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Auf dem Twitter-Account der bz können Sie die erste Grossratssitzung der Legislatur live mitverfolgen. Diskutieren Sie unter dem Hashtag #LegislaturbeginnBS mit uns mit.

Vier Jahre lang wird der Grosse Rat in seiner heutigen Konstellation tagen. Gegenüber dem bisherigen fällt vor allem auf, dass die Mitte dünner und die Lager kompakter geworden sind. Die GLP ist auf drei Mitglieder geschrumpft, und auch die CVP, die sich immer stärker dem bürgerlichen Lager aus FDP, LDP und SVP anschliesst, hat einen Sitz verloren. Zudem sind die Volksaktion und die BDP nach einem kurzen Gastspiel nicht mehr im Parlament vertreten. Aber auch sonst hat sich im Parlament einiges verändert. Die wichtigsten Fakten:

Schlachtrösser und Jungspunde

Einen Monat alt ist Roland Lindner, als das Luftschiff Hindenburg 1937 in Flammen aufgeht. Auch Jack Nicholson und Saddam Hussein trinken noch Muttermilch. Die Substanz Methadon wird entwickelt, und Walt Disney produziert seinen ersten grossen Trickfilm.

«Schneewittchen und die sieben Zwerge» ist längst ein Klassiker, als Sebastian Kölliker 1990 geboren wird und die Welt nach 27 Jahren Haft die Freilassung von Nelson Mandela feiert. Eine Zahl, die auch im neuen Grossen Rat von Bedeutung ist: Mit seinen 27 Lenzen ist Sebastian Kölliker der jüngste Parlamentarier.

Das Gegenstück bildet mit seinen bald 80 Jahren Roland Linder. Zwischen dem Studenten und dem Architekten liegen fünf Jahrzehnte – und mehrere Welten, was die politische Haltung angeht: Kölliker vertritt bei der SP linke Anliegen, während Lindner als SVP-Politiker am rechten Rand steht. Daraus einen Trend abzuleiten, wäre aber falsch: Als zweitjüngster Grossrat politisiert Pascal Messerli bei der SVP, zweitältester Vertreter ist Jürg Meyer von der SP.

Weniger spektakulär ist das Durchschnittsalter aller Grossräte. Es beträgt knapp 52 Jahre. Der durchschnittliche Grossrat ist demnach geboren, als der Basler Bundesrat Hans-Peter Tschudi (SP) Bundespräsident wurde. Dies dürfte dem durchschnittlichen Grossrat so jung aber nicht mehr gelingen: Tschudi war auf dem Höhepunkt seiner Karriere so alt wie der durchschnittliche Grossrat jetzt.

Auch der durchschnittliche Regierungsrat schafft es so jung kaum mehr nach Bern. Ein, was das Alter betrifft, unterdurchschnittlicher Regierungsrat hätte allenfalls noch Chancen: Baschi Dürr feierte gestern seinen 40. Geburtstag. In diesem Alter wurde Tschudi erstmals in die Basler Regierung gewählt und nicht wie Baschi Dürr bereits zum zweiten Mal. Tschudi war allerdings auch schon 31 Jahre alt, als er als Grossrat ins Rathaus einzog. Anders Baschi Dürr: Der war gleich alt wie Sebastian Kölliker. Was diese Parallele für die Zukunft des jungen Genossen bedeutet, steht in den Sternen.

Weniger Frauen als in Baselland

Im neuen 100-köpfigen Basler Parlament sitzen 32 Frauen, was einer Quote von ebenfalls 32 Prozent entspricht. Zum Vergleich: Im Baselbieter Landrat liegt die Frauenquote bei rund 38 Prozent. Damit liegen die beiden Basel weit über dem nationalen Durchschnitt der Kantonsparlamente, die im Schnitt auf eine Frauenvertretung von gut einem Viertel (25,8 Prozent) kommen. Seit den Wahlen ist der Frauenanteil aber auch in Basel-Stadt nochmals gewachsen, nachdem in der SP Daniel Goepfert seinen Sitz zugunsten von Alexandra Dill geräumt hat. Der Grossteil (23) der weiblichen Parlamentarier sitzt im rot-grünen Lager. Gar keine Frau in ihren Reihen hat dagegen die FDP. Immerhin: Seit sich Martina Bernasconi (ex-GLP) an die FDP-Fraktion angehängt hat, sitzt zumindest eine Henne im Korb.

Fremdgänger

23 Grossrätinnen und Grossräte wohnen nicht im Wahlkreis, für den sie politisieren. Besonders beliebt als Wohnort: Riehen. Sieben Politiker haben bei den Wahlunterlagen eine Adresse im «grossen grünen Dorf» angegeben – wobei sich das Grün im Gemeinde-Leitspruch in diesem Fall keineswegs auf die politische Ausrichtung bezieht. Vier der sieben in Riehen wohnenden, aber in der Stadt gewählten Grossräte gehören der SVP an: Daniela Stumpf (für Grossbasel West), Christian Pascal Messerli (Grossbasel Ost) sowie Christian Meidinger und Felix Wehrli (beide Kleinbasel). Gleichzeitig gibt es mit Thomas Grossenbacher nur einen einzigen Basler, der Riehen im Rat vertritt.

Ganz anders verhält es sich mit dem Wahlkreis Kleinbasel. Mit 27 Sitzen ist der bevölkerungsstarke Kreis gut vertreten, jedoch wohnt jeder Dritte ausserhalb. Gerade noch zulässig – weil mit einer direkten Fähri-Verbindung zu seinem Wahlkreis – wohnt Basta-Politiker Beat Leuthardt am Grossbasler Rheinufer. Daneben ist vor allem die Region zwischen Kannenfeld- und Schützenmattpark eine beliebte Wohngegend für Kleinbasler (SP-) Politiker. Besonders «entwurzelt» sind Mustafa Atici (SP) mit Wohnsitz auf dem Bruderholz sowie die beiden obengenannten SVP-Politiker aus Riehen.

Juristen und Beamte

14 der 100 Grossräte, welche heute ihr Amt antreten, sind Juristen. Sie stellen damit die grösste Berufsgruppe, gleich vor den Rentnern (13) und den Kantonsangestellten (je 11 in BS und BL). Zehn weitere Parlamentarier arbeiten in einem akademischen Beruf – vom Professor bis zum Studenten. Sechs Grossräte sind hauptberuflich Lehrer, zwei arbeiten für eine Gewerkschaft. Interessant ist, dass man die Berufsdeklaration oftmals auch als politisches Statement auslegen darf. So finden sich bei den Bürgerlichen überdurchschnittlich viele «Geschäftsführer». SP-Grossrat Pascal Pfister legt dagegen Wert darauf, dass er neben seinem Job als «Mitarbeiter Kommunikation» auch als Hausmann arbeitet. Den bodenständigsten Beruf hat wohl der Riehener LDP-Grossrat Daniel Hettich. Er ist Schreinermeister.

Entschädigungen

6000 Franken Grundentschädigung erhält jeder gewählte Parlamentarier pro Amtsjahr – steuerfrei. Hinzu kommen Sitzungsgelder. Mit 200 Franken wird ein halber Tag im Parlament entschädigt. 41 Halbtage konnten die fleissigsten Grossräte vergangenes Jahr abrechnen, macht für die Fleissigen 8200 Franken. Dazu kommen die Entschädigungen für die Kommissionssitzungen, ebenfalls 200 pro Sitzung à maximal drei Stunden. Die Präsidenten erhalten jeweils das Doppelte. Je nach Kommission stehen pro Amtsjahr zwischen 20 und 50 Sitzungen auf dem Kalender. Viele Grossräte sitzen auch in mehreren Kommissionen. Unter dem Strich kommen die Parlamentarier so auf eine Entschädigung von 12 000 bis 25 000 Franken im Jahr – für einen Job, der je nach Engagement einem 20- oder 30-Prozent-Job entspricht. Davon muss allerdings ein Teil an die Partei abgegeben werden – bei der SVP sind das 5 Prozent, bei der FDP 12 Prozent, bei den Grünen 25 Prozent und bei der Basta sogar die Hälfte.

Erste Traktanden

Als erstes wählt der Grosse Rat heute seinen Präsidenten und den Statthalter, welcher in einem Jahr den Vorsitz übernehmen wird. Diese Jobs werden im Turnus vergeben. Als Präsident und damit höchster Basler dürfte SVP-Grossrat Joel Thüring gewählt werden. Als Statthalter ist Remo Gallacchi (CVP) vorgesehen. Anschliessend werden die 13 Kommissionen neu besetzt. Als erstes Sachgeschäft diskutiert der neu zusammengesetzte Grosse Rat die drei hängigen Initiativen des Mieterverbands.

Ab 280 Stimmen dabei

8576 Stimmen hat SP-Urgestein Rudolf Rechsteiner bei den Wahlen im Oktober 2016 gemacht – mehr als jeder andere Grossrat. Am anderen Ende der Wählerskala steht Olivier Battaglia, der den einzigen Sitz in Bettingen gemacht hat. 280 Wähler haben den Namen des Aktives-Bettingen-Kandidaten auf den Wahlzettel geschrieben und ihm damit einen Platz im Grossen Rat beschert. Wollte sich Rechsteiner mit seinen Wählern direkt austauschen, müsste er fast die Joggeli-Halle mieten, damit alle Platz haben. Battaglia hingegen könnte an jede Sitzung einen seiner Wähler mitnehmen: Bei 20 Sitzungen pro Jahr, aufgeteilt in Morgen und Nachmittag, ergibt das in vier Jahren doch immerhin 160 Gelegenheiten für einen persönlichen Empfang im Rathaus-Café. Und bei so viel Wählernähe wäre dem Neo-Grossrat, der für die LDP-Fraktion politisiert, die Wiederwahl wohl garantiert, und er könnte die verbleibenden 120 Wähler während der Legislatur 2021 bis 2025 einladen.

Wer geht als nächstes?

Über ein Viertel der Parlamentarier dürften die heute beginnende Legislatur nicht bis zum Ende durchziehen. Insgesamt 29 der 100 Grossräte könnten bei den Wahlen 2020 aufgrund der Amtszeitsguillotine nicht mehr antreten, rechnete kürzlich die «Schweiz am Sonntag» vor. Wer mehr als drei Legislaturen am Stück absolviert hat, muss mindestens einmal aussetzen. Davon betroffen sind eine Reihe politischer Schwergewichte wie etwa Mustafa Atici, Tanja Soland, Tobit Schäfer (alle SP), Eduard Rutschmann und Heiner Ueberwasser (beide SVP), Patricia von Falkenstein und Heiner Vischer (beide LDP), Michael Wüthrich und Thomas Grossenbacher (beide Grüne), Christophe Haller (FDP) oder Oswald Inglin (CVP). In der Regel treten Parlamentarier, welche sich in ihrer letzten Legislatur befinden, mindestens ein halbes Jahr vor den Wahlen zurück, um so ihrem Nachfolger die Möglichkeit zu geben, als «Bisheriger» anzutreten. Ad absurdum geführt hat diesen Vorgang SP-Politiker Daniel Goepfert. Er trat zurück, bevor seine letzte Legislatur überhaupt begann.

Basler Räte denken nicht zu Ende

Über der wichtigsten Türe im Grossratssaal, jenem zum Kaffi, steht in grossen Lettern: «Quidquid agis prudenter agas.» Auf Deutsch: «Was auch immer du tust, handle klug.» Ironischerweise fehlt das Ende von Äsops Ausspruch: «Et respice finem» – «und bedenke das Ende». Der letzte, nicht unwichtige Teil, hatte keinen Platz mehr – irgendwie nicht zu Ende gedacht.

Nun laufen natürlich auch die Grossräte Gefahr, nicht zielorientiert zu handeln, wenn schon die lateinische Mahnung fehlt, weswegen der Hinweis durch diese Zeitung erfolgen muss. Oder durch Thomas Dähler, dem Leiter der Parlamentsdienste. In seinem Büro steht der vollständige Vers geschrieben. Wenn auch mit einem Schreibfehler. Überhaupt beschleicht den Betrachter das Gefühl, bei den frommen Sprüchen hätten die Innenarchitekten des Rathauses kein gutes Händchen gehabt. Ausgerechnet vor dem Saal des Regierungsrats steht die Drohung: «Suum cuique» – «Jedem das Seine».