorlage ist unmenschlich. Wo in Europa die Menschen wohnen, ist relativ unbedeutend für den Ressourcenverbrauch.»

Es ist offensichtlich: Die Initianten haben sich nicht mit Wackernagel abgesprochen, als sie vor zwei Wochen zur bz sagten, er stehe hinter der Vorlage. Hintergrund für die falsche Annahme ist ein Vortrag, den Wackernagel vor vier Jahren bei Ecopop hielt. Im Jahresbericht wurde der Vortrag so zusammengefasst: «Er zeigte anhand konkreter Beispiele die Bedeutung des Ökologischen Fussabdrucks auf, der eine Art Buchhaltungssystem und Planungsinstrument darstellt. Daraus leitet sich unter anderem ab, dass es drei Planeten wie die Erde bräuchte, würden alle Menschen leben wie die Schweizer.» Von möglichen Massnahmen gegen hohe Einwanderung steht kein Wort im Jahresbericht 2010. Was nicht heissen soll, dass sich Wackernagel keine Gedanken dazu macht.

Befürworter von Schweiz in der EU

«Die Schweiz braucht eine gute Zusammenarbeit mit allen Bürgern der Welt. Wir sind enorm abhängig von der Welt. Unser Signal muss Offenheit sein – damit wir das Problem zusammen angehen können», sagt er. Jeder Schritt weg von der EU ist seiner Meinung nach ein Schritt in die falsche Richtung. «Längerfristig kann ich mir eine Schweiz ohne volle Integration in Europa immer weniger vorstellen, besonders mit den wachsenden globalen Herausforderungen der Ressourcensituation.»

Wenn bei uns Abend ist, steht Wackernagel auf. Dann liest er im Internet Schweizer Zeitungen vom Vortag. Ihm ist sehr wohl bewusst, dass ein EU-Beitritt in nächster Zeit keine Chance hätte. Auch für ihn als Auswanderer sei es nicht drängendstes Ziel, sein Heimatland in der EU zu wissen. Viel mehr hoffe er, dass sich ein Abstimmungsresultat wie bei der Masseneinwanderung nicht wiederhole. Und sich die Menschen mehr mit der «zentralen Rolle» der Energie und anderer Ressourcen befassen würden. «Davon hängt ab, wie gut wir in der Schweiz und in der Welt leben oder gar überleben können.»