«Junge Mütter, späte Mütter, Kinderlose: Tatsache ist, dass man den ‹perfekten Zeitpunkt› zum Kinderkriegen nur schwer oder auch gar nicht findet. (...) Lebensläufe sind individuell und unberechenbar. Vieles entzieht sich der Planung, kommt anders als erwartet oder gewollt.»

Susanne Fischer ist 43 Jahre, sechs Monate und einen Tag alt, als sie ihr erstes Kind bekommt – eine «späte Mutter». Wie sich das anfühlt, beschreibt die deutsche Politjournalistin in ihrem Buch «Ansichten einer späten Mutter» auf eindrückliche und humorvolle Weise. Mehr noch: Fischer berichtet von den Umständen der späten Mütter.

Vom Akademikerstatus, der Karriere, von der Möglichkeit, Eizellen einfrieren zu lassen, von Mr. Right, der nicht kommen will, aber auch von der Kritik, die man sich als Spätgebärende durchs Band – von der Frauenärztin über die Tante bis zur Foren-Userin – anhören muss.

Ihr Buch ist emotional, aber vor allem lesenswert, weil mit Fakten angereichert: Bereits jede vierte Frau in Deutschland bringt mit über 35 Jahren ihr erstes Kind zur Welt, und auch die Zahl der Mütter über 40 wächst.

In den USA stieg die Geburtenrate bei Frauen zwischen 40 und 44 Jahren von 1990 bis 2008 um 65 Prozent. In England hat sich die Zahl der Geburten bei Frauen über 40 im gleichen Zeitraum sogar verdreifacht. In Österreich, Niederlande, Schweiz – überall dieselbe Entwicklung. Eine mit höherem Alter wahrscheinlicher werdende Unfruchtbarkeit bedeutet heute nicht mehr das Ende der Familienträume, moderner Medizin und Eizellspende sei Dank.

«Ab sofort wird das Projekt Kind unser Leben steuern. Statt Karrierefrau bin ich nun Superglucke, die ihre späte Mutterschaft in aller Öffentlichkeit zelebriert. Ich werde meine faltigen Brüste in jedem Café auspacken, um der Welt zu zeigen, dass ich den Sohn noch mit eigenem Saft ernähren kann.»

Auch in der Schweiz steigt die Anzahl der Frauen, die immer später ihr erstes Kind bekommen. Laut dem Bundesamt für Statistik liegt das Durchschnittsalter der Frauen, die zum ersten Mal gebären, heute bei 31,2 Jahren. 35-jährige und ältere Frauen bekommen verhältnismässig sogar mehr Kinder als Mittzwanzigerinnen.

Die medizinischen Risikofaktoren sind hinlänglich bekannt: So sind Kinder später Schwangeren häufiger von Chromosomenstörungen betroffen. Die Wahrscheinlichkeit für ein Kind mit Down-Syndrom steigt mit zunehmendem Alter. «Mit 45 steigt das Risiko um das 150-Fache, ein Kind mit Trisomie zu bekommen», sagt Roland Zimmermann vom Universitätsspital Zürich.

Obwohl es statistisch gesehen immer mehr späte Mütter gibt, ist die öffentliche Haltung ihnen gegenüber zwiegespalten: Stars werden gefeiert, wenn sie wie Halle Berry mit 46, Holly Hunter mit 47, Geena Davis mit 46 oder Carla Bruni mit 43 ein Kind bekommen. Promi-Bäuche und -Babys sind gut für die Auflage der Klatschgazetten. Normalos hingegen gelten als alte Schachteln, die den «richtigen Zeitpunkt» fürs Kinderkriegen verpasst haben.

«Die ‹richtige Entscheidung› früher Kinder zu bekommen, hätten mein Mann und ich gar nicht treffen können, jedenfalls nicht gemeinsam. Wir haben uns erst mit 40 kennen gelernt.»

Den Entscheid für ein Kind, der in ihrer vorangehenden 13 Jahre andauernden Beziehung nie wirklich ein Thema geworden ist, umschreibt die Buchautorin auf Anfrage wie folgt: «Vielleicht würde ich, mit dem Wissen, das ich heute habe, nicht mehr so lange in einer Beziehung ausharren, in der beide offenbar verschiedene Dinge wollen und einen vorhandenen Kinderwunsch offensiver vertreten.» Fakt ist: Heute kriegen vor allem gut ausgebildete und oft beruflich erfolgreiche Frauen nach 40 Jahren ihr erstes Kind.

Laut dem Soziologen François Höpflinger bleibt es häufig bei einem Einzelkind, was unter Umständen zu früh erwachsen orientierten Kindern führe. «Nicht selten erfüllen sich späte – beruflich erfolgreiche – Mütter mit dem Kind einen Wunsch nach einer Ausweitung des Lebens über das berufliche Leben hinaus», sagt Höpflinger.

In einem gewissen Sinne führe eine späte Mutterschaft sogar zu einer «Verjüngung», etwa biologischer, aber auch sozialer Art. «Eine 40-jährige Mutter kommt häufig mit jüngeren Müttern in Kontakt und sie wird mit 40 mit Fragen (Erziehung, Spielen, Kinderbetreuung usw.) konfrontiert, die allgemein primär jüngere Frauen beschäftigen», sagt Höpflinger.

Auch aus monetärer Sicht kann sich eine späte Mutterschaft auszahlen. Höpflinger: «Eine spätere Familiengründung bringt sozio-ökonomisch eine bessere wirtschaftliche Absicherung und höheres Selbstbewusstsein (wegen schon erreichter beruflicher Ziele) mit sich. Ein hohes sozio-ökonomisches Risiko, etwa von Verarmung, ergibt sich vor allem bei sehr früher Mutterschaft, will heissen vor 20 Jahren.»

«Frauen, die sich spät im Leben entscheiden, ein Kind zu bekommen, sind für viele fast eine Art Feindbild. (...) Liest man sich durch die Internetforen (...), ist der Tonfall gehässig.»

Die schärfsten Kritiker von Müttern sind häufig andere Mütter. Dass späte Mutterschaft viele Gründe haben kann, wird ausgeblendet. «Die späten Mütter gelten als Egoistinnen oder Hedonistinnen, die nur Genuss und ihre eigenen Wünsche im Sinn haben und deshalb angeblich, solange sie jung sind, keine Kinder wollen», resümiert Susanne Fischer. Offenbar sähen wir durch späte Mütter unser eigenes Lebensmodell infrage gestellt. Dabei sollten wir uns doch alle freuen, dass es nicht nur den einen Weg zum Glück gäbe, sondern ganz viele individuelle.

«Als Gesellschaft sollten wir Frauen nicht vorschreiben ob und wann sie Kinder bekommen. Junge Mütter, späte Mütter, arbeitende Mütter, Hausfrauen-Mütter, Teilzeit-Mütter, Karriere-Mütter – viele Wege führen zum Glück, und welcher für mich der richtige ist, musste ich selbst herausfinden.»

Inzwischen ist Susanne Fischer zum zweiten Mal Mutter geworden: mit 45 Jahren. Zu ihrer späten zweiten Schwangerschaft meint sie: «Sehr viel älter würde ich nicht sein wollen, schon weil ich meine Kinder gern so lange wie möglich begleiten möchte.»