Rund jeder zehnte Flüchtling in der Schweiz verfügt über einen Mittelschul- oder Hochschulabschluss, wie eine Studie des Staatssekretariat für Wirtschaft 2012 ergeben hat. Dennoch gibt es an Schweizer Unis und Hochschulen praktisch keine eingeschriebenen Flüchtlinge.

An diesem Missstand will eine Gruppe Studierender der Uni Basel nun etwas ändern. Im Frühjahrsemester startet ihr Pilotprojekt «Offener Hörsaal», das 20 bis 30 Flüchtlingen mit akademischem Hintergrund den kostenlosen Zugang zu den fast 500 Vorlesungen im Gasthörerprogramm gewährt. «In Deutschland gibt es bereits mehrere Unis, die ihre Hörsäle für Flüchtlinge geöffnet haben», sagt Jakob Merane von der Projektgruppe «Offene Hörsäle». In Basel hätten bereits rund 20 Dozenten ihre Unterstützung zugesagt.

Interessantes Buddy-Programm

«Derzeit suchen wir den Kontakt zu regionalen Asylunterkünften und Koordinationsstellen, um möglichst viele Flüchtlinge über das Projekt informieren zu können», sagt Merane. «Gleichzeitig suchen wir interessierte Studierende, die sich als ‹Buddys› um die Flüchtlinge kümmern und ihnen im Uni-Alltag mir Rat und Tat zur Seite stehen.» Auch diesbezüglich hätten sich bereits erste Freiwillige gemeldet, bis zum Projekt-Start im Februar würden noch weitere dazustossen. Der einzige Wermutstropfen sei, dass die Flüchtlinge – wie alle Gasthörer – für die belegten Vorlesungen keine Prüfungen ablegen können und keinen akademischen Leistungsausweis erhalten.

«Die Flüchtlinge erhalten jedoch eine Bestätigung, dass sie die Vorlesung besucht haben. Noch wichtiger aber ist uns, dass ein erster Kontakt zur Uni hergestellt wird und wir hoffen, dass dies den Flüchtling ermöglichen wird, ihr Potenzial besser auszuschöpfen und damit auch eine Perspektive in der neuen Heimat zu gewinnen», sagt Merane.

Wettbewerb-Gewinner

Normalerweise kostet die Teilnahme am Gasthörerprogramm der Uni 60 Franken pro Wochenstunde und Semester. Diese Gebühr wird den Flüchtlingen zwar nicht offiziell erlassen, die Projektgruppe wurde von der Fachstelle für Nachhaltigkeit aber im Rahmen des Wettbewerbs «Boost» ausgezeichnet und mit 5000 Franken Preisgeld unterstützt. Damit können unter anderem die Kosten für die Teilnahme an den Vorlesungen gedeckt werden.

Besonders unterstützenswert fanden wir den Ansatz mit den Buddys, die die Flüchtlinge in ihrem Uni-Alltag persönlich beraten und begleiten», sagt Denise Bienz, Leiterin der Fachstelle für Nachhaltigkeit. «Basierend aus den Erfahrungen während des Pilotprojekts schauen wir gemeinsam mit den Initianten, ob eine Möglichkeit für eine längerfristige Implementierung besteht.»

Dies würde sich auch Mit-Initiant Merane wünschen. «Das Pilotprojekt wird im Sommer evaluiert und wir hoffen, dass es von einem Studierenden-Projekt zu einem offiziellen Angebot der Uni wird», sagt der Jus-Student.

Die Projekt-Initianten Jana Schiendorfer, Darius Savelsberg, Jakob Merane, Tim Harder und Livia Büchler (v.l.n.r.). Auf dem Foto von der «Boost»-Preisverleihung fehlt Stefan Donati.

Die Projekt-Initianten Jana Schiendorfer, Darius Savelsberg, Jakob Merane, Tim Harder und Livia Büchler (v.l.n.r.). Auf dem Foto von der «Boost»-Preisverleihung fehlt Stefan Donati.

Die Forderung nach einer besseren Integration von Flüchtlingen mit akademischem Hintergrund wurde auch bereits von der Schweizer Hochschul-Rektorenkonferenz swissuniversities gestellt. Um studierfähige und -willige Flüchtlinge an den Hochschulen integrieren zu können, müssen die möglichen Studierenden von den Behörden früh genug erfasst und durch die Instanzen begleitet werden, sagte swissuniversities-Generalsekretärin Martina Weiss gegenüber der «NZZ am Sonntag».

Swissuniversities fordere deshalb, dass schon ganz früh im Asylverfahren Abklärungen über den bildungsbiografischen Hintergrund getroffen würden. «Die Hürden zwischen der Aufnahme in der Schweiz und dem Zugang zur Hochschule sollten abgebaut werden», so Weiss.

Das Pilotprojekt an der Uni Basel sei aber dennoch begrüssenswert. «Wenn es der Uni Basel dadurch gelingt, gute Studierende rasch und unkompliziert in den universitären Alltag zu integrieren und ihnen eine Perspektive zu bieten, ist das sicherlich eine gute Sache.» Der Ansatz über das auch an anderen Universitäten bestehende Gasthörerprogramm sei eine interessante Option, «die wir verfolgen und bei positivem Resultat anderen Universitäten zur Nachahmung vorschlagen werden», sagt Weiss.

Infoanlass für interessierte Flüchtlinge am 26. Januar um 15 Uhr im Kollegienhaus, Raum 035 am Petersplatz 1.
Weitere Informationen unter www.offener-hoersaal.ch