Die Türkei hat das neue Jahr mit Blutvergiessen begonnen – und es gibt keinen Grund zur Annahme, dass der Hass das Land im weiteren Verlauf des Jahres verschonen wird. Die Türkei wird zur Geisel von rücksichtslosen Gewalttätern, für die jeder Andersdenkende ein legitimes Ziel ist und den Tod verdient. Oppositionelle und Regierungskritiker warnen, die Türkei ähnele immer mehr ihren von einem scheinbar unendlichen Strudel der Gewalt erfassten Nachbarn Irak und Syrien. Ein Ausweg aus diesem dunklen Tunnel ist nicht sichtbar.

Präsident Erdogan muss sich vorwerfen lassen, zumindest zum Teil für die Entwicklung mitverantwortlich zu sein. Obwohl bei ihm selbst kein Zweifel darüber besteht, dass er Gewalt als Mittel der Politik strikt ablehnt, hat er mit fatalen Richtungsentscheidungen in den vergangenen Jahren radikale Kräfte in mehreren Lagern ermuntert. Erdogan hat den kurdischen Friedensprozess, den er 2013 begonnen hatte und der zu einem vorübergehenden Gewaltverzicht der PKK-Terroristen führte, im Sommer 2015 aufgekündigt. Seit anderthalb Jahren tobt der Krieg zwischen der PKK und dem türkischen Staat wieder mit voller Härte. Tausende haben ihr Leben verloren oder mussten zerbombte Städte verlassen, die zu neuen Brutstätten des Hasses wurden.

Erdogan hat aber auch zugelassen, dass in der Türkei eine muslimische Intoleranz um sich gegriffen hat, durch die sich militante Extremisten bestärkt fühlen. Der Präsident wird von seinen Anhängern nicht zuletzt deshalb als Heilsbringer verehrt, weil er die lange vom strikt-säkularen System unterdrückte fromm-muslimische Mehrheit in der Türkei von ihren Fesseln befreite: Erdogan hat den türkischen Muslimen ein neues Selbstvertrauen geschenkt. Doch er hat nicht verhindern können oder wollen, dass dieses Selbstvertrauen in Rachsucht, Engstirnigkeit und Feindseligkeit gegen Andersdenkende umgeschlagen ist. Der Präsident hätte es in der Hand, dies zu ändern. Das Jahr 2017 dürfte für die Türkei noch schwieriger werden als das blutige alte Jahr.