Man kann sagen: «Gooot’s noo?» Oder: «Haben die nichts Gescheiteres zu tun?» Wer sich dafür einsetzt, dass Menschenaffen analog zu Menschen gewisse Grundrechte zugestanden werden sollen, muss schon ein besonderer Mensch sein. Und vielleicht der härteste Vorwurf, den sich Vorkämpfer für Tierrechte machen lassen müssen, ist der: «Bevor man Menschenaffen menschenähnliche Grundrechte verschaffen will, soll man bitte zuerst dafür sorgen, dass alle Menschen unter menschwürdigen Bedingungen leben könnten.

Bevor man einstimmt – ob in den Chor der entrüsteten Menschenfreunde oder den der empörten Menschenaffenverteidiger sei mal dahingestellt – das Selbstverständliche: Es ist klar, dass sich Menschenaffen und Menschen biologisch und im Verhalten sehr ähnlich sind. Es ist selbstverständlich, dass man mit Menschenaffen nicht machen darf, was man will. Tiere sind moralisch keine Sache. Sie haben eine «Würde», einen moralischen Wert, den man respektieren muss.

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Sollen Primaten Grundrechte haben?
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Ja

6%

Nein

Und es geht nicht darum, den Unterschied zwischen Mensch und Tier einzuebnen. Sollten Gerichte entscheiden, dass Schimpansen oder Gorillas nicht in Käfigen eingesperrt werden dürfen, heisst das deshalb nicht, dass sie Menschen gleichgestellt sein sollten. Zumindest sollten die Gerichte einen solchen Entscheid nicht so begründen. Es geht eher darum, was Grundrechte sind.

Am 10. Dezember 1948 verkündeten die Vereinten Nationen die «Allgemeine Erklärung der Menschenrechte». Der Zeitpunkt ist nicht zufällig. Ohne die humanitären Katastrophen des Zweiten Weltkriegs wären wahrscheinlich weder die Vereinten Nationen gegründet worden, noch hätte sich die Weltgemeinschaft so einfach auf einen Katalog von Menschenrechten (bei acht Enthaltungen) verständigt.

Sklaverei im Menschenrechtsland

Natürlich ist das Konzept menschlicher Grundrechte, die unveräusserlich sind, älter. In den amerikanischen Kolonien spielten sie eine grosse Rolle (trotz der Sklaverei), auch in der Französischen Revolution kamen sie vor. Im europäischen Kontext waren und sind sie ziemlich selbstevident. Ein Produkt von Naturrechtsdenken und Aufklärung. Schillers Tell holt sie «vom Himmel» herunter, bei den Philosophen sind sie eine zwingende Folge der Vernunftbegabung. Der Mensch ist Individuum und moralisch autonom. Seine persönliche Freiheit darf nur in streng begründeten Ausnahmefällen angetastet werden.

Freiheit, gewiss. Viele Siedler in Nordamerika waren nicht zuletzt emigriert, weil sie in ihren Heimatländern aus religiösen oder anderen Gründen verfolgt wurden. Ausgerechnet in den Staaten, wo man die Menschenrechte sogar in die Verfassungen schrieb (später auch in die Unabhängigkeitserklärung), grassierte die Sklaverei. Man war nicht moralisch blind. Aber die Gründerväter hüteten sich, allzu energisch Hand an die «Institution» zu legen. Das englische Gewohnheitsrecht kannte zwar den «Habeas corpus»-Grundsatz: Man darf nicht ohne Gerichtsurteil verhaftet oder eingesperrt werden. 1772 klagte der schwarze Sklave James Somersett in London gegen seinen Besitzer Charles Stuart auf Freilassung. Das Gericht gab ihm Recht. Die Sklaverei sei nur durch das positive Recht (einen gesetzten Rechtsakt) möglich, warum sie eingeführt worden sei, wisse man nicht mehr. Die Gründe, die jetzt angeführt würden, seien «so odious», dass sie den Status der Sklaverei nicht rechtfertigen würden. Somersett verliess das Gericht als freier Mann. Per Gesetz wurde die Sklaverei in Grossbritannien allerdings nicht abgeschafft, im Empire dauerte sie bis 1833 an.

Wenn es nicht einmal gelang, das Menschenrechtskonzept gegen kulturelle Gepflogenheiten in westlichen Gesellschaften durchzusetzen, überrascht es nicht, dass auch andernorts bald Widerstand laut wurde. «Kulturimperialistisch» seien die Menschenrechte, so klang es nicht nur aus islamischen Ländern. Dort natürlich besonders, weil die Scharia vor allem die Gleichberechtigung etwas anders sieht.

Letztbegründung funktioniert nicht

Auch ohne an die Tiere zu denken – Menschenrechte an sich sind schon prekär. Philosophisch oder moralphilosophisch lassen sie sich nicht begründen. Da ist der Konsens einhellig: Es gibt keine Letztbegründung der Moral. Moral «entsteht» in der Gruppe, dort prägen sich Grundsätze ein. Die Menschheit als Ganzes ist dafür nicht homogen genug. In vielen Kulturen sei es doch so, argumentierte der amerikanische Philosoph Richard Rorty einmal, dass es nicht einleuchte, dass jemand Rechte bekomme, nur weil er zufällig zur gleichen biologischen Art gehöre.

Trotz diesem skeptischen Argument war Rorty überzeugt von den Menschenrechten. Man solle sie aber, sagte er sinngemäss, als Ergebnis «einer Kultivierung» verstehen, als gegenseitige Sympathie. Und die ist entstanden aus einem Gefühl, dass sich gegenseitiger Respekt ausgezahlt habe. Man blickt zurück und sieht, dass es sich besser leben lässt, dass – im Westen vielleicht doch nicht ganz zufällig – sich Lebensstandard und Lebensbedingungen verbessert haben.

Die Frage hat sich verlagert. Anstatt zu fragen, wie sich die Unterwerfung unter einen universalen Kodex rechtfertigen lasse, fragt man, wie es dazu gekommen ist. Was motiviert Menschen, universale Werte anzuerkennen? So formuliert ist das Problem absolut nicht weltfremd und schon gar nicht inaktuell. Man sieht, dass es nicht besonders zielführend ist, gegenüber anderen Kulturen auf «unsere Werte» zu pochen.

Und wie steht es jetzt mit den Affen? Einerseits lässt sich sagen, dass wir es uns jetzt gut leisten können, ihnen gegenüber Respektgefühle zu haben. Wir müssen uns ja nicht mehr vor den wilden Tieren fürchten. Andererseits kann man Albert Schweitzer anführen: Es gibt keine Ethik, die vor dem Tier halt macht. Wir sind Bestandteil einer Kette des Lebendigen, die nicht willkürlich unterteilt werden darf: Ehrfurcht vor dem Leben. Schweitzer redet zwar auch von «höherem Leben», das sich «niederem Leben» bedient «zur Selbsterhaltung». Aber: «Wir empfinden das Furchtbare daran.»