Wolfgang Dietz (59, CDU) ist am 13. März mit 87,5 Prozent der Stimmen mit überwältigender Mehrheit zum dritten Mal zum Oberbürgermeister von Weil am Rhein gewählt worden. Seine Amtszeit dauert acht Jahre. Im Interview mit der bz äussert er sich vor allem zum Verhältnis zu den Schweizer Nachbarn.

Herr Dietz, der Einkaufstourismus hat stark zugenommen. Haben Sie den Eindruck, dass das Verkehrschaos, die vollen Beizen und die Schlangen in den Geschäften den Weilern auf die Nerven gehen?

Wolfgang Dietz: Es gibt zunehmend Reaktionen. Bei uns leben 4700 Grenzgänger, die mit den hohen Preisen, die wir in der Region haben, gut mithalten können. Auf der anderen Seite haben wir 12 000 sozialversicherungspflichtige Arbeitnehmer, die das nicht können. Da spüre ich soziale Unruhe. Kommt hinzu, dass viele Weiler am Samstag in bestimmte Geschäfte nicht mehr gehen, weil es so voll ist. Wenn sie an der Kasse stehen und die Schweizer Kunden lassen sich für zwei Deo-Stifte die Mehrwertsteuerbescheinigung ausstellen, schwillt den Leuten der Kamm.

Verstehen Sie die Basler Kritik, die BVB und die Schweiz würden durch die Tramverlängerung nach Weil den Einkaufstourismus mitfinanzieren?

Für mich ist das eine Ausweichdebatte. Man müsste sich vielmehr mit der Schweizer Währungs- und Wirtschaftspolitik auseinandersetzen. Die Schweiz hat es über Jahrzehnte verstanden, als hochpreisiges Hochlohnland zu operieren und steht im europäischen Wettbewerb deshalb jetzt singulär da. Dass die Leute ausweichen und sich preisgünstig eindecken, ist normal. Das war übrigens Jahrzehnte lang in der anderen Richtung genauso. Wir haben viel in Riehen und Basel eingekauft und machen es auch heute noch: Mit Schweizer Nudeln, Kaffee und Zucker bin ich gross geworden. Den BVB Vorhaltungen zu machen, halte ich für ein Nebelkerzengefecht. Stellen Sie sich vor, alle würden mit dem Auto fahren. Das würde auch Basel keine Freude bereiten. Ausserdem benutzen viele Pendler das Tram und fahren auch wegen des Freizeitangebots nach Basel. Wir haben die Veloabstellplätze an der Endhaltestelle schon zweimal erweitert. 100 Plätze sind fast immer voll. Man darf und kann das nicht einseitig betrachten.

Warum wehren Sie sich gegen eine Park & Ride Anlage an der Endhaltestelle , die in Basel regelmässig gefordert wird?

Eine solche Parkierungsanlage muss ja nicht an der Endhaltestelle stehen. Wir haben deshalb zusammen mit Endress & Hauser in Friedlingen in der Nähe des Rheinparks ein Parkhaus gebaut und in Betrieb genommen. Es liegt sehr verkehrsgünstig, ist gut anfahrbar, preisgünstig. Die Haltestelle Dreiländerbrücke ist zu Fuss von dort gut erreichbar.

Sind die Weiler zufrieden mit dem Tram?

Sehr, und ich selber auch. Natürlich hat die Wechselkursveränderung das Tram sehr populär gemacht, ich bin aber auch erstaunt, dass viele Einwohner in Friedlingen einsteigen, um zur Endhaltestelle in Weil zu fahren.

Wie schätzen Sie die Chancen für eine weitere Tramverlängerung Richtung Alt-Weil ein?

Das wird sehr viel schwieriger als die erste Etappe. Der Anreiz, etwas völlig Neues zu kreieren, ist nicht mehr gegeben und die Argumentation gegenüber dem Agglomerationsprogramm und dem Kanton Basel-Stadt ist angesichts der politischen Stimmungslage in der Schweiz schwieriger geworden. Wir brauchen aber die Unterstützung der Basler und Schweizer Politik. Es ist ein Grossprojekt mit voraussichtlichen Kosten von rund 20 Millionen Euro. Diese Grössenordnung können wir als Stadt in keinem Fall alleine stemmen.

Was wäre denn ein Argument, um die Basler zu überzeugen?

Die Pendler. Basel braucht die deutschen Arbeitskräfte dringend und will aber gleichzeitig die Stadt autofrei halten. Mit einer Verlängerung könnten wir die Zahl der Pendler auf der Tramstrecke nochmals deutlich erhöhen. Wenn man sich die Grenze wegdenkt, sind wir einer der vielen Vororte Basels, der umweltfreundlich erschlossen werden muss. Gleichzeitig bin ich nicht blind. Ich weiss, dass sich Basler Politiker angesichts der teilweise sehr national gefärbten öffentlichen Meinung derzeit schwer tun werden, für eine Verlängerung zu argumentieren.

Oberhalb des Bahnhofs wird ein neues Einkaufszentrum mit 15 000 Quadratmeter Verkaufsfläche gebaut. Wollen Sie noch mehr Kaufkraft in Basel abschöpfen?

Die Pläne für diese Bebauung gehen mehr als 20 Jahre zurück. Für die Stadt ging und geht es darum, ein Zentrum zu schaffen und Aufenthaltsqualität an zentralem Ort anzubieten. Ausserdem haben wir in den vergangenen 10 Jahren im Verhältnis zu Lörrach dramatisch an Kaufkraftbindung verloren. Heute fliesst – nach Angaben aus Lörrach – doppelt so viel Kaufkraft aus Weil am Rhein dort hin wie 2008, nämlich rund 56 Millionen Euro. Wir müssen aus Gründen der Stadtzentralität gegensteuern.

In Basel soll die Sondermüllverbrennungsanlage Valorec erweitert werden. Sie liegt nicht weit von Weil Otterbach. Hat Basel Sie genügend informiert?

Die Informationspolitik kann man sich unter Nachbarn anders vorstellen. Insgesamt muss ich sagen, dass sich Basel und die Schweiz seit dem Währungskurswechsel und der Stimmungsänderung in der öffentlichen Politik sehr viel stärker auf sich selbst fokussieren. Das bindet Kräfte und Energie, die in der Vergangenheit grenzüberschreitend eingesetzt wurden. Es ist übrigens nicht alleine meine Beobachtung, sondern auch die zahlreicher Akteure, die in der Vergangenheit den Wert grenzübergreifender Kooperation erkannt und gefördert haben.

Die Alternative für Deutschland (AfD) ist in Weil auf 16,3 Prozent und in Friedlingen auf über 20 Prozent der Stimmen gekommen. Wie erklären Sie sich diesen Erfolg?

Die Stimmen sind in grossem Masse von SPD und CDU gekommen, aber auch von Nichtwählern. Ein Teil der Bevölkerung findet sich mit seinen Empfindungen in der aktuellen Bundes- und Landespolitik nicht wieder. Dazu kommt, dass es trotz Vollbeschäftigung eine grummelnde Unzufriedenheit gibt – das Gefühl am unteren Ende der Skala zu stehen, führt zu Unwohlsein. Jetzt gibt es mit der AfD plötzlich eine Gruppierung, die in der Bevölkerung nicht per se als rechtsradikal gilt wie die Republikaner und die NPD, als sie seinerzeit als Protestparteien auftauchten. Die etablierten Parteien und die Medien bewerten die AfD als rechtspopulistisch. Die Leute sehen das aber nicht so und deshalb ist die AfD für sie wählbar. In Friedlingen kumulieren sich Probleme: Das Quartier ist sozial wenig durchmischt, hat einen hohen Ausländer- und Migrantenanteil und zum Teil einfache Wohnverhältnisse.

Haben Sie in Weil Probleme mit Flüchtlingen?

Wir haben Schwierigkeiten, sie unterzubringen. Polizeilich sind sie bisher nicht wesentlich aufgefallen. Ich hatte eine Wahlveranstaltung im Stadtteil Otterbach, wo wir zwei Häuser erwerben konnten und 70 Flüchtlinge untergebracht haben. Bei einer ersten Informationsveranstaltung vor einigen Monaten waren die Leute sehr aufgebracht. Diesmal hat niemand etwas gesagt. Ich habe explizit gefragt: Gibt es irgendwelche Probleme mit den Flüchtlingen? Es kam aber nichts. In Haltingen leben 200 Personen in einer Notunterkunft, die der Landkreis betreibt. Ich habe bisher im Rathaus keine wirklich relevanten Beschwerden erhalten. Dennoch gibt es etwas Dumpfes, nicht Greifbares. Bei der Informationsveranstaltung in Haltingen bekam jemand Beifall, als er sagte: «Jetzt müsst Ihr beim Arzt noch länger warten.»

Ich habe, als die Zollfreie Strasse noch nicht fertig war, oft in Weil gehört, die Basler seien nur auf ihren Vorteil bedacht. Ist das weg?

Nein. Das hat aber mit Nationalität nichts zu tun, sondern ist ein typisches Verhalten zwischen Zentrum und Peripherie. Das ist in Frankfurt und Stuttgart genauso. Dass jeder auf seine Interessen schaut, ist klar. Entscheidend ist, dass man dann zusammenfindet.

Wie steht es mit der gemeinsamen Planung über die Grenzen – mit dem Projekt Dreiland?

Das läuft gut. Es ist schön, dass wir uns aufeinander abstimmen. Wir wollen den Rheinpark nördlich des Rheincenters erweitern und die Franzosen auf ihrer Rheinseite neben dem Hochhaus an der Dreiländerbrücke aufrüsten. So erhält das ein gegenseitiges Gesicht. Schade ist, dass die Basler die Brücke, die südlich der Wiesemündung zwischen der Schweiz und Frankreich geplant ist, auf eine reine öV-Brücke ohne motorisierten Verkehr reduzieren. Das hängt auch mit den Problemen in Frankreich zusammen, weil die Strasse dort durch Wohnbereiche führen würde. Das hätte bei uns die Palmrainbrücke entlasten können. Aber partiell hilft eine öV-Verbindung auch.