Gunhild Borkman skypt mit ihrer Therapeutin, shoppt ihre Unterwäsche online, googelt sich selbst obsessiv und spielt mit ihrem Sohn ein Ego-Shooter-Game auf der Playstation. Innert Sekunden wird an der Wiener Uraufführung jedem klar, dass es sich bei diesem «John Gabriel Borkman» um eine neue Version des Ibsen-Stücks von 1896 handelt. Etwas sehr klar.

Der junge Regisseur Simon Stone hat in die ersten zehn Dialogminuten so viel aus unserer schönen neuen Digitalwelt gepackt, wie er nur konnte. Falls er damit bezweckt, das Stück auf heutig zu trimmen, so tut er das auf unfreiwillig komische Art. Falls er absichtlich mit viel zu viel oberflächlicher Aktualität lustig sein will, ist es ihm gelungen. Doch nicht nur Gunhild, alle Hauptfiguren ergehen sich in länglichem Gefasel über Facebook-Aktivitäten und was sie so auf den Klatschseiten der Gratiszeitungen aufgeschnappt haben könnten. Vielleicht will Stone uns vorführen, was für Quatsch wir mit unseren digital vermanschten Gehirnen den ganzen Tag von uns geben. Aber das viele Geplapper geht fürchterlich auf die Nerven.

Gehypter Jungstar aus Sydney

Alle reissen sich derzeit um den erst 30-jährigen Stückeschreiber und Regisseur Simon Stone. Zum zweiten Mal premierte er an den Wiener Festwochen, Matthias Lilienthal, neuer Intendant der Münchner Kammerspiele, will ihn, Andreas Beck, angehender Direktor des Theaters Basel, hat ihn bekommen: Stone ist hier ab Herbst einer der vier Hausregisseure. Viele lieben ihn für seinen erfrischend unbekümmerten Umgang mit Klassikern, die Stone jeweils komplett fürs Heute umschreibt.

Dank seiner Beliebtheit hat der sympathische Australier – er ist übrigens in Basel geboren, aber verbrachte den grössten Teil seines Lebens in Sydney - für seinen «Borkman» einige der bekanntesten deutschsprachigen Schauspieler gewinnen können: Birgit Minichmayr spielt Gundhild, Caroline Peters ihre Zwillingsschwester Ella Rentheim, Roland Koch den Freund und Nachbar Wilhelm Foldal und Martin Wuttke ist John Gabriel Borkman.

Doch selten hat man diese grossen Schauspieler so schwach gesehen wie an dieser Premiere. Minichmayr behält von Anfang bis Ende denselben hysterischen Tonfall. Wuttke ist ein gammliger, aber cooler Alt-68er mit langem zerzaustem Haar. Und alle zusammen rutschen sie ständig in den Plauderton, den man aus Polleschs halbimprovisierten Konversationsstücken über heutige Befindlichkeiten kennt – es ist bestimmt kein Zufall, dass diese Schauspieler teils auch schon gemeinsam in Pollesch-Stücken gespielt haben.

Eigener Ton und Fokus fehlen

So fehlt nun der eigene Stone-Ton. Und es fehlt in der Fahrigkeit auch ein inhaltlicher Fokus. Dabei drängt das Original einem die Aktualität fast auf: Denn Borkman ist einer der ersten theatralischen Finanzspekulanten, ein hohes Banktier, das in seinen Wahnvorstellungen von der wundersamen Geldvermehrung die Gelder anderer veruntreute und seine grosse Liebe alldem opferte. Jahre später, Borkman verbrachte sie im Gefängnis und allein auf dem Dachboden, hängt er immer noch seinen alten Utopien nach.

Für seinen Stillstand und für die Kälte, die seine illoyale Frau verbreitet, ist das Bühnenbild von Katrin Brack eine einzige überdeutliche Metapher: Eine Schneelandschaft, in der es schneit und schneit, und in deren weissen Massen die Figuren versinken und wieder auftauchen. So sind Bühnenbild und Neufassung wie Zaunpfähle, mit denen nicht gewunken, sondern mit denen uns allen eins übergebraten wird.

Ibsen weiss seine Geschichten langsam von hinten her aufzufalten, nach und nach rückt die Wahrheit hinter den Lebenslügen ans Licht. Bei Stone ist von Beginn an alles grell beleuchtet; Figuren und Handlung verlieren an Spannung. Diesen Verlust kompensiert er, indem er den eher tragischen Stoff auf komisch trimmt. Aber für eine Komödie ist dieser Abend dann trotz lustigen Momenten zu wenig lustig.

«John Gabriel Borkman» ist nach «Edward II.» die zweite Koproduktion zwischen Wien und Basel. Die Basler Premiere in derselben Starbesetzung folgt am 30. Januar.