Plötzlich klirren die Schritte. Glasscherben bedecken den Parkplatz vor dem fünfstöckigen Büroturm. Der Blick wandert die graffitiverschmierte Fassade hinauf: Mehrere Fensterscheiben sind zerschlagen. Rolf Rossi senkt seinen Blick und schüttelt den Kopf. «Das ist das erste Mal, seit wir das Gelände konsequent bewachen, dass wieder Vandalen zugeschlagen haben.» Die erste Analyse des Baselbieter Asylkoordinators ist klar: Da viele Scherben weit bis auf den Parkplatz geflogen sind, müssen die Scheiben der oberen Stockwerke von innen zerstört worden sein. Also wieder Chaoten, die in den leerstehenden Gebäuden auf dem Muttenzer Feldreben-Areal über Jahre unbehelligt randaliert haben.

Diese Reaktion ist mittlerweile zum Reflex geworden, wirkt doch vor allem der Büroturm nach wie vor abrissreif. Auch sonst dominiert auf dem Gelände die Trostlosigkeit: Stacheldrahtzäune, kaputte Fenster, Türen und Wände, ein defekter Lift, hängende Kabel und natürlich: überall Sprayereien, teilweise halb fertig beseitigt. Kaum etwas deutet darauf hin, dass hier in rund zwei Monaten das grösste Bundesasylzentrum der Schweiz mit 500 bis 900 Plätzen den Betrieb aufnehmen soll.

Und doch: Das Konzept des Registrierungszentrums steht. Für die bz öffnet Rossi die Absperrungen und zeigt bei einem Rundgang durch die leeren Hallen, was es alles bieten wird.
Eines wird schnell klar: Bis zur Schlüsselübergabe an den Bund Ende April muss der Kanton Baselland als Vermieter noch viel erledigen. In der 4000 Quadratmeter grossen Haupthalle stehen bloss einsam drei Hütten herum. Zwei sind Prototypen, eine aus Holz und eine gemauert.

Laut Rossi steht mittlerweile fest, dass in der Haupthalle bis zu 80 Steinhütten aufgebaut werden und in der 1325 Quadratmeter grossen Querhalle 20 Hütten aus steckbaren feuerfesten Holzplatten. «Die Steinhütten können wir besser um die Stützpfosten der Haupthalle herum bauen und so den Raum optimal ausnutzen», sagt Rossi. Dies sei auch aus Sicherheitsgründen gut, entstünden sonst doch Nischen, die kaum überblickt werden könnten. Durchschnittlich acht Personen sollen jede Hütte bewohnen.

Die Haupthalle ist für alleinstehende Männer vorgesehen, da sie zurzeit gut 60 Prozent aller Ankömmlinge ausmachen. Die Querhalle soll Frauen und Familien vorbehalten bleiben (siehe Übersichtskarte oben).

Gespräche mit Rennbahnklinik

Mit rund 4000 Franken pro Stück kosten die beiden Hüttenvarianten dreimal so viel wie die Fertighütte von Ikea, die bei Brandtests durchfiel (bz berichtete). Auch sie steht noch in der Halle, daneben stapeln sich Dutzende Bausätze. Rossi: «Ikea hat uns versichert, alle Hütten zurückzunehmen, sodass dem Kanton daraus kein finanzieller Schaden entsteht.»

Ausser den Prototypen ist in den Hallen noch kaum etwas sichtbar, da der Kanton erst das Baugesuch einreichen muss, ehe die Hauptarbeiten beginnen. Die Regierung will am 10. März umfassend informieren, wie Rossi bestätigt. Er beschreibt dennoch erstmals die Planung im Detail. Im hinteren Teil der Haupthalle werden Duschen und WCs aufgestellt. Mit den bestehenden Sanitäranlagen, die ihre besten Tage längst hinter sich haben, sollen insgesamt 50 WCs und 35 Duschen für die Flüchtlinge bereit stehen. Im vorderen Hallentrakt dürften medizinische Untersuchungszimmer eingerichtet werden.

Rossi verrät, dass man mit der gleich auf der anderen Strassenseite liegenden Rennbahnklinik in Verhandlungen steht. Deren Ärzte sollen Visiten im Asylzentrum durchführen. «Das wäre eine ideale Lösung», sagt Rossi.

1 Million Franken

muss der Kanton Baselland laut Asylkoordinator Rolf Rossi ungefähr investieren, um das alte Lastwagen-Terminal auf der versiegelten Deponie in das schweizweit erste Registrierungszentrum für Flüchtlinge zu verwandeln. Denn der Deal besagt, dass man das Gelände schlüsselfertig dem Bund zur Miete übergeben muss. Dafür erhält er aber auch für die auf zwei Jahre befristete Vermietung 8 bis 10 Franken pro Asylbewerber und Tag. Schon wenn «nur» 500 der maximal 900 Plätze belegt würden, fallen rund drei Millionen Franken Miete an. Baselland kann also mit mindestens zwei Millionen Franken Gewinn rechnen.

Im ersten Stock der Haupthalle erinnert eine halb ausgerissene beige Einbauküche ans Restaurant Drehscheibe des alten Lastwagen-Terminals. Auch die Asylsuchenden werden hier verpflegt werden. An einer langen Fassstrasse soll das von extern gelieferte Essen ausgegeben werden. Welcher Catering-Service den Zuschlag erhält, ist noch offen. Daran anschliessend folgen mehrere Räume, die als Esssäle, aber auch als allgemeine Aufenthaltsräume, als Spiel- und TV-Zimmer genutzt werden können. Die Räume sind verschieden gross, um bei Bedarf auch hier zwischen Frauen und Männern oder den verschiedenen Ethnien zu trennen.

Auch der Religiosität wird Rechnung getragen: Im hinteren Teil des Traktes wäre es laut Rossi möglich, einen «Raum der Stille» einzurichten. Im Sommer kann zudem die grosse Dachterrasse bestuhlt werden.

Riesige Aussenanlage

An Frischluft wird es den Flüchtlingen nicht mangeln. 6000 Quadratmeter gross ist der Platz rechts der Haupthalle, der für Spielplätze und Sportanlagen wie Fussball oder Basketball vorgesehen ist. Er wird gegen aussen abgeschirmt. Überhaupt ist die Einfriedung des Geländes noch nicht abgeschlossen. «Es soll keinen kahlen Maschendrahtzaun geben, sondern etwas begrüntes», betont Rossi. Auf das Areal gelangen die Asylbewerber über die Hofackerstrasse. Zur Diskussion stehen Shuttlebusse zum und vom nur zwölf Autominuten entfernten Basler Empfangs- und Verfahrenszentrum Bässlergut.

Zurück beim Büroturm: Hier sollen dereinst 40 Bundesangestellte arbeiten, Priorität hat aber die Herrichtung der Unterkünfte in den Hallen. Daher ist im Turm die Zerstörungswut der Vandalen noch am besten sichtbar. Allerdings: Der Vandalismus-Reflex ist trügerisch. Von der neu entdeckten Tat findet Rossi nur im ersten Stock Steine, die durch die Fenster geworfen wurden. Sonst wurde nichts Neues mehr zerstört. Eingedrungen ist hier niemand mehr. Das sowieso instabile Fenster im oberen Stock wird der Sturm zum Bersten gebracht haben, der kürzlich gewütet hat.

Besorgte Anwohner lancieren neue Petition

Nach der SVP Muttenz reichten nun auch 37 «besorgte Eltern und Anwohner» eine Petition beim Gemeinderat ein. Sie bitten, den Standort des Asylzentrums zu überdenken, da es in der Nähe Schulen gibt. Die Petenten sorgen sich um die Sicherheit der jungen Frauen und schüren diffuse Ängste, wenn sie schreiben: «Die jungen Asylsuchenden haben Zeit, nichts zu tun (...) und sind doch voller Energie und Kraft.» Man müsse «die Freiheit und Ordnung in unserem christlichen Abendland verteidigen».

Versiegelte Deponie: Luftwerte sind gut

Im Rahmen des Baugesuchs hat der Kanton noch einmal Schadstoffmessungen auf der versiegelten Chemiemüll-Deponie Feldreben durchgeführt. Auf Anfrage der bz gibt die Finanz- und Kirchendirektion bekannt, dass unterdessen der Zwischenbericht vorliege. Wie schon bei den Messungen von 2007 seien alle gesetzlichen Grenzwerte eingehalten, auch bei den neu untersuchten Stoffen. Der schriftliche Bericht zu den Langzeitproben stehe zwar noch aus, doch auch dort seien die Werte unbedenklich.