Was fasziniert Sie am Schnitzelbank?

«D Motte»: Die Vielschichtigkeit. Ich beginne vor der Fasnacht zu überlegen, was man in Versform verwursten kann und wie ich die Pointe hinkriege. Ich singe den Vers meiner Frau vor und merke an ihrer Reaktion sofort, ob der Vers etwas taugt. Zusammen versuchen wir dann, den Vers zu trimmen, bis wir beide das Gefühl haben, der haut hin. Gross ist dann das Kribbeln, bis wir unsere Verse erstmals öffentlich vorsingen und danach wissen, ob sie beim Publikum ankommen oder nicht. Das Faszinierendste ist, wenn wir mit unseren Schnitzelbänken in der Beiz stehen und es mäuschenstill ist. Und nach der Pointe laut wird und alle finden, das war jetzt ein lässiger Vers.

Das ist das Höchste für einen Schnitzelbänkler. Was ist für ihn ein Fiasko?

Wenn es auch nach dem Vers still ist.

Haben Sie das schon erlebt?

So schlimm war es noch nie. Man merkt schnell, wenn die Leute Mühe haben zu lachen. Dann muss der Vers schleunigst aussortiert werden.

Wie wissen Sie, ob eine Pointe einschlägt oder nicht?

Da schwebt man ein wenig im luftleeren Raum. Zu Beginn vor etwa 30 Jahren, als ich noch mit Kollegen in einer Gruppe als Schnitzelbänkler unterwegs war, sangen wir unsere Verse zuerst vor Freunden in intimerem Rahmen. Das hilft, aber nicht so sehr. Diese Leute sind voreingenommen; sie kennen die Schnitzelbänkler und bewerten die Verse anders, als wenn diese danach in der Beiz gesungen werden. Es ist eine völlig andere Situation. Deshalb haben wir aufgehört damit. Heute vertrauen meine Frau und ich auf unser Bauchgefühl.

Wer liefert Ihnen Ideen für Verse?

Die Zeitungen. Nach der Lektüre schneide ich Artikel, die etwas für einen Vers hergeben könnten, heraus und bewahre die Texte auf. Einige Sachen sind jedoch derart präsent, dass es fast auf der Hand liegt, darüber einen Vers zu schmieden. Neben dem Sammeln von Zeitungsausschnitten notiere ich mir auch regelmässig, wenn mir etwas in den Sinn kommt: irgendein Vers oder eine Pointe.

Wann starten Sie mit dem «Värslibrünzle»?

Nach Weihnachten, wenn meine Frau unruhig wird, weil sie ohne Verse nicht auf Requisitensuche gehen kann.

Wie entsteht bei Ihnen ein Vers?

Ich führe eine Liste mit Themen, die für Verse geeignet sein könnten. Sie wird laufend ergänzt. Dann setze ich mich dahinter – meistens wenn ich ungestört bin – und fange an zu schreiben. Manchmal entsteht ein Vers rasch, hin und wieder harzt es; das ist abhängig von der Tagesform. Dann muss der Vers bei meiner Frau bestehen. Wir schräubeln herum und irgendwann – das ist nicht programmierbar – macht es klick, und es entsteht ein Bezug zu einem andern Thema. Das gibt dann die Pointe. Meine Frau ist da ziemlich kritisch. Und schliesslich muss dann noch das Versmass stimmen, damit der Vers singbar ist.

Ist der neue US-Präsident Donald Trump auch ein Thema für die Region?

Ja, sicher. Wir machen auch internationale Verse, darunter fällt alles von Itingen an abwärts – Liestal und Basel ist für uns international wie Trump und Brexit auch. Solche Schnitzelbänke können wir in jedem Dorf singen, Trump kennen alle.

Über ihn wird es vermutlich viele Verse geben. Wäre das nicht ein Grund, explizit darauf zu verzichten?

Klar müssen wir auswählen. Dennoch gibt es Themen, an denen man nicht vorbeikommt. Wenn uns über Trump ein guter Vers einfällt, dann singen wir diesen. Aber wir müssen schon aufpassen, dass wir nicht im SRF-Mainstream mitschwimmen. Auch wir machen ein paar solche Verse. Wenn man jedoch die Fernsehsendungen zur Basler Fasnacht verfolgt, dann singen die Schnitzelbänkler oft über die gleichen Themen.

Wie treten Sie dem entgegen?

Wir setzen auf dorfspezifische Begebenheiten, wie beispielsweise die neue Begegnungszone in Gelterkinden, die menschenleer ist.

Sie setzen auf lokale, kommunale Themen.

Ganz bewusst. Wir sind ja schliesslich im Oberbaselbiet daheim. Die Hälfte unserer Verse betreffen regionale Themen. Die Reihenfolge bei unseren Auftritten ist unterschiedlich.

Wie viele Verse singen Sie pro Auftritt?

Zehn bis zwölf. Wir verteilen internationale und regionale Verse, deshalb kommen nicht immer die besten am Schluss. Es gibt eine gewisse Dramaturgie. Wir starten immer mit einem Vers, bei dem alle zuschauen und zuhören. Das kann noch nicht der Kracher sein. Die Zuschauer müssen sich zuerst darauf einstellen, wie wir unsere Verse darbieten. Jede Schnitzelbank-Gruppe hat ihren eigenen Stil. Jeder dritte Vers sollte ein besonders guter sein.

Gibt es bei Schnitzelbänken eine Hemmschwelle?

Selbstverständlich. Wir machen sicher keine rassistischen Verse. Natürlich kann man über die Masseinwanderungsinitiative einen Schnitzelbank machen; dieser muss nicht rassistisch, aber er kann kritisch sein. Auch Religion ist heikel. Stammtischzeug liegt mir nicht. Neben der Hemmschwelle gibt es noch eine andere Grenze: die Gürtellinie. Stammtischverse, Sprüche unter der Gürtellinie oder unanständige Witze haben für mich nichts mit Schnitzelbänken zu tun.

Nochmals zur Hemmschwelle. Es ist doch ein Unterschied, ob Sie über Donald Trump singen oder über einen Exponenten einer Oberbaselbieter Gemeinde, wo Sie auftreten.

Gewiss. Ich kann nicht jemanden, der in einem Dorf bekannt ist, derart herunterkanzeln oder lächerlich machen, wie ich das mit einem Vers über Trump tun kann. Das ist für mich klar.

Sie haben keine Helgen, sondern einen fahrbaren Mottenschrank mit Requisiten drin, die sie einzeln vor einem Vers zeigen. Muss das Publikum anhand eines Objekts erkennen können, worum sich der Schnitzelbank handeln könnte?

Nein lieber nicht. Wir versuchen, mit unseren Requisiten das Publikum hin und wieder auf eine falsche Fährte zu locken. Der Mottenschrank mit den Requisiten ist unser Markenzeichen. Für diese ist meine Frau zuständig. Sie verwendet ungeheuer viel Fantasie und Zeit, passende Requisiten aufzutreiben und zu fabrizieren. Als Beispiel: Letztes Jahr sangen wir einen Vers über den Abgas-Bschiss von VW. Zu diesem Vers trieb sie eine Rauchmaschine auf, die wir im Mottenschrank versteckten. Während des Verses füllten wir die Beiz mit Rauch.