Es ist so ungeheuerlich wie unabänderlich: Keiner, der jetzt diesen Artikel liest, wird in 100 Jahren mehr da sein. Nicht einmal Sir Peter Greenaway, der gestern in der Basler Predigerkirche quicklebendig von seinem neusten Projekt erzählte. «Well, good afternoon», begann er in einem Queen’s English, das einen jeden Satz edel klingen lässt. «It is amusing for me to meet you in a church. Is it amusing for you to meet me in a church?»

Der Regisseur, weltberühmt für seine bildgewaltigen, erotisch aufgeladenen Filme, arbeitet seit zwei Jahren an einer ganz besonderen Kunstinstallation für die dazu prädestinierte Stadt Basel: eine Neuinterpretation des Totentanzes. In und vor der Predigerkirche werden ab November auf 18 Grabdenkmälern 40 einminütige Totentanz-Filme Greenaways projiziert. Denn hier stand einst ein Friedhof, abgegrenzt von einer Mauer mit einem Totentanzgemälde, ungefähr aus dem Jahr 1440. Übrig ist nur noch ein Stück Rasen. Die Mauer wurde 1805 schmählich abgerissen.

Auf diesem Friedhof seien rund 400 Jahre lang vor allem reiche Basler Bürger begraben worden, vermutet Greenaway: «Wir haben versucht, diese Menschen wieder zum Leben zu erwecken. Auf merkwürdige Weise werden die Gräber sich öffnen und die darin Eingeschlossenen sich zeigen – vom Papst bis zum Kind.»

Peter Greenaway hat zu diesem Zweck 40 Filmsequenzen mit 25 Schauspielern aufgenommen. Viele sind im Stil der Commedia dell’arte den Sterbeszenen Hans Holbeins des Jüngeren nachempfunden: etwa die Nonne, die vom geigenden Tod verführt wird, oder der Priester, der umringt und auf den Kopf gestellt wird.

Es ist dem Filmkünstler Greenaway wichtig, den Totentanz mit einem zeitgenössischen Medium wieder zum Leben zu erwecken. Er nutze gern jede Gelegenheit für folgende Botschaft Rembrandts: «Nur weil du Augen hast, bedeutet das nicht, dass du sehen kannst.» Das digitale Zeitalter sei zwar eingetroffen, doch die wenigsten Menschen seien dafür geschult. Unsere visuellen Fähigkeiten stünden weit hinter den sprachlich-textlichen. Nach 8000 Jahren, dies habe auch Umberto Eco geschrieben, sei es an der Zeit, dass die «Textmasters» zur Seite träten und den visuellen Meistern Platz machten. «Das gibt uns neue Möglichkeiten, unser Wissen, unsere Existenz neu zu denken.»

Am Ende geht es um Sex und Tod

Peter Greenaway ist überzeugt, dass es im Leben im Grunde nur um zweierlei geht: Eros und Thanatos, Sexualität und Tod. Er mustert die Journalisten vor sich und sagt: «Ich weiss nichts über euch alle, nichts, bis auf eines: Zwei Menschen hatten Sex, um euch zu kreieren, und, es tut mir leid, ihr werdet alle sterben.» Geld sei dagegen unwichtig: «So viele dumme Menschen haben Geld.»

Mit 71 Jahren habe er «mehr Vergangenheit hinter sich, als Zukunft vor sich». Dazu zitiert er einen Satz aus seiner Shakespeare-Verfilmung «Prospero’s Book»: «Every third thought shall be of the grave.» Er denke viel nach über den Tod; neben diesem setze er sich bei weiteren Projekten mit dem Tod auseinander – jedes sei eine «Erforschung». Es heisse, es sei ein Segen, nicht zu wissen, wann man stirbt. Aber das sei eigentlich auch ein Fluch. «Wenn wir es wüssten, würden wir unser Leben besser organisieren.»

In 100 Jahren sind wir nicht mehr da. Aber dieser Totentanz vielleicht schon. Sämtliche Filmsequenzen sollen auch nach Ende der grossen Installation in einer Lettnerkappelle der Predigerkirche weiterlaufen.

«Der Tanz mit dem Tod» läuft den ganzen November. Vernissage ist am 31. Oktober. Die Projektleiter sind Carmen Bregy, Matthias Buschle und Michael Bangert. www.baslertotentanz.ch