Der 1. Februar ist ein Wendepunkt für das Basler Privatspital Bethesda – und das in mehrfacher Hinsicht. Einerseits bedeutet der Wechsel der Frauenklinik Bruderholz des Kantonsspitals Baselland (KSBL) ans Bethesda einen massiven Ausbau des frauenmedizinischen Angebots (bz vom Freitag). Andererseits stellt genau der neue Anspruch, ein Komplettangebot zu gewährleisten, für das Haus auch eine ethisch-moralische Herausforderung dar.

Wie reagieren die Mitarbeiter?
Denn bis jetzt verzichtete das Bethesda explizit darauf, Abtreibungen durchzuführen. Dies vor allem wegen der christlichen Geschichte des Hauses. Das Spital gehört zur Stiftung Diakonat Bethesda, die der Evangelisch-Methodistischen Kirche nahesteht. Mit dem Einzug des Bruderholz-Teams um Chefarzt David Hänggi gerät diese Haltung unter Druck.

Das weiss auch Bethesda-Spitaldirektor Thomas Rudin, wie er auf Anfrage der bz sagt: «Wir sind uns unserer Verantwortung bewusst. Wir können nicht verkünden, ein Komplettangebot der Frauenmedizin einzuführen und dann einfach einen Teil davon weglassen.» Deshalb legt er offen: «Wir führen zurzeit auf strategischer Ebene intensive Diskussionen, ob unser Haus künftig auch Abtreibungen durchführen soll.»

10 249 Abtreibungen

10 249 Abtreibungen wurden 2014 in der Schweiz offiziell verzeichnet. Laut Bundesamt für Statistik entschieden sich 271 Baslerinnen und 261 Baselbieterinnen zu diesem Schritt. Bei 95 Prozent von ihnen geschah die Abtreibung in den ersten 12 Schwangerschaftswochen (siehe Kasten rechts). 70 Prozent werden medikamentös und 30 chirurgisch herbeigeführt. Von den 261 Baselbieterinnen unternahmen 213 den Eingriff im Kanton Baselland, 43 gingen nach Basel und der Rest in andere Kantone. Auch in Baselland suchten nicht nur Hiesige ein Spital auf: Unter anderem auch 91 Baslerinnen und 15 Solothurnerinnen sorgten für ein Total von 337 Abtreibungen. 

 Rudin ist sich über die Bedeutung dieser Entscheidung im Klaren: «Es geht nicht bloss um eine ärztliche Frage, sondern um das Selbstverständnis des Bethesda-Spitals.» Man bekenne sich zur Tradition des Hauses und fühle sich der christlichen Ethik verpflichtet. Rudin merkt aber an:

«Das ist ein grosses Feld und letztlich müssen wir nach bestem Wissen und Gewissen entscheiden.» Auch wenn diese Aussagen danach klingen, dass sich das Bethesda in der Abtreibungsfrage tatsächlich bald öffnen wird, betont Rudin, dass noch nichts definitiv beschlossen sei. Der Verwaltungsrat werde den Entscheid voraussichtlich an seiner nächsten Sitzung im März fällen.

Nicht unterschätzt werden darf dabei auch die Meinung des Personals. Einige Angestellte hätten sich das Bethesda explizit wegen der christlichen Werte als Arbeitgeber ausgesucht. Rudin: «Es ist möglich, dass sich Mitarbeiter anders entscheiden, sollten wir Abtreibungen durchführen.» Dass man sich nun der heiklen Diskussion stellt, hat auch mit Chefarzt Hänggi und der Erweiterung des Angebots zu tun: «Er hat die Frage als erster in den Raum gestellt», sagt Rudin. Er betont aber, dass Hänggi hinter dem Entscheid des Verwaltungsrates stehen werde, egal wie dieser ausfalle.

Abtreibung versus Babyklappe
Abzuwarten gilt es auch, wie die Schweizerische Hilfe für Mutter und Kind (SHMK) auf die Diskussion reagiert. Erst vor zwei Monaten richtete die Stiftung im Bethesda schliesslich die erste Babyklappe der Region ein. Die SHMK hat ebenfalls einen christlichen Hintergrund und engagiert sich stark gegen Abtreibungen. Babyklappen sind umstritten, da die abgegebenen Kinder später ihre leiblichen Eltern nicht mehr finden können. Weder die öffentlichen Spitäler noch die Regierungen und Parlamente in beiden Basel unterstützen sie deshalb (bz berichtete).

Rudin stellt aber klar: «Gegenüber der SHMK haben wir abseits der Babyklappe keinerlei Verpflichtungen. Die Abtreibungsfrage entscheiden wir autonom.» Der Bethesda-Direktor sieht auch die Babyklappe als Teil des Komplettangebots. Zudem werde man in naher Zukunft die sogenannt diskrete Geburt anbieten. Bei dieser wird die Frau während Schwangerschaft und Geburt anonym behandelt, hinterlegt aber Informationen, die dem Kind nach dem 18. Geburtstag übergeben werden können.

Das sagt das Gesetz: Frau kann bis zur 12. Woche entscheiden

Seit 2002 gilt in der Schweiz die Fristenregelung. Sie bezeichnet die Zeit, in der ein Schwangerschaftsabbruch straffrei möglich ist. Im Schweizerischen Strafgesetzbuch, Artikel 118-120, steht, dass eine Frau innert 12 Wochen seit Beginn der letzten Periode über einen Abbruch entscheiden kann.

Sie muss schriftlich begründen, dass sie sich in einer Notlage befinde und ein Gespräch mit dem ausführenden Arzt führen. Nach der 12. Woche braucht es das Urteil eines Arztes, dass es nötig ist, um die Schwangere vor einer schwerwiegenden körperlichen Schädigung oder seelischen Notlage zu bewahren. Die Kantone legen fest, welche Spitäler und Praxen Abtreibungen durchführen dürfen; nicht alle nutzen dies.

In Basel-Stadt macht von den Spitälern nur das Unispital Abtreibungen, in Baselland bietet ab dem 1. Februar nur noch das Kantonsspital Liestal stationäre Eingriffe an. Da mittlerweile aber nicht nur medikamentöse, sondern auch viele chirurgische Abtreibungen ambulant gemacht werden, kann der Grossteil auch nach dem Umzug weiter am Bruderholspital durchgeführt werden.