Mehr als 12 Jahre lang war Martin Haug der erste und einzige Leiter einer kantonalen Fachstelle für die Gleichstellung von Menschen mit Behinderung. Im Rahmen der Sparmassnahmen wurde sie per Ende 2015 geschlossen. Pro Jahr kostete sie 160 000 Franken. So lange Martin Haug noch als Fachstellenleiter angestellt war, durfte er seinen Standpunkt öffentlich nicht vertreten. Mit der bz spricht er nun erstmals nach seiner unfreiwilligen Frühpensionierung.

Herr Haug, jahrelang übernahm Basel-Stadt eine Pionierrolle in der Gleichstellung von Behinderten, kein anderer Kanton verfügte über eine solche Fachstelle. Nun ist auch hier Schluss. Hat der Musterschüler alle Aufgaben erledigt?

Martin Haug: Nein, die Betroffenen müssen in ihrem Alltag nach wie vor unzählige Hürden überwinden. Obwohl in den letzten Jahren viel passiert ist: Basel hat investiert in den Zugang von öffentlichen Gebäuden und ist dran, den öffentlichen Verkehr zugänglich zu machen. Auch die integrative Schule ist gut unterwegs. Auf Initiative der Fachstelle wurden Tagesheime, Bildungseinrichtungen oder Quartiertreffpunkte zugänglich gemacht. Dennoch gilt in Basel wie in der ganzen Schweiz: Wir stehen in der Gleichstellung von Behinderten erst ganz am Anfang.

Wie zeigt sich das?

Vor zwei Jahren ratifizierte die Schweiz die UN-Behindertenrechtskonvention. Deren Grundlage ist die Inklusion. Das bedeutet, dass Behinderte in denselben Lebensräumen wie wir wohnen, arbeiten und ihre Freizeit gestalten. Die Realität in der Schweiz sieht aber genau anders aus. Es gibt eine riesige Sonderstruktur mit eigenen Wohnheimen, Werkstätten und Ausbildungsbetrieben. In diesem umfassenden System werden die Behinderten versorgt und beschäftigt. Das Leben der Betroffenen ist fremdbestimmt und kann sich nicht entwickeln. Die Gleichstellung ist nicht ansatzweise eingelöst.

Sie plädieren für einen Systemwechsel? Das dürfte vielen nicht passen.

Ja, denn nicht nur in Politik und Verwaltung stösst diese Sichtweise auf Widerstand. Auch die Institutionen sind nicht daran interessiert, ihre Dienstleistungen einzuschränken. Es ist schwierig, ein System aufzulösen, das viel Geld und Arbeitsplätze bindet. Will der Kanton Basel-Stadt die UN-Konvention einlösen, dann braucht es hier – wie in der ganzen Schweiz – ein Umdenken.

Ein Bedarf an Unterstützung und Betreuung bleibt dennoch bestehen. Wie soll das funktionieren?

Menschen mit einer Behinderung bilden eine äusserst heterogene Gruppe. Sie machen 20 Prozent der Bevölkerung aus. Es gibt Menschen mit Mobilitäts-, Seh- und Hörbehinderungen sowie Menschen mit psychischen Erschütterungen und geistiger Behinderung. Für alle gilt: Sie brauchen Strukturen, die sich ihrem individuellen Unterstützungsbedarf anpassen. Die auf sie zugeschnittenen Lösungen sollen sie selber bei unterschiedlichen Dienstleistern einkaufen. Die Betroffenen wohnen dann in den eigenen vier Wänden, verfügen über Privatsphäre und leben unter uns in den Quartieren.

Alleine zu Hause wohnen und eine Dienstleistung einfordern: Das kann je nach kognitiver Beeinträchtigung einen Betroffenen doch überfordern?

Das ist das klassische Killerargument, das auch die Institutionen bringen. Sie sprechen dann von Verwahrlosung oder Vereinsamung. Bleiben Behinderte aber lebenslang unter sich, wird die Behinderung zum Massstab und nicht ihr Potenzial. Selbstbestimmung muss man aufbauen und schrittweise übergeben. Die Unterstützung des Betroffenen muss selbstverständlich gesichert sein. Dafür sind Gelder vorhanden. Es fehlt am politischen Willen, diese elementaren Menschenrechte umzusetzen.

In die Richtung der massgeschneiderten, individuellen Hilfe geht auch das Behindertenhilfegesetz für beide Basel.

Das Gesetz regelt die Finanzierung von stationären und ambulanten Dienstleistungen der bestehenden Institutionen. Es greift nicht die Forderungen des Bundesgesetzes oder der UN-Konvention auf. Diese verpflichten die Institutionen, die Betroffenen schrittweise in ein selbstbestimmtes Leben zu entlassen. Auch die Abteilung «Behindertenhilfe» im Departement für Wirtschaft, Soziales und Umwelt (WSU) ist keine Gleichstellungsfachstelle. Sie befasst sich mit den Themen Arbeit, Wohnen und Freizeit nur im Zusammenhang mit Institutionen – also geschützten Werkstätten, separaten Wohnheimen, gesonderten Freizeitangeboten. Die umfassende Umsetzung von Inklusion ist nicht Aufgabe der Abteilung.

In den Departementen herrscht demnach nicht das Bewusstsein für die Anliegen der Betroffenen, wie es die Regierung behauptet?

In allen Departementen gibt es Mitarbeiter, die sich kompetent mit der Thematik auseinandersetzen. Ob die Bedürfnisse der Behinderten berücksichtigt werden, hängt stark vom Engagement Einzelner ab. Sind sie durch einen Jobwechsel oder eine Pensionierung weg, muss man das Bewusstsein in den entsprechenden Ämtern wieder aufbauen. Es braucht in allen Kantonen der Schweiz eine Fachperson, die fortlaufend Sensibilisierungsarbeit leistet und für die Betroffenen eine reale Ansprechperson ist, die versteht und handelt. Die rechtlichen Grundlagen bestehen. Jemand muss sie vermitteln: Sie sind nicht «nice to have», sondern ein «must».

In der Politik haben die Behinderten kaum eine Lobby. Woher rührt Ihr Engagement?

Bei meiner Arbeit war ich tagtäglich mit Wundern konfrontiert. Zu jeder Beeinträchtigung gehören besondere Stärken. Beispielsweise kenne ich eine gehörlose Frau, die von den Lippen liest und in perfekter Lautsprache antwortet. Sie beherrscht drei Sprachen: Unmögliches ist möglich! Oder ein Pianist mit einem Arm spielt Chopin, ohne dass man einen Unterschied hören würde. Das Potenzial von Menschen mit einer Behinderung ist riesig. Sie sind kreativ und stark, obwohl sie im Alltag mit vielen Kränkungen konfrontiert werden. Kurz: Jede Begegnung mit ihnen ist Bereicherung und Inspiration.