Herr Westenhöfer, kaum hat das neue Jahr angefangen, dreht sich schon wieder alles ums Abnehmen und neue Diäten. Warum genau jetzt?

Joachim Westenhöfer: Dafür gibt es zwei Gründe. Erstens liegt Weihnachten und Silvester gerade hinter uns. Wir haben gefeiert und feiern geht in fast jeder Kultur mit reichlich essen und trinken überein. Viele Leute nehmen dann ein wenig zu. Anfang Januar bekommen wir den Impuls: Das war zu viel, nun muss ich gegensteuern. Zweitens fassen wir im neuen Jahr immer wieder Vorsätze, etwas besser zu machen als im alten Jahr.

Das ist schon verrückt. Das ganze Jahr schaut man, und in der Weihnachtszeit gibt es Kekse, Glühwein und Braten im Überfluss. Danach muss man mühsam das Angesetzte loswerden, alle Jahre wieder. Warum?

Menschen sind Gewohnheitstiere. Wir machen viele Verhaltensautomatismen, ohne zu überlegen. Sie kennen doch die Situation: Sie sind in einer Bar oder bei jemandem eingeladen. Es stehen Nüsse aus dem Tisch. Man greift einfach zu, ohne gross nachzudenken.

Und an Weihnachten denkt man auch nicht nach?

Die ganze Adventszeit ist ein ziemlich emotionales Programm. Man isst Dinge, die man sonst nicht isst. Wenn es nur die zwei, drei Festtage wären, ginge das ja, aber man lässt es ja einen ganzen Monat oder noch länger ausufern.

Haben Sie eine bessere Taktik für das nächste Mal?

Ausgleichen. Man kann ja auch in der freien Zeit Spaziergänge oder Sport machen. Man sollte nicht nur die Kaumuskulatur arbeiten lassen.

Die meisten arbeiten wohl mit Vorsätzen. Das Fitness-Studio ist ein gutes Beispiel. Im Januar melden sich alle an, alle Geräte sind besetzt. Nur meist sind die guten Vorsätze im März schon wieder passé.

Wenn man überhaupt bis März durchhält (lacht).

Stimmt. Aber warum geben wir so schnell auf?

Gewohnheit. Es gehört einfach nicht zu unserem angestammten Verhaltensrepertoire. Ich gebe Ihnen ein Bild: Stellen Sie sich einen Muskel vor. Man bewegt ihn, indem man ständig ein Gewicht hoch hebt. Der Muskel ermüdet, so hat man Schwierigkeiten, das Gewicht zu heben und man lässt es bleiben. Vorsätze sind eben auf einer psychischen Ebene ermüdend. Also lässt man es. So wie der Muskel erschlafft auch die Willenskraft.

Wissen Sie, was nervt? Es kommen tatsächlich immer noch neue Ernährungsratgeber heraus, die uns aber stets dasselbe sagen: gesünder essen, weniger Zucker, mehr Bewegung. Das wissen wir doch längst. Aber genau das ist ja das Schwere. Gibt es nichts Neues?

Nö. (Lacht.) Firmen erfinden immer neue, trügerische Produkte und Medikamente, die Hoffnung schüren. Sie sind aber nicht nachhaltig und oft gefährlich. Das Problem ist, dass die heutige Umwelt nicht für unseren Organismus gedacht ist. Früher war Nahrung knapp, man hat körperlich hart gearbeitet. Heute ist Nahrung billig und es gibt sie im Überfluss. Leider hat unser Organismus keine automatische Bremse.

Blöd. Nun die Fragen aller Fragen: Wir wissen doch eigentlich alle, wie es geht. Warum schaffen wir es dann trotzdem nicht?

Weil wir unser Essverhalten eben nicht immer und dauerhaft mit dem Kopf steuern können. Das macht uns sehr anfällig für äussere Einflüsse. Und das nutzt die Ernährungsindustrie aus. Sie macht Lebensmittel schmackhafter, sodass die Sättigung später einsetzt und wir mehr essen. Produkte werden billiger und durch das grosse Werbebudget für kalorienhaltige Lebensmittel werden Bedürfnisse geweckt.

Also sind wir gar nicht selber schuld?

Es geht nicht um Schuld. Menschen sind einfach zu steuern, leicht zu überrumpeln.

Sind wir schwach?

Es geht wieder um Gewohnheiten. Wir müssen uns vernünftige Gewohnheiten aneignen. Zum Beispiel ein Mahlzeiten-Rhythmus, kein Zwischendurch-Essen. Dann das neue Verhalten so lange einüben bis es normal, also zu einer automatischen Gewohnheit, wird. Nur, vom Entscheid im Kopf «Ich will mich ändern» bis zur automatischen Gewohnheit ist es ein langer Zeitraum. Und auf diesem Weg fallen wir schnell wieder ins alte Muster zurück.

Okay, dann sind wir undiszipliniert?

Nein. Wir sind ökonomisch und wollen keinen unnötigen Aufwand betreiben. Ständig alles mit dem Kopf zu kontrollieren, ist schlichtweg ermüdend. Dass wir das nicht lange durchhalten, hat nichts mit mangelnder Disziplin zu tun. Es ist eine Herkulesaufgabe.

Es ist ähnlich beim Alkohol. Trinken wir an einem Abend zu viel, geht es uns am nächsten Tag mies. Und obwohl wir es wissen, tun wir es trotzdem wieder.

Das ist ein ganz einfaches Prinzip aus der Verhaltenspsychologie. Wir reagieren auf kurzfristige Konsequenzen. Das Bier schmeckt kurzfristig gut, die Atmosphäre ist gut. Spätere Konsequenzen sind nicht im Bewusstsein der Menschen. Man spricht dabei auch vom Bekräftigungsaufschub. Das ist die Fähigkeit, kurzfristig auf Positives zu verzichten, um später etwas noch Positiveres zu erleben. Das lernen wir beim Erwachsenwerden, aber es gibt unterschiedliche Ausprägungen davon.

Deshalb können manche Menschen besser aufhören als andere?

Ja.

Es gibt die Theorie, dass das «viel Nahrung, viel Fett aufnehmen, um zu überleben» in unseren Genen steckt. Wir können also gar nichts dafür. Was halten Sie davon?

Das ist sehr wahrscheinlich. Und das ist schwierig zu ändern, aber leider keine Entschuldigung.

Wir wissen heute mehr über Ernährung als je zu vor. Trotzdem sind wir heute dicker und werden immer dicker. Warum?

Weil der Zusammenhang zwischen Wissen und Verhalten relativ schwach ist. Unser Ess- und unser Bewegungsverhalten wird von ganz vielen Motiven gesteuert: Genuss, Geselligkeit, Zeit, Aufwand, Kosten und vieles mehr. Da sind Wissen und Gesundheit nur zwei Motive unter vielen anderen. Auf der anderen Seite werden wir in vielen Situationen dazu verführt, kalorienreicher zu essen, als für uns gut ist, und der technische Fortschritt hat uns viele körperliche Tätigkeiten abgenommen. So kann leicht eine positive Energiebilanz entstehen, die sich in gesundheitsschädlichen Fettdepots niederschlägt.

Essen wird zur Religion und vor lauter Informationen wissen viele Leute gar nicht mehr, was sie jetzt essen sollen und was nicht. Uwe Knop etwa schrieb das Buch «Esst doch, was ihr wollt! Warum Ernährung weder gesund noch krank macht». Kann jeder wirklich essen, was er will?

Nein. Da wird mächtig übertrieben. Wir wissen wie vernünftige Ernährung aussehen soll. Aber wenn das so zugespitzt wird, bekommt es einen religiösen Charakter. Viele Menschen schiessen dann weit übers Ziel.

Zu ihren Aufgaben gehört es, herauszufinden, wie man Menschen motiviert, sich gesünder zu verhalten. Was können Sie uns dazu sagen?

Wir sollten eines nach dem anderen angehen, uns kleine Ziele setzen. Haben wir die erreicht, müssen wir uns belohnen, um die Motivation nicht zu verlieren.

Glauben Sie, es ist Aufgabe des Staates, der Bevölkerung dabei zu helfen? Mit einer Zuckersteuer etwa oder liegt das in der Verantwortung eines jeden Einzelnen?

Der Staat muss eingreifen, der Einzelne ist überfordert. Auf Dauer braucht es eine staatliche Regulation, so wie es beim Rauchen auch nötig war. Es ist eine Frage der Zeit, bis das die Politik endlich begreift.

Wie würden Sie den Gürtel enger schnallen?

Zuckerhaltige und fettreiche Speisen teurer verkaufen und Gemüse subventionieren, damit es billiger wird. Man müsste auch gewisse Werbungen verbieten.

Thema Sport. Ein Ernährungsspezialist sagt: «Im Allgemeinen ist Training allein ziemlich nutzlos, was das Abnehmen betrifft.»

Sport und Bewegung ist die andere Seite des gesunden Lebens. Es braucht beides.

Und konkret, was hilft Ihrer Meinung wirklich, um gesünder zu leben?

Regelmässig Sport machen und sich langsam steigern. Mindestens 150 Minuten körperliche Aktivität in der Woche und nicht zu fett und zuckerhaltig essen, sondern genussvoll …

… essen. Also wieder das Altbekannte.

Ja, es gibt nichts anderes (lacht). Nur das funktioniert.