Im 19. Jahrhundert war es eine Ferienreise, heute ist es eine Zeitreise: das Betrachten eines Panoramas. Wir von Bildern Überfluteten können uns kaum mehr vorstellen, was es für einen Menschen zu Beginn des 19. Jahrhunderts bedeutet haben muss, zum ersten Mal in ein wirklichkeitsgetreues 360-Grad-Rundbild einzutauchen. Zu jener Zeit vor Fotografie, Film, Fernsehen und Youtube; als Kirchengemälde, Bänkelsängertafeln und Kupferstiche noch seltene, intensive visuelle Reize boten. «Das Panorama ist das erste Massenmedium der Menschheitsgeschichte», sagt Patrick Deicher, ehemaliger Kurator des Bourbaki-Panoramas in Luzern.

In Paris, in Wien oder in London standen die Menschen vor neuen, runden Gebäuden Schlangen, zahlten an einem Kassenhäuschen Eintritt, gingen durch einen dunklen Gang – und betraten eine andere Welt. Plötzlich nahmen sie Teil an der Seeschlacht von Abukir, standen auf einer Aussichtsplattform in Londons Altstadt oder waren im von Napoleons Truppen in Brand gesetzten Moskau. Der Tourismus kam erst allmählich auf. Für viele Menschen waren Panoramen die einzige Möglichkeit, einen Fuss in fremde Welten zu setzen.

Basel hatte erstes CH-Panorama

1814 wurde auch in Basel, als erster Schweizer Stadt, ein Panorama eröffnet. In einem Rundturm an der Sternengasse genossen die Baslerinnen und Basler eine freie Sicht auf die Stadt Thun; auf Dächer, Häuser, Plätze; auf Menschen, Kutschen, Pferde, Hunde; auf Aare und Alpen. 7,5 Meter hoch, 38 Meter weit; 285 Quadratmeter Fläche ohne Anfang und Ende. Gemalt hat das Panorama von Thun der Basler Marquard Wocher (1760–1830). Und dieses Basler Werk hat ein paar Jahre früher entstandenen Rundbildern aus London und Paris etwas Gewichtiges voraus: Es existiert noch. Das Thun-Panorama ist das älteste erhaltene Panorama weltweit. Heute steht es aber nicht mehr in Basel, sondern in Thun selbst.

Helen Hirsch führt durch den Schadaupark zu einer schlichten Rotunde aus rotem Backstein. Hier drinnen ist seit 1961 das Thuner-Panorama wieder öffentlich zugänglich. Seit diesem Herbst ist es frisch restauriert und durch einen modernen, beheizbaren Anbau bereichert. Helen Hirsch ist die Direktorin des Kunstmuseums Thun, in dieser Funktion betreut sie auch das Panorama. Wir betreten zusammen den kühlen Raum. Und trotz all den Filmen, Imax und 3-D-Erfahrungen – das 200-jährige Riesenrundumbild löst Staunen und leichten Schwindel aus.

Helen Hirsch macht auf einige der vielen Details aufmerksam. Ein Kaminfeger auf dem Dach, eine Katze, die sich die Pfoten leckt, Mägde, die in der Aare Kleider waschen. Die Turmuhr zeigt 9.15 Uhr. Hinter einem Fenster raucht ein Mann Pfeife; sein Pudel schaut auf die Zeitung auf dem Sims, als ob er die Schlagzeilen lesen könnte. Über den Hauptplatz läuft Marquard Wocher mit einem Freund, unter der Laube wartet sein Gepäck mit den Initialen M. W. Der Maler habe sich selbst als Rückenansicht im Bild dargestellt, sagt Helen Hirsch, «so wie Hitchcock in seinen eigenen Filmen kurz auftritt.»

Es ist ein Wahnsinn, dass ein Mensch allein das alles in dieser Detailtreue gemalt hat. Fünf Jahre brauchte Wocher dafür insgesamt, von 1809 bis 1814. Es war sein erstes Panorama. Zuvor hatte er sich auf das Gegenteil spezialisiert: Auf Miniaturbilder. Darum gibt es in diesem Werk wohl so viel Kleines im ganz Grossen zu sehen. «Es ist wie ein Foto, ein Schnappschuss eines idyllischen Morgens im Thun von 1814», sagt Helen Hirsch. In diesen Moment wird die Besucherin hineingeworfen. Das Panorama ist jetzt nicht mehr nur ein Illusionsraum, es ist auch eine Zeitmaschine.

Ständig eröffnen neue Panoramen

«Deshalb erleben Rundbilder heute wieder einen Boom», sagt Patrick Deicher. Er möchte mit einem falschen Vorurteil aufräumen: «Das Panorama ist kein Dinosaurier der Mediengeschichte. Die Saurier sind bekanntlich ausgestorben, aber das Panorama entwickelt sich lebendig weiter.»

Die Chinesen lieben Panoramen, allein in ihrem Land sind in jüngster Zeit 22 neue Rundbilder entstanden. Doch auch Europa macht den Trend mit. Noch diesen Dezember werden zwei neue Panoramen in unseren Nachbarländern eröffnet – in Rouen und in Pforzheim. Das Genfer «Musée d’art et d’histoire» plant für 2015 eine Ausstellung zum Thema. Und der bekannteste zeitgenössische Panorama-Künstler Yadegar Asisi begrüsste kürzlich den fünfmillionsten Besucher seiner Werke. In Berlin hat er dank moderner Computertechnik die Stadt exakt so rekonstruiert, wie sie während des Kalten Kriegs vor dem Mauerfall ausgesehen hat.

Weltweit, so Deicher, existierten inzwischen mehr neue als historische Panoramen. Rund 25 stammen aus dem 19. Jahrhundert, 55 seien in den letzten Jahrzehnten entstanden. Deicher weiss das alles so genau, weil er lange Generalsekretär des International Panorama Councils war. Bis heute sitzt er in dessen Vorstand. Der Panoramarat kümmert sich um den Fortbestand historischer Panoramen, betreibt Forschung auf dem Gebiet und rührt die Werbetrommel auch für neue Werke.

Zwar sei ein bewegter Film auf 360 Grad schon seit den 1950er-Jahren technisch möglich, sagt Deicher, aber das überfordere die Zuschauer. In einem Panorama dagegen sei jeder sein eigener Regisseur. Wocher war ein früher Hitchcock, und wir schauen gerne aus den Fenstern zum Hof der Geschichte und Geschichten. Eine 200 Jahre alte Illusion, sie funktioniert bis heute.