In einem Jahr stimmt die Schweiz über die Initiative für ein bedingungsloses Grundeinkommen ab. Einer der Initianten ist der Basler Unternehmer Daniel Häni, Mitbegründer des «Unternehmen Mitte». Zusammen mit dem Berliner Philosophen Philip Kovce hat er ein Buch zur Abstimmung geschrieben.

In Ihrem Buch heisst es, dass die Menschen dank Grundeinkommen ihre Arbeit völlig frei wählen können. Dafür können die Firmen jederzeit ohne Gewissensbisse Arbeiter entlassen. Sind Sie also Raubtierkapitalisten?

Philip Kovce: Heute ist es ein soziales Drama, wenn man die Stelle verliert und das Einkommen wegbricht. Mit dem Grundeinkommen wäre es ein Happy End: Die Zusammenarbeit wird dann beendet, wenn sie nicht mehr sinnvoll ist. Aber das Einkommen bricht nicht weg, da es an die Existenz und nicht mehr nur an die Erwerbsarbeit gekoppelt ist. Viele werden sich selbst aus ihrem Job rauswerfen, den sie unsinnig finden ...

… und finden dann eine sinnvolle Arbeitsstelle. Verlieren sie aber ihre sinnvolle Arbeit, verlieren sie ihren Lebenssinn gleich dazu. Das ist doch genauso ein Drama.

Daniel Häni: Ja, das Drama der Freiheit. Das Leben kann nur den Sinn haben, den ich ihm gebe. Diese Selbstbestimmung ist anstrengend. Der spannendste Akt des Dramas besteht darin, dass sich die Unternehmen darum bemühen müssen, sinnvolle Arbeit anzubieten. Sie können die Not nicht mehr ausnützen, die sich wegen der Existenzsicherung durch Erwerbsarbeit ergibt.

Kovce: Ich denke, es herrscht ein Missverständnis über die Aufgabe von Wirtschaft überhaupt. Wir meinen heute, die Wirtschaft müsse Menschen beschäftigen. Beschäftigen tun wir uns aber nur, wenn wir nichts zu tun haben. Wenn es die Aufgabe von Unternehmen ist, möglichst viele Menschen zu beschäftigen, dann sind Unternehmen nichts anderes als riesige Lebenszeitfresser, die möglichst viel Zeit von möglichst vielen Menschen verschlingen. Der Gipfel dieses Missverständnisses ist die Forderung nach Vollbeschäftigung.

Was ist denn Ihrer Meinung nach die Aufgabe der Wirtschaft?

Kovce: Sie versorgt uns mit Produkten und Dienstleistungen und sorgt dafür, dass durch Rationalisierung, Automatisierung und intelligentere Arbeitsorganisation möglichst viele Menschen freigestellt werden, die dann etwas anderes tun können – selbstbestimmt.

Im Buch nennen Sie das Grundeinkommen auch eine Automatisierungsdividende, die noch mehr Innovation freisetzen wird, als wir jetzt schon haben. Wer ein Start-up-Unternehmen gründet, geht kein Risiko mehr ein.

Kovce: Heute bremsen wir Innovation systematisch aus und betreiben Sozialkitsch, indem wir möglichst viele Erwerbsarbeitsstellen erhalten. Wir sind uns selbst gegenüber innovationsfeindlich, indem wir Automatisierung verhindern.

Angenommen, ein römischer Kaiser hätte das Grundeinkommen eingeführt und es hätte bis heute Bestand. Glauben Sie ernsthaft, wir wären technologisch weiter fortgeschritten?

Häni: Wer weiss? Auf jeden Fall ist es gut, dass es heute kein römischer Kaiser einführen wird, sondern wir selbst in der direkten Demokratie, von allen für alle.

Als Schweizer Bürger kann man heute schon Innovation riskieren, ohne gleich in Existenzängste zu verfallen. Der Sozialstaat ist sehr gut ausgebaut.

Häni: Ja, deshalb sind wir auch erfolgreich. Mit dem Grundeinkommen geht es um den nächsten Schritt. Heute haben wir ein dichtes Sozialnetz, aber mit den Bedingungen stimmt etwas nicht. 60 Prozent der Menschen, die zu Sozialleistungen berechtigt sind, beziehen sie nicht.

Diese Nichtbezugsquote freut doch den Steuerzahler. Und Sie sagen allen Ernstes, das sei schlecht?

Häni: Wenn Sie 100 Brote backen, und 60 werden nicht abgeholt, dann stimmt etwas mit der Brotqualität nicht. Wenn mir das als Unternehmer passiert, mache ich definitiv etwas falsch.

Kovce: Diese Nichtbezugsquote ist tatsächlich erschreckend. Das zeigt sich vor allem, wenn man die Gründe dafür ansieht: In vielen Fällen ist es die Angst vor Stigmatisierung und Gesichtsverlust.

Das Grundeinkommen kann uns also von Ängsten befreien. Doch wieso soll ausgerechnet die Schweiz als erstes Land dieses Experiment durchführen?

Kovce: Das Grundeinkommen ist eine liberale Idee, und die Schweiz ist ein liberales Land. Da ist es nur logisch, dass sie als erste das Grundeinkommen einführt. Ausserdem ist die politische Mitbestimmung der Bürger nirgends so gross wie hier.

Stichwort Politik: Ist das Grundeinkommen einmal da, muss niemand mehr für den Sozialstaat kämpfen. Werden damit alle linken Parteien obsolet? Oder die ganze Politik?

Kovce: Die Linke ist schon längst obsolet geworden − die Sozialdemokratie fährt seit Jahrzehnten mit ideologischem Autopilot von vorgestern. Darum weiss sie nicht, wie sie sich bestimmten Ideen aus der Gegenwart erwehren soll und öffnet so dem Neoliberalismus Tür und Tor.

Häni: Die Sozialdemokratie und die Gewerkschaften haben historisch viel erreicht. Nun könnten sie sich von ihrer Fixierung auf die Erwerbsarbeit verabschieden und sich neuen Aufgaben stellen. Ihre Expertise ist gefragt in der Frage, wie das Grundeinkommen sozial umgesetzt wird.

Werfen wir schon mal einen Blick auf den Abstimmungskampf: Was würden Sie auf die Plakate für das Grundeinkommen schreiben?

Kovce: Als subtile Antwort auf den SVP-Slogan «Frei bleiben!» müsste es auf den Plakaten für das Grundeinkommen heissen: «Frei werden!»

Wie wollen Sie eigentlich verhindern, dass die Schweiz wegen des Grundeinkommens völlig überrannt wird?

Häni: Das Einwanderungsgesetz regelt die Migration. Und die Frage nach der Grundeinkommensberechtigung lösen wir am elegantesten mit einer Frist für Zu- und Auswanderer.

Mit dieser Antwort machen Sie es sich zu einfach.

Kovce: Okay, vielleicht wird wegen des Grundeinkommens die ganze Welt in die Schweiz einwandern wollen. Aber nur wenige erhalten eine Aufenthaltsbewilligung. Und dann kommen die Menschen auf die Idee, dass sie gar nicht in die Schweiz einwandern müssen: Sie können das Grundeinkommen auch im eigenen Land einführen.

Eine Kritik am Grundeinkommen lautet: Man soll den Menschen nicht für seine pure Existenz belohnen.

Kovce: Das Grundeinkommen belohnt nicht die Existenz, sondern ermöglicht sie! Das Grundeinkommen ist ein Lebensmittel.

Häni: Heute ist der Lohn ein Misstrauensvotum. Man muss erst beweisen, dass man arbeitet, um Geld zu erhalten. Mit dem Grundeinkommen vertraut man den Menschen, dass sie arbeiten und ihre Selbstbestimmung nutzen.

Hoffen Sie, dass Ihre Gegner nun auch ein Buch schreiben?

Kovce: Unser Buch ist erfolgreich, wenn es gekontert wird und die Debatte profiliert. Dafür haben wir es geschrieben.

Montag Abend um 19.30 Uhr stellen die beiden Autoren Daniel Häni und Philip Kovce im «Unternehmen Mitte» ihr neues Buch vor: «Was fehlt, wenn alles da ist? Warum das bedingungslose Grundeinkommen die richtigen Fragen stellt». Mit dabei sind unter anderem der St. Galler Poetry-Slammer und SP-Politiker Etrit Hasler sowie der Schauspieler, Sprecher und Autor Alexander Tschernek.

Das 192-seitige Buch erscheint im Zürcher Orell-Füssli-Verlag und ist ab Dienstag für 19.90 Franken im Buchhandel erhältlich.

ISBN: 978-3-280-05592-2