Es ist jener gute Ratschlag, den jeder Autor, jeder Journalist, jeder Schriftsteller auf seinem Werdegang gleich mehrmals eingetrichtert bekommt: «Kürze gnadenlos! Verknappe all das, was du sagen willst, auf die Essenz. Redundanzen sind Ballast.» – Trotzdem fällt es fast allen Schreibkräften schwer, ihn zu beherzigen. Trotzdem verspürt ihre Eitelkeit jedes Mal einen Stich, wenn sie denn gezwungen sind, ihre Texte von Speckschwarten zu befreien.

Musiker neigen genauso zur Geschwätzigkeit, zur Überproduktion; dazu, eine gute Songidee mit zu vielen Tonspuren zuzuschütten. Nicht so das Londoner Trio The xx. Bereits der Name ihres Debütalbums – es hiess schlicht «xx» und wurde grafisch von einem weissen «x» auf schwarzem Grund umgesetzt – legte ihre Taktik klipp und klar fest: Reduktion, wo immer es nur geht.

Vor dem Höhepunkt abbrechen

Ihre erste Single, Anfang 2009 veröffentlicht, hiess «Crystalized» und bestand nicht aus viel mehr als aus zwei E-Gitarren, die sich nahezu unisono einer simplen Melodie annahmen. Dann war da noch ein bisschen programmiertes, galoppierendes Schlagwerk und eine Stimme, die irgendwie an Michael Hutchence von INXS erinnerte und sich mit einer leicht unterkühlt hauchenden Frauenstimme im Wechselspiel übte.

Offizielles Musikvideo zu The xx's «Crystalised»

Nur in wenigen Momenten kam alles zusammen. Alles klang stückwerkhaft, kärglich, ausgestellt, platziert. Und doch hatte es Seele und Groove. Immer wieder rückten sie ihren Hörern in ihrer Zurückhaltung erstaunlich nahe.

Die Platte war ein Meisterwerk der Reduktion. Eine Mischung aus Alternative Pop und Rave, Indierock und Electro. Nie ganz konkret, nie völlig fassbar. In jenen Momenten, in denen es bei allen anderen zur grossen Entladung kommt und sich Beats und Bässe überschlagen, brechen sie ab.

Auch live, zum Beispiel 2012 nach Veröffentlichung des zweiten Albums «Coexist» im Zürcher Volkshaus, das gleiche Spielchen: Wo man den grossen Ausbruch, das Tanzspektakel, den Rave, die moderne Vermischung von Indierock und Dance Music erwarten würde, schraubten sie wieder zurück. Immer dann, wenn man das grosse Loslassen, die Ekstase vermutete, isolierten die drei wieder einen Teil, liessen nur die Gitarre oder nur die Stimme sprechen oder schlugen das elektronische Xylofon an.

Immer wieder wurde der Kontrast gesucht: Die Beats graben sich in die Tiefe, wummern laut, erzählen dumpf von durchzechten Clubnächten zu House, Breakbeat und Garage, während Stimme und Gitarre das hohe, helle Klangspektrum abdecken. Dazwischen: viel Luft.

Auch auf ihrem dritten Album, «I See You», veröffentlicht zu Beginn dieses Jahres, hat die Musik mehr als genug Platz zum Atmen. Darauf transferieren die Endzwanziger Oliver Sim, Romy Madley Croft und Klangtüftler Jamie Smith alias Jamie xx – Letzterer lebt seine genreverschmelzende Experimentierfreude auch als Solokünstler aus – das angestammte Klangkonzept in ein noch elektronischeres Umfeld.

Offizielles Musikvideo zu The xx's «On Hold»

Die Klangarchitektur ist noch eine Spur weicher und runder geworden. Die Kunst des Angedachten wird perfektioniert. So wehen ganz konkrete Ideen von griffigen Garagebeats und Electrohits heran – ohne sie je ganz konkret werden zu lassen. Stücke wie «On Hold» oder «Dangerous» verkünden Grosses, ohne es direkt auszusprechen. Die Ballade «Performance», aufgebaut auf simplen Geigentönen und Gitarrenakkorden, ist gar reine ätherische Pop-Poesie. Flüchtige Musik mit langem Nachhall.

The xx treten am Samstag, dem 18. Februar, in der St. Jakobshalle in Basel auf.