«Im gegenseitigen Einvernehmen» verlasse Thomas Kessler, Leiter der Abteilung Kantons- und Stadtentwicklung, das Präsidialdepartement, teilte dieses gestern kurz und knapp mit. Und zwar bereits per 8. Februar 2017 – also am gleichen Tag wie sein direkter Vorgesetzter Regierungspräsident Guy Morin. Über die Trennungsvereinbarung wurde Stillschweigen vereinbart.

In Wahrheit ist Kesslers Abgang aber alles andere als freiwillig vonstatten gegangen. Der Regierungspräsident und sein wichtigster Chefbeamter hatten sich schon seit längerem nicht mehr viel zu sagen. Zu oft hatte Morin wegen dem Querdenker politisch aufs Dach bekommen. Wiederholt hatte der Regierungspräsident dem Kantonsentwickler Redeverbot erteilt, ihn öffentlich gerügt und seine Gestaltungsmöglichkeiten immer mehr eingeschränkt.

Seit 1991 beim Kanton

Eigentlich habe sich Kessler auf den Stabwechsel im Präsidialdepartement gefreut, ist aus dem Umfeld zu hören. Allerdings hatte offenbar die künftige Regierungspräsidentin Elisabeth Ackermann keine Lust auf einen Silberrücken in ihrem Departement. Bereits während des Abstimmungskampfs vergangenen Herbst hatte sie angekündigt, Kesslers Abteilung unter die Lupe nehmen zu wollen. Zwar sagt die Grüne nun, dass sie in den Entscheid nicht involviert gewesen sei.

Verschiedene Umstände wecken aber Zweifel an dieser Aussage. So ist Ackermann momentan daran, sich in die Geschäfte des Präsidialdepartements einzuarbeiten. Nach eigener Aussage habe sie dabei aber nicht mit Kessler darüber gesprochen, was doch sehr erstaunt. Auch wäre es eine sehr arrogante Haltung von Morin gegenüber seiner Nachfolgerin, wenn er nur Wochen vor deren Amtsantritt ohne Absprache den wichtigsten Chefbeamten vor die Türe stellen würde.

«Ein Antrittsgeschenk von Morin für seine Parteikollegin» sei die Entlassung des Kantonsentwicklers gewesen, so die Einschätzung einer verwaltungsnahen Quelle. Die künftige Regierungspräsidentin könne so eine wichtige Stelle nach ihren Vorstellungen besetzen, ohne sich mit eingefahrenen Machtstrukturen herumschlagen zu müssen. Ackermann kündigte gestern auch an, die Abteilung Kantons- und Stadtentwicklung genau anschauen zu wollen und erst nach dieser Analyse die Stelle neu auszuschreiben.

Auch für Kesslers Mitarbeiter kam der Abgang ihres Chefs überraschend. Offenbar wurden sie erst im Laufe des gestrigen Morgens informiert. Am Morgen verabschiedete sich Kessler in einem E-Mail bei seinen Mitarbeitern. Laut der «Tageswoche» habe Morin Kessler einbestellt und ihm mitgeteilt, er sei eine Fehlbesetzung für den Posten als Stadtentwickler. Er habe es in acht Jahren nie geschafft, seiner Abteilung ein Gesicht zu geben und die Vernetzung mit Schlüsselstellen in anderen Departementen sträflich vernachlässigt.

Die Aussagen Morins erstaunen, zumal dieser selber Kessler vor acht Jahren in die neu geschaffene Funktion gehoben hatte. Zuvor hatte dieser zehn Jahre lang als Integrationsbeauftrager im Polizeidepartement gearbeitet und dabei die mittlerweile schweizweit etablierte Strategie vom «fördern und fordern» eingeführt. Zur Kantonsverwaltung war Kessler 1991 als Drogendelegierter gestossen. Er steht für den Wandel in der Drogenpolitik weg von der reinen Repression, hin zu Gassenzimmern und Heroinabgabe.

Kündigung wäre kaum möglich

Kessler gilt als Querdenker. Immer wieder kam es zum Konflikt mit Morin, etwa als er 2012 Asylbewerber aus Nordafrika als «Abenteuermigranten» bezeichnete. Den letzten Hauskrach in der Regierung beschwor Kessler herauf, als vor einem Jahr die Idee eines Sonntagsverkaufs rund um die Schiffländte lancierte und damit Wirtschaftsdirektor Christoph Brutschin ins Gärtchen trampelte.

Die «Trennung im gegenseitigen Einvernehmen» dürfte faktisch die einzige Möglichkeit für Morin gewesen sein, Kessler loszuwerden. Eine Kündigung oder Versetzung ist aufgrund des strengen Personalrechts nur schwer möglich und hätte einen jahrelangen Rechtsstreit nach sich ziehen können. Angesichts der kurzfristigen Auflösung dürfte Kessler auch eine Abfindung erhalten. Üblich ist in solchen Fällen die Weiterzahlung des Lohns für ein halbes bis maximal ein Jahr.