Vom Basler Rolf Bantle fehlte seit dem 24. August 2004 jede Spur: Er war während eines Spiels des FC Basel in Mailand verschwunden. Man suchte ihn vergebens. Er wurde für verschollen erklärt. Jetzt meldet sich der inzwischen 71-Jährige in der Zeitung „Schweiz am Sonntag“ zu Wort.

Er sagt, er habe sich damals im San-Siro-Stadion verirrt und seine Gruppe nicht wiedergefunden. Und er habe dann auf Mailands Strassen gelebt – als Obdachloser. Dort nannten ihn die Menschen liebevoll «Rudi». Erst ein Unfall beförderte Bantle zurück nach Basel, wie die „Schweiz am Sonntag“ schreibt. 

An jenem 24. August führte Inter Mailand gegen den FC Basel mit 4:1 in der dritten Runde der Champions-League-Qualifikation, als Rolf Bantle aufs Klo musste. «Bin gleich wieder da», sagte er zu seinen Kollegen. Er verschwand in den langen Gängen des Stadions - und verirrte sich. 

Bantle gehörte zu einer Gruppe des Wohn- und Werkheims Dietisberg, die einen Tagesausflug nach Mailand unternahm. 

Als Bantle das WC wieder verliess, war das Match vorbei und die Gänge füllten sich mit Tausenden Menschen. «Ich war plötzlich in einem ganz anderen Sektor», erzählt er der «Schweiz am Sonntag». Vor dem Stadion machte er sich auf die Suche nach dem Car - vergeblich. «Irgendwann wurde mir das zu blöd.» Immerhim hatte er 20 Euro und 15 Franken dabei, das würde für ein paar Tage reichen, dachte er sich. 

Doch dann blieb er nicht nur einige Tage, sondern Monate, Jahre - elf Jahre. Er lebte im Bezirk Baggio im Westen der Stadt, einem beschaulichen Quartier mit günstigen Wohnungen. Hier leben auch viele Studenten. «Ganz Baggio rief mich bald Rudi, von Rodolpho. Es gab für mich schnell keinen Grund mehr, heimzukehren», erzählt Bantle, der  keine Familie in der Schweiz hatte, auch keine Kinder oder Geschwister. Aufgewachsen war er bei Pflegeeltern im Kanton Bern, die vor langer Zeit verstorben sind.

Die Amtsvormundschaft Basel-Stadt meldete ihn derweil als vermisst. Die Fahndung nach ihm war erfolglos geblieben. Bantle lebte so ein Leben ohne Vormund und ohne Vorschriften. In Baggio war er bald bekannt. Betteln musste er selten. Dafür wurde er oft eingeladen. Leute spendierten ihm Zigaretten, Kaffee oder einen «Becher Wein». 

Zurück nach Basel kam er wegen eines Unfalls. Eines Abends im April 2015 rutschte er auf dem Trottoir aus und brach sich einen Oberschenkelknochen. Er landete im Spital. Weil er nicht versichert war, organisierte das Schweizer Konsulat einen Transport ins Universitätsspital Basel. 

Nach der Reha kam er schliesslich ins Alterszentrum «Zum Lamm». Die Verschollenerklärung wurde am 15. September 2015 «infolge Wiederauftauchens» aufgehoben. 

Rolf Bantle vermisst sein Leben in Mailand allerdings nicht. «Zehn Jahre sind genug, und hier geht es mir ja jetzt gut», sagt er.