Ein Samstag im November, 23 Uhr: Eine Gruppe junger Menschen aus Basel steht um eine Feuerstelle nahe dem Bundesempfangszentrum am Zoll Otterbach. Eine Security-Angestellte kommt in Begleitung eines Asylbewerbers, fragt die Gruppe, ob er sich am Feuer aufwärmen dürfe. Der Mann ist aus Afghanistan geflüchtet, trägt für diese Jahreszeit zu dünne Kleider, schlottert.

Die jungen Basler erfahren, dass sich der Mann bereits am Mittag beim Empfangs- und Verfahrenszentrum (EVZ) gemeldet hat. Weil es keinen freien Platz mehr gab, schickten ihn die Mitarbeiter in eine Aussenstelle nach Allschwil. Dort hätte ein Bett in der Wärme auf ihn gewartet. Doch der Mann fand die Unterkunft nicht. Einen Nachmittag und Abend irrte er durch Allschwil – bis er sich zur Umkehr entschloss. Hilfesuchend wandte er sich ans EVZ: Die Security-Angestellte erklärte ihm aber, dass es hier keinen Platz für ihn gäbe, führte ihn zur Gruppe am Feuer.

Diese besteht aus jungen Baslern im Alter zwischen 20 und 30 Jahren, die in den angrenzenden Quartieren wohnen. Statt in Clubs stehen sie an den Winterwochenenden in der Kälte beim Bundesempfangszentrum. Das tun sie, weil sie verhindern wollen, dass neu angekommene Flüchtlinge abgewiesen werden und in der Kälte übernachten müssen. Denn bis in diesem Herbst gab es nur zu Bürozeiten ein Bett (die bz berichtete). Seit Oktober können sich Neuankömmlinge auch nachts im Zentrum registrieren lassen.

Unscheinbare Zivilschutzanlagen

Im November und Dezember beobachteten die Freiwilligen andere Schwierigkeiten: Ist das Zentrum überbelegt, drücken die Mitarbeitenden den Asylbewerbern ein öV-Ticket und Informationsmaterial mit einer Karte in die Hand. Alleine müssen die Flüchtlinge die darauf eingezeichnete Aussenstelle finden. Darunter sind unscheinbare Zivilschutzanlagen, die sich unter anderem in Allschwil, Arlesheim, Pratteln oder Aesch befinden. Nach Tausenden Kilometern Fluchtweg endet die letzte Etappe der Asylsuchenden deshalb immer wieder in Irrwegen. Wie beim afghanischen Mann.

Das läge insbesondere an den mangelhaften Karten, kritisieren die Freiwilligen. «Diese zeigen nur kleine Ausschnitte der Quartiere. Wer die Gegend nicht kennt, hat damit keine Chance», sagt ein Sprecher der Gruppe. Er arbeitet neben seinem Studium als Velokurier und wusste – mit Blick auf die Karte – wohin der durchfrorene Afghane musste. Im Industriegebiet nahe dem Bachgraben lieferte er schon einige Pakete aus. Da es kurz vor Mitternacht war, merkten die freiwilligen Helfer an, dass sie von dort aus mit dem Bus nicht mehr nach Hause kämen.

Da schlug die Security-Mitarbeiterin vor, dass sie den Afghanen mit den Fahrrädern begleiten könnten und organisierte ihm im EVZ noch ein Kick-Board. Weil dieses wacklig war, holten die jungen Anwohner bei sich zu Hause ein Velo und begleiteten den Flüchtling auf diesen Weg nach Allschwil.

Einzelne Fälle kommentiere das Staatssekretariat für Migration (SEM) nicht, sagt dessen Sprecherin Léa Wertheimer. Das SEM betreibt die Bundesempfangszentren. Auch jenes in Basel mit rund 400 Betten. Zwischen Mitte September und Mitte Dezember hätte sich das EVZ wie auch die Aussenstellen mit insgesamt 980 Betten «an der Belastungsgrenze» befunden.

Die oberste Priorität des SEM sei gewesen, alle Asylsuchenden unterzubringen, zu registrieren und sie erstzuversorgen, sagt Wertheimer: «Die äusserst knappen personellen Ressourcen mussten extrem fokussiert werden. Mehr – und damit auch die Begleitung von Asylsuchenden in die Aussenstellen – war nicht möglich und angesichts der Tatsache, dass über 2000 Asylsuchende die Aussenstellen gefunden haben, offensichtlich auch nicht nötig», so die SEM-Sprecherin. Wer in eine Aussenstelle komme, würde vom EVZ aus dort namentlich angemeldet. «Es ist nicht bekannt, dass jemand nicht eingetroffen ist», sagt Léa Wertheimer.

Freiwillige fordern Shuttle-Busse

Die Suche war für die Schutz suchenden Menschen aber wiederholt beschwerlich – das berichten die freiwilligen Helfer. Sie sind lose zusammengewürfelt, weder Verein noch Organisation. Dennoch sind gegen 20 Basler engagiert. Ihre Erfahrungen decken sich: In Kleinhüningen suchten sie im Dezember spät abends mithilfe von Google Maps 30 Minuten lang eine Zivilschutzunterkunft, deren Standort sie auf der Karte nicht entziffern konnten.

In Aesch traf eine Freiwillige, die ein junges Paar mit Kleinkind begleitete, auf zwölf weitere herumirrende Flüchtlinge. Ein Kollege von ihr begegnete einer Gruppe Asylbewerber, die zwar zur selben Unterkunft sollten, deren Karten sich aber unterschieden. «Das Infomaterial ist miserabel, und die Menschen werden sich selbst überlassen. Das sind unzumutbare Verhältnisse», kritisieren die Helfer. Die Unterlagen stammen vom Staatssekretariat für Migration. Sie seien angemessen, die «Mehrheit der Asylsuchenden fand den Weg», heisst es dort.

Die Helfer sehen dies anders und fordern, dass die Flüchtlinge zu den Aussenstellen begleitet werden müssen. Dafür schlagen sie zwei Mal pro Tag einen Shuttle-Bus vor. Einmal in der Zivilschutzanlage angekommen, bräuchte es zudem Informationsmaterial, das in den Sprachen der Flüchtlinge aufbereitet ist und eindeutige Karten, so die Freiwilligen. Sonst seien die nächsten Irrwege vorprogrammiert.