Wenn Kjetil Jansrud seine Trainingsfahrt am Lauberhorn beendet hat, muss es schnell gehen. Nur wenige Stunden bleiben bis zur abendlichen Teamsitzung – und dann will der Mitfavorit wissen, mit welcher Linie er am nächsten Tag im Brüggli-S noch einige Hundertstel herausschinden kann. Oder im Haneggschuss.

Unmittelbar nach dem Training werden die Videodaten seiner Fahrt und der seiner Teamkollegen deshalb nach Oslo übermittelt. Dort wartet Matthias Gilgien darauf, die Aufzeichnungen zu analysieren – und seine Erkenntnisse anschliessend ans Trainerteam rückzumelden.

Gemeinsam mit einem Kollegen von der Sporthochschule Oslo ist der gebürtige Berner Oberländer Gilgien für die Leistungsanalyse der erfolgreichen norwegischen Alpinen verantwortlich. Als ehemaliger Orientierungsläufer im Schweizer Nationalteam hat der 41-Jährige Erfahrung darin, den schnellsten Weg von A nach B zu finden.

Genau das tut der Biomechaniker nun seit rund fünf Jahren für den norwegischen Skiverband. Die Skandinavier gelten als international führend, was die praxisnahe Zusammenarbeit mit der Sportwissenschaft betrifft.

Matthias Gilgien ist der Leistungsanalytiker des norwegischen Skiverbandes.

Matthias Gilgien ist der Leistungsanalytiker des norwegischen Skiverbandes.

Neben dem starken Fokus auf das körperliche Training dürfte dies ein Schlüsselfaktor für den Erfolg der norwegischen Skifahrer sein. «Wir versuchen herauszufinden, wo in einem Rennen die entscheidenden Sachen passieren», erklärt Gilgien seine Aufgabe. «Wir wollen verstehen, warum jemand Zeit gewinnt oder verliert.» In Trainingslagern fahren die Norweger darum oft mit hochpräzisen GPS-Sendern, deren Daten hinterher minuziös ausgewertet werden. Mit teilweise verblüffenden Ergebnissen: «Wir haben Dinge festgestellt, die auch uns überrascht haben.»

Genaueres will Gilgien nicht verraten – weder zur Vorgehensweise noch zu den Erkenntnissen seiner Arbeit. Lieber hält er sich im Hintergrund. Schon so ist es schwierig genug, die Geheimnisse des Erfolgs im Team zu behalten und einen Wissensvorsprung gegenüber den anderen Nationen zu wahren. «Die Konkurrenz beobachtet sehr genau, was wir machen», sagt Gilgien.

Die Schweiz etwa steht den Norwegern kaum nach, wenn es darum geht, neue Werkzeuge zur Leistungsoptimierung zu entwickeln. So hat Swiss Ski kürzlich ein Forschungsprojekt mit der ETH Lausanne lanciert. Mit dem Versuch, den abtrünnigen Landsmann von den Skandinaviern abzuwerben, hatte der Verband allerdings kein Glück. «Mir ist es wohl in Oslo», sagt Gilgien, dessen norwegische Partnerin als Sportärztin ebenfalls für den Skiverband tätig ist. Sie bringt in diesen Tagen das zweite Kind des Paares zur Welt.

Kjetil Jansrud verdankt einen Teil seine Erfolge auch dem Schweizer Matthias Gilgien.

Kjetil Jansrud verdankt einen Teil seine Erfolge auch dem Schweizer Matthias Gilgien.

Athleten und Trainer in Norwegen erlebt Gilgien, der seine Dissertation in Kooperation mit der FIS über Verletzungsprävention im alpinen Skisport gemacht hat, als sehr offen der Wissenschaft gegenüber. «Es herrscht die Haltung vor: Wir haben nichts zu verlieren.» Die videobasierte Analyse nach jedem Training ist im Team vor den Abfahrtsrennen inzwischen Standard.

Die unberechenbaren Faktoren

An den Weltmeisterschaften in St. Moritz wird Gilgien dann vor Ort arbeiten. Die perfekte Linie für die WM-Abfahrt kann er allerdings ebenso wenig ausrechnen wie jene am Lauberhorn.

Dafür sind die Strecken zu lang und die äusseren Bedingungen zu wechselhaft. Im Rennen wird Jansrud seine Entscheidungen immer noch selber treffen müssen. Und reagieren können, wenn er mal vom idealen Kurs abgekommen ist. Oder wenn sich die Sicht- oder Schneeverhältnisse plötzlich ändern.

«Die Lauberhornstrecke ist 4,5 Kilometer lang, da kann man die Ursache von guten oder schlechten Leistungen an vielen Orten suchen», sagt Gilgien. «Wir können den Fahrern und den Trainern nur zeigen, bei welchen Passagen sie genau hinsehen sollten.» Beim Brüggli-S zum Beispiel. Oder beim Haneggschuss.