Sieben Stunden marschierte Simon zu Fuss, harrte zwei Tage in der Sonne aus, dann griff ihn das eritreische Militär auf. Soldaten verhafteten ihn, brachten ihn ins Gefängnis – in eine 12 Quadratmeter grosse Zelle. 22 Häftlinge mussten sich diese teilen. Schlafen war nur in der Seitenlage möglich. Zwei Mal pro Tag führten die Wärter die Häftlinge ins Freie für die Notdurft. In Fesseln. Zwei Mal pro Tag bekam Simon einen halben Liter Wasser. Das musste auch zum Waschen reichen.

Simon lebt nicht in Basel. Aber zahlreiche Landsleute, die dies auch erlebt haben. Eritreer sind die grösste Flüchtlingsgruppe in der Schweiz – 24 000 leben hier. Sie flüchteten aus einer Militärdiktatur, vor Willkür und einem jahrelangen Militärdienst. Sie flüchteten auch aus einem Land, das – nach Nordkorea – den hintersten Rang in der Pressefreiheit belegt. Der Informationsfluss ist total abgeschirmt. So wenig man über Eritrea weiss, so viele Fragen gibt es – gerade in Bezug auf die Integration der Flüchtlinge in der Schweiz. Das zeigte das grosse Interesse an der Fachtagung, welche die GGG Ausländerberatung unter dem Titel «Deserteure oder Verfolgte?» organisierte.

Als Referent sprach der deutsche Ethnologe Magnus Treiber. Er gilt als ein Experte für Eritrea, beschäftigt sich seit rund fünfzehn Jahren mit dem Land und verbrachte mehrere Forschungsaufenthalte dort. Werden in der Schweiz immer wieder politische Stimmen laut, die eine Überprüfung der Rückführung von eritreischen Flüchtlingen fordern, findet Treiber klare Worte: «Eritrea ist kein sicheres Land. Wer desertiert, wird verfolgt.»

Wie unter Stalin

Männer müssen im Militärdienst bis über ihr 50. Altersjahr dienen, Frauen bis Mitte 20. «In dieser Zeit kann man sich nicht selbst ernähren», sagt Treiber. Zu gering sei der Sold. Wer einmal im «National Service» ist, darf auch nicht ausreisen. Deshalb ist die Zahl der minderjährigen Asylsuchenden aus Eritrea so hoch: Sie versuchen noch während ihrer Schulzeit, der Rekrutierung zu entkommen. Viele von ihnen kommen ohne Eltern oder erwachsene Begleitperson nach Europa.

Der Ethnologe vergleicht die Regierungsführung des eritreischen Präsidenten und ehemaligen Guerillachef, Isaias Afewerki, mit jener von Stalin. Auch Afewerki habe in der politischen und wirtschaftlichen Elite «Säuberungsaktionen» durchgeführt. Rund um den Präsidenten haben sich mafiaähnliche Strukturen gebildet. Der Präsident selbst gebe an eine «nebulös organisierte Volksarmee» Waffen ab, so Treiber. Auch von der Armee zeichnet der Ethnologe ein Schreckensbild: So seien eritreische Militärs unter anderem in den Verkauf von Minderjährigen in den Sinai verwickelt.

In der Zukunft sieht Magnus Treiber wenig Chancen. «Die Elite wird zwar immer älter; Junge rücken aber nicht nach. Sie werden nicht zugelassen.» Im Ausland – vor allem in Äthiopien und im Sudan – stehen verschiedene Oppositionsparteien bereit. «Ihnen traut aber niemand eine friedliche Transformation zu. Chaos und Bürgerkrieg dürfte die Zukunft bringen», so Treiber.

«Je mehr ich heute Morgen über Eritrea erfahren habe, umso stärker bin ich innerlich verstummt», sagt die Basler Asylkoordinatorin Renata Gäumann. Sie beschreibt an der Fachtagung die eritreischen Flüchtlinge in der Schweiz als Gruppe ohne Zusammenhalt. «Sie scheinen in kleine Gemeinschaften aufgeteilt zu sein, die sich gegenseitig misstrauen», sagt Gäumann. Gemäss den Rückmeldungen von Basler Sozialberatenden wisse man häufig nicht, was in den eritreischen Flüchtlingen vorgehe. «Was innerlich passiert, wird nicht nach aussen kommuniziert», sagt Gäumann.

Spitzel in der Schweiz

Diese Zurückhaltung zeigte sich indirekt auch bei der Podiumsdiskussion an der Fachtagung: Kein eritreischer Flüchtling diskutierte mit. «Niemand wollte sich öffentlich exponieren. Sei dies wegen der Spaltung innerhalb der Flüchtlingsgruppe oder wegen des verlängerten Arms des Staates, der seine Spitzel auch in der Schweiz hat», sagt Eleonore Wettstein von der GGG Ausländerberatung.

Die Diversität der eritreischen Flüchtlinge kennt auch Magnus Treiber: «Die nationale Zuschreibung reicht nicht. Die Unterschiede zwischen den Regionen und Religionen können gross sein.» Zudem werden die Asylsuchenden jünger, ländlicher. «Viele von ihnen werden auf der Flucht traumatisiert und in den Menschenschmuggel eingebunden», sagt Treiber. Deshalb brauchen sie in den Aufnahmeländern eine entsprechende Betreuung. «Sie kommen nach Europa, weil sie hier der Rechtsstaat, die verlässlichen Strukturen anzieht. Auf dieser Basis wollen sie eine neue Existenz aufbauen.»

So wie Simon, der für seine Fluchtversuche mit mehreren Gefängnisaufenthalten bezahlte. Irgendwann schaffte er es – und kam nach Deutschland.