Ein waschechter Revolutionär kommt nach Dornach: Am Sonntag liest Ernesto Cardenal, vom Papst suspendierter Priester, Marxist und ehemaliger Kulturminister Nicaraguas im Kloster Dornach aus seinem literarischen Lebenswerk. Dornach ist die einzige Schweizer Station auf der aktuellen Lesereise Cardenals, die anlässlich der am letzten Samstag verliehenen Ehrendoktorwürde der Bergischen Universität Wuppertal zustande kam.

Der streitbare Poet und Träger des Deutschen Friedenspreises – 2005 war er für den Literaturnobelpreis nominiert – überlegt sich, im hohen Alter von 92 Jahren ins Exil zu gehen. Damit würde er sich einreihen in jene Gruppe lateinamerikanischer Autoren, die wie die Kubaner Jesús Díaz oder Guillermo Cabrera Infante zuerst eine Revolution unterstützten, dann aber ihrer Kritik wegen sich mit den neuen Machthabern überwarfen.

Für den Papst zu politisch

Bereits in den 50er-Jahren war er in einen gescheiterten Aufstand gegen die nicaraguanische Diktatorenfamilie Somoza involviert. Später studierte er katholische Theologie, liess sich zum Priester weihen und gründete auf einer Insel des Solentiname-Archipels im Nicaragua-See eine urchristliche Gemeinschaft. Cardenal strebte nach einer Kirche der Armen, in der sie sich nicht auf ein Himmelreich nach dem Tod vertrösten lassen, sondern im Diesseits für Gerechtigkeit kämpfen.

Sein «Evangelium von Solentiname», wurde in Europa von kritischen Christen begeistert aufgegriffen und war ein Fundament für die spätere linkskirchliche Solidaritätsbewegung mit der sandinistischen Revolution, die 1979 der jahrzehntelangen Diktatur in Nicaragua ein Ende setzte. Cardenal wurde Kulturminister der sandinistischen Regierung und war unter anderem verantwortlich für ihr Alphabetisierungsprogramm. Für dieses politische Amt wurde er von Papst Johannes Paul II als Priester suspendiert.

Kritik an der Regierung

Die Abwahl der sandinistischen Regierung 1990 wurde aus Cardenals Sicht zum Wendepunkt: Ein Teil der Partei arrangierte sich mit der Macht und kam später unter Daniel Ortega wieder an die Regierung, wo sie mit sozialistischer Rhetorik neoliberalen Investoren das Land öffnete und einen von der Familie Ortega kontrollierten Machtapparat installierte.

Cardenal verliess 1994 die offizielle sandinistische Partei und steht nun jener Strömung nahe, die, unter anderem mit dem Literaten Sergio Ramírez und der Autorin Gioconda Belli versucht, die ursprünglichen, christlich-sozialistischen Werte der Revolution hochzuhalten.

In diesen Kontext ist auch der von hier aus schwer durchschaubare juristische Konflikt um eine Immobilie auf der Solentiname-Hauptinsel einzuordnen, der bei Cardenals Exil-Überlegungen eine zentrale Rolle spielt. Er war zuletzt von einer früheren Angestellten auf die Zahlung von rund 800 000 US-Dollar verklagt worden. Cardenals Kommentar dazu: «Wir leben in einer Diktatur, und ich bin ein politisch Verfolgter.» Gemäss Radio Vatikan ist der Gerichtsentscheid vor allem vom Präsidenten des Landes abhängig, den Cardenal heftig kritisiert.

Hoffnung auf den neuen Papst

Mit Franziskus hat sich Cardenals Verhältnis zum Vatikan verbessert. So sagte Cardenal vor wenigen Tagen in der «Rheinischen Post» über den neuen Papst: «Er stellt sich auf die Seite der Armen. Die Revolution, die er führt, ist die im Vatikan. Und weil er den Vatikan verändert, wird es zu einer grossen Veränderung in der gesamten katholischen Kirche kommen.»

Bei all seiner religiösen Mystik von der «Erschaffung des Reichs Gottes auf Erden» äussert der ehemalige Freund Fidel Castros sich aber weiterhin in einer der Welt zugewandten Form, die man so aus dem Vatikan nicht hört: «Der Kapitalismus ist eine Sackgasse, der eine unglaubliche Armut auf der Welt produziert und die Ökologie und damit unsere Lebensgrundlagen zerstört. Wenn wir so weitermachen, kommt es zu einem Selbstmord der Menschen.»

Entsprechend liest er auf seiner aktuellen Lesereise auch sein Handy-Gedicht, in dem Cardenal die Coltan-Ausbeutung im Kongo verbunden mit Kinderarbeit anprangert.

Ernesto Cardenal «Mein Lebenswerk». Im Wechsel mit Musik aus Lateinamerika der Grupo Sal. Kloster Dornach, Sonntag 12. März, 18 Uhr, Eintritt: 25 Franken .