Als der Bürgermeister Arne Zwick an einem Vormittag im Mai 2010 dieses Dokument auf dem Schreibtisch hatte, dachte er: Nicht schon wieder so ein Spinner. Er hatte täglich solche E-Mails im Postfach. Ideen von Leuten, die Fantasie haben, aber keinen Sinn für Realität. Und jetzt lag da dieses Dokument, fünf A4-Seiten Text und Skizzen, ein Abbild des St. Galler Klosterplans aus dem 9. Jahrhundert. Gebaut sollte es werden mit nichts als Menschenkraft und ein paar Ochsen.

Der weltbekannte St. Galler Klosterplan wurde vor über 1200 Jahren auf der Insel Reichenau am Bodensee gezeichnet, aber nie in die Tat umgesetzt. Bis die Schweizerin Verena Scondo und der Deutsche Bert Geurten kamen und entschieden: Wir setzen diesen Plan hier in die Realität um. Hier, das heisst in Messkirch, einer Kleinstadt im Landkreis Sigmaringen in Baden-Württemberg, zwischen Donau und Bodensee. Ein schöner Ort, aber nicht schön genug. Unbekannt bisher. Abseits vom Tourismus. Der Bürgermeister witterte eine Chance. Und griff zu.

Vor der Anfrage beim Bürgermeister von Messkirch hatten Scondo und Geurten 49-mal das Wort Nein gehört. Angefangen hatte alles mit einem Telefonanruf von Geurten vor etwa zwölf Jahren, erinnert sich Scondo. Er habe auf Arte eine Dokumentation über das Burgprojekt Guédelon gesehen, einer neuen Burg auf französischem Boden. Ohne Maschinen und ohne Strom soll sie gebaut werden, als gäbe es kein Heute mehr, sondern nur das Wiederauferstehenlassen der Vergangenheit.

Mittelalter von 10 bis 18 Uhr

Ein Augenschein in Messkirch: Scondo sitzt im Container am Eingang der Baustelle und verkauft im Minutentakt Tickets. Geduldig erklärt sie den Familien, Rentnern, Mittelalter-Fetischisten und Wanderern, warum es oben auf dem Marktplatz keinen Kaffee zu kaufen gibt, wo der Töpfer gerade töpfert und wo die Toiletten sind. 9 Euro Eintritt regulär, 5 Euro Feierabend-Ticket, Infobroschüre zum Mitnehmen. Seit 2013 ist die Baustelle für die Öffentlichkeit zugänglich. 12 000 Besucher hatte Campus Galli im ersten Jahr, 2016 sind es bereits 60 000. Mit 120 000 pro Jahr würde sich dieses Unterfangen selbst finanzieren.

Dass dieses Ziel erreicht wird, ist sehr wahrscheinlich. An Sonntagen ist der Parkplatz vor der Baustelle rappelvoll. Trauben von Besuchern machen sich an Frau Scondos Kassenhäuschen vorbei auf den Weg in Richtung Waldlichtung, vorbei an bunten Blumenwiesen, der Ochsen-Weide und frei gepflanzter Gerste, hin zum Startpunkt des Rundweges, der die Baustellen-Grenze markiert. Alles, was links vom Weg ist, diese Ansammlung aus Gras, Wald, Schotter und bracher Fläche, wird irgendwann verbaut sein, so der Plan. Und zwar so, wie es der St. Galler Klosterplan vorsieht: eine riesige Steinkirche in der Mitte, mit Platz für bis zu 1000 Personen; ein Kräutergarten, ein Dormitorium für die Mönche, eine Apotheke, Arbeitsplätze für die Seiler, die Besenmacher, die Färberei, die Weberei.

Bis hier jedoch eine Klosterstadt steht, werden statt der anfangs budgetierten 40 mehr als 60 Jahre ins Feld ziehen. Das Projekt Campus Galli ist eine Gratwanderung zwischen Machbarem und Unrealistischem, Mittelalter und 21. Jahrhundert. Ein eigens dafür eingestellter Historiker segnet jedes Gewand ab, jeden Hammer und jede Wurstzutat. Jeder Besen, jedes Messer ist von Hand gefertigt, in stundenlanger Arbeit. In diesem Bau- und Handwerkskreislauf holt sich jeder beim anderen das, was er für die Arbeit gerade braucht. Und so wie es im 9. Jahrhundert eben war, als Klöster gebaut wurden, werden die meisten Arbeiter die Fertigstellung ihrer Anlage nicht mehr erleben.

Auf der offiziellen Baustelle darf nicht geraucht werden, die Mitarbeiter tragen ihr stilles Wasser in Tonkrügen durch die Gegend. Im Mitarbeiterbereich trinken sie dann aus PET-Flaschen, drücken auf ihren Handys herum und streuen Maggi-Würze in ihr Essen. «Keiner von uns würde im Mittelalter leben wollen», sagen die Arbeiter einstimmig, nachdem sie ihr Geschirr fürs Mittagessen in die Spülmaschine gelegt haben. Natürlich müsse man ein Faible haben für diese Zeit, man müsse das Handwerk lieben und gerne in der Natur sein. Aber hier leben? «Nur, wenn es eine Satellitenschüssel auf dem Dach hat.» Man sehe vielleicht aus wie Aussteiger, in den Kutten und mit den zerzausten Haaren. Aber schliesslich lebe man nur von 10 bis 18 Uhr im Mittelalter. Dann ist die Baustelle geöffnet, dann wird hier gearbeitet, und dann wollen die Besucher auch Authentizität sehen.

Kommerz und Burnout-Therapie

Denn Campus Galli ist nicht nur Handwerks-Schmiede und Freilichtmuseum, sondern auch ein Stück weit Kommerz. Der Linseneintopf mit Wurst kostet 5.50 Euro, Kristalle und Trockenfrüchte werden von externen Anbietern feilgeboten, die Standmiete zahlen. Neben den Holzhütten stehen rote Feuerlöscher in der Ecke. Das Spanferkel, das hier ursprünglich am Spiess drehen sollte, wurde von den Behörden untersagt. Das ruft auch Kritiker auf den Plan. Einige sagen, die Baustelle sei ihnen nicht authentisch genug. «Die Leute fragen zu Recht, warum da Netze an den Holzgerüsten hängen.» Doch das sei eben Vorschrift. Bauen wie früher, das gehe nicht ohne Kompromisse zwischen modernen Vorschriften und mittelalterlichen Konstruktionen. Und das Eis und den Kaffee, das hätten sich die Besucher gewünscht. Leute wollen was erleben, und sie wollen konsumieren. Die Betreiber brauchen das Geld. Auch, weil die Bürger das Projekt nicht ewig unterstützen wollen.

Die Skepsis der Einheimischen zeigt sich auch am Stammtisch des Gasthofs zum Adler. Dort waren nur drei von acht jemals auf dem Bauareal, der Rest weigert sich dezidiert. Man habe nicht wirklich etwas gegen das Projekt, heisst es, sondern eher etwas gegen die Finanzierung. Vernünftige Sportanlagen gebe es hier seit Jahren nicht, Löcher in den Strassen dafür umso mehr, und jedem Verein werde das Geld gekürzt, aber das Klosterdorf, das erhalte Hunderttausende Euro.

Ein wenig verloren zwischen den Gegnern aus dem Dorf sitzt Thomas Schlude auf der Eckbank, auch er einer von hier, Messkirchner, aber auf der anderen Seite der Geschichte. Seit zwei Jahren ist er Finanzberater des Projekts und sitzt auch im Gemeinderat. Er ist einer derjenigen, die das Projekt durchgewinkt haben, «weil Messkirch Tourismus braucht». Campus Galli sei eine grosse Chance für diese Gegend. «Das bringt Kaufkraft nach Messkirch. Wenn Saison ist, sind hier alle Ferienwohnungen ausgebucht.»

Ferien im Mittelalter

Neben den 30 Angestellten kommen jedes Jahr Hunderte Freiwillige auf die Baustelle. Sie werden dringend benötigt. Die Friedhofsmauer auf dem Gelände ist nur knapp 50 Zentimeter hoch, weil die Gruppe, die sie aufgebaut hat, bald wieder wegfuhr und seither keiner mehr da war, der was von Mauerbauen versteht. Hier wartet man einfach, bis wieder wer kommt, der weitermacht. Die Freiwilligen arbeiten gratis und franko über Wochen hier, müssen für die Unterkunft sogar draufzahlen. Ihnen macht das aber nichts aus, sagen sie.

Dieses Projekt ist am Ende ein bisschen Erlebniswelt, Kulturbewahrung, Burnout-Therapie. Auf dem brachen Feld wird experimentelle Architektur betrieben, Gruppentherapie für Manager, Beschäftigungstherapie für Jugendliche. Man müsse hier bei Regen arbeiten, bei Kälte, sagt Berater Schlude nicht ohne Stolz. Man müsse sich als Professor neben den Langzeitarbeitslosen auf die Bank setzen und mit ihnen mittagessen.

Scondo bemerkt: «Wir leben in einer so technologisierten Zeit. Die Menschen fühlen sich ein Stück weit verloren in dieser Welt. Sie wollen einfach mal runterkommen, die Natur spüren, etwas mit den Händen machen.» Bis dahin wird man weiter bauen, nach Versuch und Irrtum. Zeit ist ja genug.