Carla* war 20 Jahre alt und ihr Freund heroinabhängig. Sie wollte ihm helfen, von der Droge wegzukommen. Doch sie scheiterte, wurde selber auch abhängig. Sie lernte Dealer kennen und half ihnen, die Drogen zu verkaufen. So finanzierte sich die Baslerin ihren eigenen Heroinkonsum. Das war 1990.

Heute ist Carla 44 Jahre alt. Und immer noch auf Heroin angewiesen. Ihre Sucht ist zur chronischen Krankheit geworden, die kaum geheilt werden kann. Allerdings ist eine Behandlung möglich. So suchen Carla und 159 andere Menschen zweimal täglich das Basler Behandlungszentrum Janus auf, wo die Universitären Psychiatrischen Kliniken Basel (UPK) seit 20 Jahren heroingestützte Behandlungen durchführen.

Hier, beim Predigergässlein, erhalten die Abhängigen reines Heroin. Wo genau in der Schweiz das pharmazeutische Heroin mit Markennamen Diaphin hergestellt wird, wissen nicht einmal die UPK-Angestellten.

Die Inhaltsstoffe haben jedenfalls einen weiten Weg hinter sich: Das rohe Opium stammt aus der Türkei und Nachfolgestaaten der Sowjetunion. Dort wird der Schlafmohn unter der Kontrolle der UNO angebaut. In Grossbritannien wird das rohe Opium ein erstes Mal verarbeitet. Danach gelangt es in die Schweiz, wo es später in Thun ein letztes Mal verarbeitet und verpackt wird.

Im Sinne des Volkes

1994 startete das Projekt Janus als wissenschaftlicher Versuch, vom Volk abgesegnet. Seither hat sich das Volk mehrmals für die heroingestützte Behandlung ausgesprochen: zum Beispiel 2008 mit der Annahme des neuen Betäubungsmittelgesetzes.

«Das reine Heroin ermöglicht mir ein geregeltes Leben», sagt Carla. In einer sozialen Institution geht sie einer geschützten Arbeit nach, die ihr Halt gibt. Sie gehörte 1994 zu den allerersten Janus-Patienten. Aber nach einem Jahr brach sie die Therapie ab, glaubte daran, ganz alleine den Weg in die Abstinenz zu finden. Ein Jahr lang hat sie durchgehalten. Dann verschwand sie abermals von der Bildfläche.

Damit die Patienten ein stabiles Leben führen können, erhalten sie im Zentrum Janus nicht nur pharmazeutisches Heroin und Medikamente: Zusätzlich zur medizinischen Betreuung gehören auch psychologische und soziale Hilfe zur Behandlung. «Viele Heroinabhängige hatten schon vor ihrem Drogenkonsum psychische Probleme, wurden zum Beispiel in der Kindheit traumatisiert», sagt Ambulatoriumsleiter Otto Schmid.

Das gilt auch für Carla: Als Kind hat sie viel Gewalt und keine Liebe erhalten. Die familiären Verhältnisse waren fatal: Nahe Verwandte Carlas sind ebenfalls heroinsüchtig geworden. Heute ist ihr Leben ruhiger. Um neun Uhr morgens kommt sie zu Janus. An einem Automaten löst sie ein Ticket mit einer Nummer, wie in der Post.

Dann geht sie die Treppe hoch, in den ersten Stock, in normalem Tempo. Andere gehen gebückt, geraten ins Schnaufen, nehmen vorsichtig Stufe für Stufe. Der älteste Janus-Patient ist 62 Jahre alt. Das Durchschnittsalter liegt bei 45 Jahren.

Süchtige werden älter

«Wir betreuen vor allem die Generation, die vor zwanzig Jahren das Heroin entdeckte», sagt Hannes Strasser, der ärztliche Abteilungsleiter. «Mittlerweile ist diese Platzspitz-Generation etwas in die Jahre gekommen.» Nur wenige neue Patienten in jungem Alter rücken nach. «Falls doch, leiden sie oft an einer extremen psychischen Belastung», sagt Strasser. Im ersten Stock sitzt Philipp Himmelheber hinter einem Computer. Er ist seit 35 Jahren Pfleger bei den UPK. In einer Datenbank schaut er nach, mit wie viel pharmazeutischem Heroin die Spritze gefüllt werden muss. Und welche Medikamente der Patient benötigt.

Himbeersirup gegen Bitterkeit

Eine Pflegerin füllt die Spritze. Aus kleinen Kunststoffschubladen nimmt Himmelheber die Medikamente. Am Schalter steht auch Himbeersirup bereit, insbesondere für jene zehn Prozent der Patienten, die das Heroin als Tablette aufnehmen. «Wie jede Droge sind auch Heroin und Methadon extrem bitter», sagt Otto Schmid dazu. Da Heroin nur acht Stunden wirkt, erhalten manche Patienten Kleinstmengen an Methadon, um die Nacht zu überbrücken, denn Methadon wirkt bis zu 36 Stunden lang und verhindert Entzugssymptome.

An einem der Edelstahltische injiziert sich ein Mann pharmazeutisches Heroin. Er trägt ein dunkelblaues Hemd, ist etwa dreissig Jahre alt. Ein wohliges Gefühl erfasst ihn. Dann klebt er ein Pflaster auf seine Vene und desinfiziert den Tisch. Nach knapp fünf Minuten ist er wieder weg. Carla braucht etwas länger. Seit einem Jahr ist sie wieder Patientin bei Janus. Nach der Injektion raucht sie draussen eine Zigarette. Manchmal nimmt sie auch Kokain. Der Mischkonsum ist unter Heroinabhängigen weitverbreitet.

Frühe Öffnungszeiten

Irgendwann zwischen 15 und 18:30 Uhr wird Carla wieder hier stehen und am Automaten ein Ticket lösen. Dazwischen ruft die Arbeit. Die Janus-Patienten sind nicht nur in sozialen Institutionen beschäftigt. Fast 50 Patienten haben eine Stelle im freien Markt gefunden. Damit das möglich ist, öffnet das Janus am Morgen schon um 6:30 Uhr.

*Name geändert