Der Regen treibt zur Eile, der Kuchen soll nicht nass werden. Doch nicht nur Süssigkeiten wechseln von den Plastikharassen im Wagen in die Kisten des Ökumenischen Seelsorgediensts für Asylsuchende (OeSA) beim Empfangszentrum für Asylsuchende am Zoll Otterbach: Auch Tortelloni-Packungen, auf denen noch der rote 50-Prozent-Kleber prangt, werden fix umgeladen: Alles was man als Zwischenmahlzeit direkt essen oder mit wenig Aufwand zubereiten kann, ist hier bei den Asylbewerbern willkommen. Andere Einrichtungen, wie etwa die Heilsarmee oder Gassenküchen, die für ihre Klienten kochen, bekommen andere Lieferungen: «Dort machen ein paar Kartoffeln keinen Sinn, da benötigen sie viel vom Gleichen», berichtet Sonja Grässlin, Regionenleiterin der Schweizer Tafel Region beider Basel.

«Wir sind kein Supermarkt-Ersatz», betont Grässlin. Die Abnehmer – die Schweizer Tafel beliefert nur Organisationen und nicht wie «Tischlein deck Dich» einzelne Familien – müssen das nehmen, was es gerade gibt. Und was es geben wird, wissen weder Grässlin noch ihre Freiwilligen und Zivildienstleistenden schon am Morgen. Vielmehr stellt sich das erst während der Tour heraus. «Heute haben wir nichts für euch», tönt es beispielsweise beim Gemüseverarbeiter Marksteiner. «Letzte Woche konnten wir hier zwei Wagenladungen abholen», berichtet Radovan Simic, der heute als Zivildienstleistender die Stadttour fährt. Die Beifahrer notieren, wo es jeweils wie viel gibt. Gehen die Spenden an einzelnen Punkten dauerhaft zurück, sucht Grässlin das Gespräch. «Oft hat der Filialleiter gewechselt und der neue weiss nichts von uns.» Dann wandern mehr Lebensmittel in den Abfall statt in die Harassen für die Schweizer Tafel.

Soziale Motivation

«Natürlich finden wir es schlecht, wenn Essen, das noch in Ordnung ist, weggeworfen wird», betont die energische Holländerin. Doch der Kampf gegen «Food Waste» sei nicht die wichtigste Motivation der Schweizer Tafel: «Es geht uns in erster Linie um die Armutslinderung von Bedürftigen in der Schweiz, um gute Ware für die Abnehmer.»

Doch selbst wenn soziale Motive im Vordergrund stehen, erhielt die «Schweizer Tafel» beider Basel von der Jury der «Sun21» den Faktor-5-Preis 2015 zugesprochen, ein Preis, «der aussergewöhnliches nachhaltiges Handeln und Wirtschaften auszeichnet». Dominik Tschon, Geschäftsführer Tschantré, fasste in der Laudatio für die Schweizer Tafel zusammen: «Sie hilft Bedürftigen mittels Hilfe für die Umwelt.»

Das Diplom hängt nun im Büro in Pratteln an der Magnetwand. In den Lagerräumen stapeln sich Kartons mit Senftuben, Salatsossen und Schokolade, Paletten mit Aprikosenkompott, volle und leere Bananenschachteln, Tee, Pommes-Chips, Grissini al Sesamo, Windeln und Damenbinden. Letztere sind zwar keine Nahrungsmittel, «aber Bedürftige können sie brauchen, also haben wir sie angenommen, als sie uns angeboten wurden.» Selbst für Möbel bekomme die Schweizer Tafel ab und zu Angebote. «Die verweisen wir dann an die Brockenstuben.»

Stolz zeigt Grässlin die neueste Errungenschaft: eine Kühlzelle, in der man verderbliche Waren zwischenlagern kann. Gekauft wurde der Kühlraum mit Spenden, denn das Verteilen eingesammelter Lebensmittel wirft nichts ab. Und vom Verkauf der leeren Bananenschachteln – das Stück zu 1 Franken – kann man weder die Infrastruktur noch Raummiete oder die fünf Kühllieferwagen bezahlen.

Verschwendung verhindern

Zwar möchte der Einzelhandel alle Ware mit der vollen Marge verkaufen. Doch vieles lässt sich nicht planen: Ein verregneter Sommer senkt den Absatz von Grillfleisch. Und wie viele Kunden am Samstag schon weg sind oder noch in die Bäckerei kommen, um Brot zu holen, ist schwer vorherzusehen. Also füllt man im Zweifel die Verkaufsregale mit eher etwas zu viel als zu wenig. Was übrig bleibt, muss weg: Entweder mit dem Halbpreis-Kleber, manchmal an die Mitarbeiter, und nicht zuletzt via Abfalltonne.

Hier setzt die Schweizer Tafel an: Sie holt überschüssige einwandfreie Ware im Gross- und Detailhandel und teilweise direkt bei Produzenten ab. In der Nordwestschweiz hat sie Beziehungen zu gut hundert Spendern. Auf der anderen Seite warten 82 Organisationen wie Wohnheime, Sozialberatungsstellen, Asylzentren, Arbeitslosenprojekte oder Robinson-Spielplätze auf die Lebensmittel. «Eine grandiose Idee, verbunden mit einem logistischen Konzept und viel Mut sorgen seit 12 Jahren dafür, dass die elendeste menschliche Vergeudung Tag für Tag konsequent vermindert wird», formulierte Dominik Tschon.

Hälfte fliegt in Haushalten weg

Indem die Schweizer Tafel vor allem beim Handel ansetzt, kann sie die Qualität garantieren, denn es gibt von der Föderation der Schweizerischen Nahrungsmittel-Industrien und dem Verband des Schweizer Früchte-, Gemüse- und Kartoffelhandels einen Leitfaden für Lebensmittelspenden mit Vorschriften zu den Haltbarkeitsdaten und dem Zustand der Waren.

Doch den grossen Teil jener 2,3 Millionen Tonnen Lebensmittel, die jährlich in der Schweiz im Müll landen, rettet man damit nicht: Fast die Hälfte wird von den Konsumenten weggeschmissen. Nur 5 Prozent des «Food Waste», der Lebensmittelverschwendung, gehen in der Schweiz auf das Konto des Detailhandels. Und die Grossverteiler und Discounter, die als Spender auftreten, lassen ihr Logo gern auf die Wagen der Schweizer Tafel malen.

Anspruchsvolle Logistik

Ein Unfall versperrt den direkten Weg zum Coop am Aeschenplatz. Der Umweg mit Stau und Ampeln raubt Zeit. Dann die Ernüchterung: Heute ist für die Schweizer Tafel nichts abgefallen. Also weiter zur Migros in Riehen. Wer die Fahrt und die Zeit rechnet, kommt auf kein besonders gutes Aufwand-Nutzen-Verhältnis für die drei Harassen gemischte Waren, die bereit stehen. «Rentabilität ist nicht auf alles anwendbar», betont Simic, der im Berufsleben in Grossfirmen im Supply Chain Management arbeitet. «Man arbeitet hier für eine gute Sache, und das macht Freude.»

Über alles gesehen rechnen sich die Fahrten aber: Gibt es an einigen Fixpunkten nichts, klingelt andererseits immer wieder das Handy und Grässlin nimmt aus der Zentrale Aufträge entgegen. Spender haben angerufen, ausserplanmässig stehe etwas bereit. Auch sonst müssen Touren oft umgestellt werden: Ist der Wagen schneller als geplant voll, muss man Abnehmer früher anfahren, um wieder Platz zu schaffen.

Vertrauensverhältnis

Viele Spender wollen keine Anrufe. Teilweise bekommen die Zweierteams auf den Wagen die Schlüssel zum Lager an der Hintertür ausgehändigt. Die gespendete Ware steht immer am gleichen Platz, etwa die hausgemachte Pasta bei Vapiano in der Innenstadt. «Es freut mich immer, wenn Bedürftige durch uns auch mal zu einer Lebensmittelqualität kommen, die sie sich im Alltag sonst nie leisten könnten», meint Grässlin. Während Simic die Pakete in die Harassen im Wagen umschichtet, hält sie die leeren weissen Vapiano-Kisten. «Aus Hygienegründen dürfen sie den Boden nie berühren», erklärt sie.

Da viele Abnehmer eingeschränkte Öffnungszeiten haben, führt die Schweizer Tafel deren Schlüssel im Auto mit, beispielsweise für die Kontakt- und Anlaufstelle für Drogenabhängige am Wiesenkreisel. Da schleppt Grässlin Kisten mit Brot, Joghurt, Schokolade und Bananen ins unbesetzte Büro und nimmt die leeren Harassen wieder mit.

Grundnahrungsmittel nimmt auch die Lederwerkstatt Rehovot im Kleinbasel ab, wo Flüchtlinge aus Asien, Afrika und Osteuropa arbeiten: «Unsere Leute sind immer dankbar, wenn sie etwas zum Kochen mit nach Hause nehmen können», berichtet Leiter Suleyman Demirel. «Heute gabs nur Brot und Salat, aber manchmal hats Gemüse und Früchte für alle.»