Fussball

«Da fragst du dich: Braucht es mich?» – Michael Lang und seine Karriere bei Mönchengladbach

Sein Wechsel zu Gladbach ist aufgegangen: Michael Lang ist Stammspieler und bereits Torschütze.

Von Basel zur Borussia: Michael Lang hat den Schritt gewagt. Ein Gespräch über Anonymität, Zweifel und einen geknackten Jackpot.

Das Wort Jackpot fällt ziemlich schnell, wenn man mit Michael Lang über seine momentane Situation spricht. «Bei einem solchen Verein in einer solch fussballverrückten Stadt spielen zu dürfen ist definitiv der Jackpot.»

Im Sommer ist Michael Lang vom FC Basel zu Borussia Mönchengladbach gewechselt. Damit hat er sich seinen lange gehegten Traum vom Engagement im Ausland erfüllen können. Doch ausgerechnet im ersten Training mit Gladbach verletzt er sich. Aussenbandriss im Knie.

Es hätte eine harte Hinrunde werden können. Stattdessen hat er sich zurückgekämpft, gehört seit Mitte September zum Stammpersonal und konnte gar schon seinen ersten Treffer erzielen. Der zweite blieb ihm letzten Sonntag nur verwehrt, weil sein im Offside stehender Kollege den Fuss noch hingehalten hat. Trotzdem, Michael Lang ist angekommen. Nicht irgendwo, sondern bei jenem Team, das in der Bundesliga-Tabelle auf dem zweiten Rang steht. 

Michael Lang, wie fühlt es sich an, Bundesliga-Zweiter zu sein?

Michael Lang: Hätte jemand vor fünf, sechs Monaten gesagt, dass Gladbach Zweiter ist, hätten alle gesagt: wow. Aber jetzt sind wir Zweiter und wollen es auch bleiben. Anspruch und Erwartung verändern sich dadurch. Wenn wir uns jetzt ausruhen und denken, was wir bisher erreicht haben ist alleine schon sensationell, sind wir in drei Monaten wieder Siebter. Das Umfeld träumt jetzt natürlich und das soll es auch tun. Mit diesem positiven Druck müssen wir umgehen.

Wie macht sich der gestiegene Druck bemerkbar?

Ich kenne Druck ja vom FC Basel, wo wir jedes Spiel gewinnen und immer Meister werden mussten und manchmal auch das nicht genug war. Auch wenn die Ansprüche hier anders sind, empfinde ich den Druck sogar als größer. Insbesondere insofern, dass man immer vor 50’000 Zuschauern spielt und am Fernseher Millionen von Leute zuschauen. Auf dem Feld spürt man es natürlich auch. Du weisst, dass wenn du einen Fehler machst, dieser viel schneller ausgenutzt wird. Ich versuche aber immer noch gleich zu leben, mich im Alltag gleich zu verhalten und abzuschalten. Aber ich habe schon ein paar Mal gesagt, dass es eine andere Welt ist. Und das ist es wirklich. 

Inwiefern?

Es ist alles ein Stückchen grösser. Du gehst von einem Land mit 8 Millionen Einwohnern in eines, das zehn Mal so viele hat. So ist dann auch die mediale Wahrnehmung und jene von den Fans entsprechend grösser. In der Schweiz ist es anonymer, was das Privatleben angeht. Wobei: In Düsseldorf lebst und bewegst du dich frei. Das ist umso wichtiger, wenn du bei einem solch grossen Verein spielst. Es kommt zwar ab und an jemand und sagt etwas, um ein Foto in einem Restaurant wurde ich aber beispielsweise noch nie gebeten.

Dabei müsste man denken, dass man als Bundesligaprofi noch begehrter ist bei den Fans. 

Düsseldorf ist von den Leuten her vergleichbar mit Zürich. Es ist eine große Stadt, in der sich nicht alles um Fußball dreht. Als Schweizer, der neu in der Bundesliga ist, lebt man relativ anonym. Die sportliche Herausforderung gepaart mit dem ruhigen Privatleben empfinde ich als sehr angenehm. 

Der Jackpot eben.

Ja. Nicht, dass ich das in Basel als störend empfunden hätte. Aber gerade im letzten Jahr sind immer wieder Leute zu mir gekommen, weil ich aufgrund meiner Tore oft in den Medien war. Ich konnte mit der Aufmerksamkeit umgehen, aber sie fehlt mir nicht. Auch wenn es immer positive Reaktionen sind und waren, musst du doch immer überlegen, was du tust.

Also können Sie hier endlich alles machen, worauf Sie in der Schweiz verzichtet haben. 

Es ist aber trotzdem nicht so, dass ich jetzt die ganze Zeit in Clubs gehe (lacht)! Aber in den Entscheidungen bin ich sicher freier. Wenn ich überlege, ob ich am Nachmittag in die Stadt was trinken gehen soll oder nicht, entschied ich mich in Basel das eine oder andere Mal mehr dagegen als hier. Hier, vor allem am Anfang, als mich noch gar keiner kannte, bin ich öfters in die Stadt. Das hat mir auch geholfen, als ich verletzt war. Ich wäre sonst durchgedreht, wenn ich nur zu Hause hätte sitzen können. So war ich unterwegs, habe die Stadt - so gut es mit dem kaputten Knie ging -  erkundet. Hätten mich die Leute gekannt, hätten sie sich schnell mal gefragt, was ich mache, wo ich doch eine Schiene trage. Auch wenn ich nichts Schlimmes getan habe, aber es kann alles auf einen zurückkommen. 

Mittlerweile haben Sie Ihre Wohnung bezogen, haben sich eingelebt und kennen die Stadt. Hatte die Verletzung gleich am Anfang insofern sein Gutes, als dass Sie alles regeln konnten, und als Sie wieder fit waren, nur noch an den Fussball denken mussten?

Das ist sicher nicht ganz falsch. Dennoch hätte ich lieber gleich Gas gegeben im Kreise der Mannschaft. Ich hatte ja auch etwas vor. Aber so habe ich halt in der Reha Gas gegeben und nebenbei alles erledigt. So, dass ich jetzt sagen kann: Es steht alles, es ist alles perfekt, ich fühle mich wohl. Auf dem Platz habe ich auch meinen Platz erobert. Das ist das Wichtigste. Jedenfalls hat es weh getan, die ersten fünf Spiele zu verpassen. 

Meinten Sie das, als Sie kürzlich sagten, die ersten sechs Wochen hier seien nicht nur am Knie, sondern auch im Kopf sehr schmerzhaft gewesen?

Klar, du willst ja dabei sein. Vor allem aber war es hart, nicht beim Team zu sein. Wenn du in den Privatkleidern in der Garderobe stehst und nachher deine Einzelschichten im Kraftraum machst, ist es einfach nicht das Gleiche, wie mit dem Kameraden auf dem Trainingsplatz zu stehen. Es ist mühsam. Du bist aussen vor und schaust nur zu. Dann läuft es dem Verein noch super - was dich natürlich freut - dich aber auch fragen lässt: Braucht es mich überhaupt? Habe ich einen Platz?

Das haben Sie sich gefragt?

Natürlich, weil ich gesehen habe: Es läuft auch ohne mich. In solchen Momenten hilft die Erfahrung, die dir sagt, dass du nicht umsonst geholt wurdest. Es war ein blöder Start, aber ich habe nachher beim Auswärtsspiel in Wolfsburg gleich das Vertrauen des Trainers gespürt. Er hat mich ins kalte Wasser geworfen und ich habe gemerkt, dass er wirklich auf mich setzt. 

Dafür, dass Ihr Einstieg verspätet war, starten Sie jetzt umso mehr durch. Das hätte auch anders kommen können.

Darüber habe ich mit meiner Familie auch geredet. Ich habe meine ersten zwei Spiele in Wolfsburg und in München gemacht. Wenn es da ganz schlecht läuft, wir gegen Wolfsburg verloren und von Bayern auseinander genommen worden wären, hätte es nach zwei Spielen geheissen: Es reicht nicht. Der ist noch nicht da, wo er sein sollte. Aber mit dem guten Spiel gegen Wolfsburg und dem historischen 3:0 in München in meinem erst zweiten Bundesligaspiel habe ich noch einmal einen Schub und Selbstvertrauen gekriegt. Umso schöner, dass ich seither in der Mannschaft geblieben bin.

Beim Bundesligazweiten.

Das ist irgendwie sensationell. Ich muss auch zugeben, dass ich beim einen oder anderen Schweizer, der ins Ausland gewechselt ist, gedacht habe: Der spielt schon wieder nicht. Jetzt muss ich sagen: Es ist einfach schwer. Es wird dir nichts geschenkt, auch von der Konkurrenz im Kader her nicht. Da ist es nicht selbstverständlich, jedes Spiel machen zu können.

In Basel war es das schon fast für Sie. 

Durch meinen Status, den ich mir erarbeitet habe, habe ich tatsächlich am Montag gewusst, dass ich am Wochenende spielen werde, wenn ich fit bin. Dass musste ich mir nicht in jedem Training erkämpfen. 

Das ist gefährlich. 

Es holt zumindest nicht immer alles aus dir raus. Daher habe ich gemerkt, dass ich noch einmal einen Schritt machen will, mich wieder jeden Tag pushen will.

Ist das diese Komfortzone, diese Wohlfühloase, aus welcher Sie raus mussten?

Ja. Aber ich habe mich nicht einfach getan mit dem Wechsel, das will ich betonen. Ich kenne Basel, es ist ein geiler Verein, ich wurde geschätzt. Da gab es nicht viele Gründe, den Verein zu verlassen. Aber was, wenn du Ende Karriere nachdenkst und dich fragst: Was habe ich erlebt? Was habe ich erreicht? Es hätte einfach gefehlt, wenn ich das nicht gemacht hätte. 

Prinzipiell den Schritt ins Ausland oder jenen in die Bundesliga spezifisch?

Prinzipiell das Ausland, als Schweizer aber auch klar die Bundesliga. Es gibt noch andere Ligen, die ihren Reiz haben. Aber als Kind habe ich mit meinem Bruder und meinem Vater die Bundesliga ohne Ende verfolgt und jeden Spieler gekannt. Hier zu sein ist wie ein Traum, der wahr geworden ist.

Sie haben in der Schweiz im Team und als Einzelspieler alles erreicht. Das hätten Sie kaum mehr toppen können.

Sieben Mal Meister zu werden mit dem FCB wäre auch unglaublich gewesen. Aber ich hatte ehrlich gesagt genau diese Gedanken. Wer wird der nächste Schweizer, der drei Champions-League-Tore erzielt? Und das als Verteidiger? Da denkst du schon: Mehr geht nicht. Ich habe alles erreicht in der Schweiz, auch wenn das jetzt überheblich klingen mag. Da kannst du fast nur noch verlieren. Und du kannst den Moment auch verpassen, etwas Neues erleben zu können und an einem anderen Ort etwas erreichen zu können. 

Sie hätten auch bei Besiktas Istanbul Neues erleben können, aber abgesagt. Hätte dieses etwas Exotischere einfach nicht in diese rationale, perfekte Karriereplanung gepasst?

Die Türkei wäre definitiv etwas gewesen, das mich gereizt hätte. Weil es etwas anderes gewesen wäre. Besiktas ist ein Topverein, den man auf der ganzen Welt kennt. Wenn sich dann aber die Option Bundesliga auftut … Vielleicht hätte ich anders entschieden, wäre ich 30 oder 32 gewesen. Aber mit 27 konnte ich diese Chance nicht sausen lassen. Aber ja: Die Geschichte mit der Türkei hätte nicht so gut zu mir gepasst wie die Geschichte mit der Bundesliga. 

Nervt es Sie irgendwie, dass Sie immer tun, was eh alle von Ihnen erwarten?

(lacht) Ich mache ja nicht etwas, damit die Leute etwas von mir denken. Das Bild, das von mir in den Medien verbreitet wird, ist ja eines, hinter dem ich stehen kann. Ich kann mich auch glücklich schätzen damit. Die Leute sehen den Spieler, der Schritt für Schritt geht, bodenständig ist. Aber sie erwarten auch nie etwas Spezielles von mir, was Wechsel oder Aussagen angeht. Aber wer weiß, vielleicht überrasche ich ja eines Tages auch alle?

Dann müssten Sie aber eher nach China als in die Türkei. 

Ja, das hätte definitiv keiner erwartet (lacht)! Aber auch bei der Türkei hätte es geheissen: Was macht der Lang da? Unabhängig davon habe ich mich entschieden, dass Gladbach ist, was ich erleben will. Ich will sagen können: Ich habe die Bundesliga erlebt. Wie wenige haben schon diese Chance, und dann noch bei einem so geilen Verein?

Welche Rollen nehmen Sie mittlerweile bei diesem Verein ein? Sie wurden als Führungsspieler geholt. Sind Sie dieser schon?

Ich bin als erfahrener, gestandener Spieler geholt worden, bin aber der Meinung, dass man seinen Platz erst finden muss. Wir haben einige deutsche Nationalspieler wie Stindl, Ginter oder Kramer, oder auch Leute wie Yann Sommer, die seit vier Jahren hier sind. Da wäre es der falsche Weg zu sagen: ich bin Führungsspieler. Diesen Status muss man sich mit Leistungen auf und neben dem Platz erarbeiten.

In Basel haben Sie das schnell geschafft. Mittlerweile sind sie schon ein halbes Jahr weg. Wie verbunden sind Sie mit dem FCB noch?

Ich bekomme alles mit, die Resultate und die Entwicklungen sowieso, schreibe ab und zu mit den Spielern. Es ist aber nicht so, dass ich wirklich Zeit habe, in Basel vorbei zu gehen. Ich war auch noch nie im Stadion, seit ich jetzt hier bin. Ich hoffe einfach, dass es in der Rückrunde besser läuft und ich im Sommer ein Spiel schauen gehen kann. Es war schwer, im Sommer zu gehen, weil mein Wechsel während der WM verhandelt wurde und ich das gar nicht alles verarbeiten konnte. Ich war zwar noch einmal in der Garderobe, aber die Situation war komisch. An dem Ort, an dem ich drei Jahre tagtäglich war, Spieler und Staff noch die gleichen waren, gehörte ich nicht mehr dazu. Ich stand in meinen Privatkleidern da, sie waren kurz vor dem Training. Ich hatte damals Ferien, sie ein paar Tage später das erste Saisonspiel. Da habe ich gemerkt, dass ich die mentale Zeit nicht hatte, mich zu verabschieden. Ich bin aber nicht aus der Garderobe und habe gedacht: Wieso bin ich nur zu Gladbach? Viel mehr dachte ich: Hier durfte ich so viele geile Momente erleben.

Diese sind rar geworden in Basel. Hatten Sie mal das Gefühl: Ich bin froh, weg zu sein?

Klar wäre es nicht der Traum, sich nach drei so erfolgreichen Jahren bei Basel jetzt durchkämpfen zu müssen. Am meisten weh getan hat es, als sie die Europa League verpasst haben. Da merkst du: Das ist wirklich nicht gut. Für die Leute, den Verein, die Mannschaft. Sie ist sich anderes gewöhnt. Ich hatte aber nie den Gedanken, zur richtigen Zeit gegangen zu sein. Aber so wie es bei uns in Gladbach gerade läuft, sehne ich mich auch nicht zurück.

Was hat das erste Halbjahr Bundesliga mit Ihnen, mit dem Menschen und dem Fussballer Michael Lang, gemacht?

Dass ich viel mehr unterwegs bin und ein Jetset-Leben führe (lacht)! Nein, Spass. Klar macht eine solche Veränderung etwas mit dir. Du bist im Ausland, fährst nicht mal eben eineinhalb Stunden zu deinen Eltern heim, du hast andere Leute um dich herum und ein anderes Leben. Dennoch würde ich nicht behaupten, ein anderer Mensch zu sein. Vielleicht bin ich noch etwas reifer geworden. Wenn du am Anfang alleine auf dich gestellt bist, in einem fremden Land, hat das auch etwas von Charakterbildung. Verändert hat sich mein Charakter aber nicht, auch wenn das Leben in Düsseldorf und Gladbach komplett anders ist als jenes in Kaiseraugst und Basel. 

Wie würden Sie diesen Charakter denn beschreiben?

Ich will mein Gegenüber zum Nachdenken bringen. Das ist sicher eine Stärke von mir. Gleichzeitig will ich aber auch alles rund um den Fussball nicht zu ernst nehmen. Es ist immer noch einfach Fussball. Aber mir ist auch bewusst, was alles davon abhängt. Alleine die Jobs: Mein Bruder hat mir erzählt, wie viele Arbeitsplätze das Bundesliga-Business schafft. Da merkst du, wie enorm verankert dieser Sport in der Gesellschaft ist. Es geht um so viel, das wissen wir auch. Dennoch muss man versuchen, das alles so unbeschwert wie möglich zu leben. 

Das ist ja auch einfacher, wenn man von Tabellenplatz Zwei grüsst. Was ist für Gladbach in dieser Saison drin?

Sagen wir es so: Sicher mehr als ein einstelliger Tabellenplatz. Aber das können wir nur mit guten Leistungen und nicht mit großen Worten beeinflussen.

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