Herr Morin, Sie treffen den Dalai Lama am Samstag zu einem Mittagessen. Wissen Sie schon, wie Sie ihn ansprechen?

Guy Morin: Mit «Ihrer Heiligkeit», so wie ihn die tibetischen Buddhisten ansprechen. Damit zeigen wir, dass wir ihn als religiösen Führer der Tibeter empfangen. Das weltliche Amt als politischer Führer der Exil-Tibeter hat er abgegeben. 

Geben Sie ihm die Hand oder verbeugen sich mit den Händen vor der Brust?

So weit habe ich mir noch keine Gedanken gemacht. Wie ich ihn begrüsse, hängt auch von ihm ab.

Worüber wollen Sie mit ihm beim Mittagessen sprechen?

Mich interessiert seine Wahrnehmung von sozialen und gesellschaftlichen Entwicklungen. Dabei möchte ich mit ihm insbesondere über das friedliche Zusammenleben verschiedener Religionsgemeinschaften sprechen. Wir gehen offen an das Essen, um ihn als Person kennen zu lernen.

Weshalb wird der Friedensnobelpreisträger von der Basler Regierung nicht offiziell empfangen?

Mit dem Empfang bekundet die Basler Regierung dem Dalai Lama Wertschätzung und Ehrerbietung. Wir begrüssen ihn wie jeden anderen Nobelpreisträger. Indem wir ihn als Gast empfangen, beziehen wir keine Stellung zum innerstaatlichen Konflikt in China.

Würden Sie mit einem offiziellen Empfang tatsächlich schon eine Position im Konflikt beziehen?

Hier bewegen wir uns im Bereich der Symbolik. Im Rathaus begrüsst man eher politische Amt- und Würdeträger. Aber wir empfangen ihn nicht als weltlichen Führer, sondern als Religionsführer. Die offizielle Position der Schweizer Regierung ist, dass sie zwar den Zustand des Tibets als autonome Provinz in China anerkennt, nicht aber die Exil-Regierung. Die Aussenpolitik ist Sache des Bundes, die Zuständigkeiten sind klar geregelt.

Basel ist um gute Beziehungen zu China bemüht. Seit 2007 gibt es eine Städtepartnerschaft mit Schanghai. Kommt der Besuch des Dalai Lama ungelegen?

Nein. Eine Städtepartnerschaft ist ein Austausch auf der Ebene von Wissenschaft, Tourismus, Kultur oder Wirtschaft. In diesem Sinne ist es keine politische Kooperation.

Haben Sie Reaktionen aus China zum Auftritt des Dalai Lama in Basel erhalten?

Ja. Ich stehe immer wieder im Kontakt mit der chinesischen Botschafterin. Am Mondfest im Herbst gab es eine Demonstration junger tibetischer Aktivisten. Damals war die Botschafterin empört, dass wir unsere Meinungsfreiheit so breit interpretieren. Im Hinblick auf den Besuch des Dalai Lama erklärten sowohl das EDA wie auch ich der chinesischen Botschafterin, dass wir ihn als Religionsführer und Friedensnobelpreisträger empfangen.

Mit dem Dalai Lama haben sich auch Demonstrationen angekündigt. Die tibetische Gemeinschaft demonstriert heute auf dem Barfüsserplatz, die Shugden-Gemeinde zwei Tage lang vor der St. Jakobshalle. Wie bereitet sich die Stadt darauf vor?

Die Sicherheitsbehörden setzen alles daran, dass es zu keiner Konfrontation kommt. Wenn eine Religion – in Anführungszeichen – eine friedfertige Religion ist, dann der Buddhismus. Würden Anhänger des Dalai Lama und andere religiöse Gruppierungen wie die Shugden ihre innerbuddhistische Meinungsverschiedenheit gewalttätig austragen, wäre das aus meiner Sicht ein grosser Widerspruch zu ihrem Glauben.

Beim letzten Mondfest in Basel haben chinesische Sicherheitsleute hart gegen tibetische Demonstranten durchgegriffen. Inwieweit wird die Sicherheit den Organisatoren überlassen?

Bei jeder Demonstration müssen die Veranstalter dafür sorgen, dass diese friedlich abläuft. Aber die Polizei hat die Gewalthoheit. Sie steht in engstem Kontakt mit den Veranstaltern und der St. Jakobshalle.

Zurück zum Besuch des Dalai Lama. Gehen Sie zu einem Vortrag oder einer Zeremonie?

Ja. Am Sonntag spreche ich eine Begrüssung und höre mir den Vortrag des Dalai Lama an. Als er 2001 das letzte Mal in Basel war, sass ich auch schon im Münster.