Vorne auf dem Zagreber Hauptplatz feierten und jubelten sie noch immer, als Nena (57) sich entschied, noch einmal hinunterzugehen in ihre kleine Boutique. Sie hatte Tränen in den Augen, wie auch jetzt wieder. Nena weiss nicht, wann sie zum letzten Mal so berührt und glücklich war in ihrem Leben wie in diesem Moment: Sieg gegen England, Kroatien steht im Final der Fussballweltmeisterschaft! «Ich bin so stolz. Und ich wollte zeigen, dass ich unsere Mannschaft unterstütze», erzählt Nena.

Es war kurz vor Mitternacht an jenem geschichtsträchtigen Mittwoch, als sie ihre Boutique aufschloss und die Sommerkleidchen im Schaufenster neu anordnete, abwechslungsweise rot und weiss, wie das Schachmuster auf der kroatischen Flagge.

«Kroatien ist bereit für neue Nationalhelden»: Der Videokommentar zum WM-Final von Nachrichtenredaktor Samuel Schumacher aus Zagreb

«Kroatien ist bereit für neue Nationalhelden»: Der Videokommentar zum WM-Final von Nachrichtenredaktor Samuel Schumacher aus Zagreb

Dass es die Fussballnationalmannschaft von Kroatien in den Final der Fussball-WM geschafft hat, ist für das kleine Land auf der Balkanhalbinsel nicht nur überraschend, sondern geradezu historisch.

Man sieht dieses Muster dieser Tage überall in der kroatischen Hauptstadt. Auf dem Ban-Jelacic-Platz flanieren ganze Familien im kroatischen Trikot. Selbst manchem Hund wurde aus Stolz auf die «Vatreni» – die «Feurigen», wie sie hier ihrer Nati sagen – ein Kroatien-Schal umgebunden.

Wenn wir Weltmeister werden, wird sich was ändern

Nur Kristina (29) steht im unpatriotisch-orangen T-Shirt unter der Statue des Nationalhelden Josip Jelacic am Rande des Platzes. Sie würde sofort das Trikot überziehen, aber sie müsse Werbung machen, sagt sie, und zeigt auf den Aufdruck auf ihrem Shirt. «Free Walking Tour» steht da. Sie wartet auf Touristen, um ihnen die Stadt zu zeigen.

12 Millionen Ausländer reisten letztes Jahr in das kleine Land im Norden der Balkan-Halbinsel, in dem gerade mal 4,2 Millionen Menschen leben. Die meisten kommen wegen des türkisblauen Meeres vor der langen Küste, die wenigsten wegen der hübschen Hauptstadt Zagreb. «Wenn wir erst Weltmeister werden, wird sich das ja vielleicht ändern», sagt Kristina und zeigt auf die Jelacic-Statue über ihr. «Kroatien und vor allem Zagreb braucht neue Helden. Wir haben diese alten Männer auf ihren stählernen Rössern langsam satt.»

Der Krieg und die Kostelics

Helden, das waren in Kroatien für eine Weile mal die Fussballer, die das kleine Land 1998 in den WM-Halbfinal führten (und da just dem diesjährigen Endspielgegner Frankreich unterlagen). Helden waren die beiden skifahrenden Geschwister Janica und Ivica Kostelic, die gemeinsam zehn olympische Medaillen holten. Helden aber sind in Kroatien bis heute vor allem jene Männer, die die über Jahrhunderte unterdrückte Heimat gegen die übermächtigen Nachbarn zu verteidigen versuchten, wenn auch meist vergeblich. Vierhundert Jahre lang regierten die Herrscher aus dem Grossreich Österreich- Ungarn über die Kroaten. Die Osmanen hatten in Teilen des Landes lange Zeit das Sagen, und nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges mussten die «Hrvati» ihren Nationalstolz den imperialen Ambitionen des jugoslawischen Diktators Josip Broz Tito unterordnen.

Die vergleichsweise wohlhabenden und weltoffenen Kroaten wurden nie ganz warm mit ihren ärmeren jugoslawischen Schwesterrepubliken. Und als Tito 1980 starb und die Zukunft Jugoslawiens ungewisser wurde, flammte der alte Wunsch nach nationaler Selbstbestimmung neu auf.

Raus aus Titos Klammergriff

Am 21. Juni 1991 rief Kroatien – gleichzeitig wie der nördliche Nachbar Slowenien – seine Unabhängigkeit aus. Anders aber als Slowenien, das sich unblutig aus dem jugoslawischen Klammerbegriff befreien konnte, löste die kroatische Unabhängigkeitserklärung einen fast fünfjährigen Krieg aus. Der serbische Führer Slobodan Milosevic, der sich als rechtmässiger Erbe Titos erachtete, bekämpfte die abtrünnigen Kroaten mit allen Mitteln, die seiner jugoslawischen Volksarmee nach dem Wegbrechen der beiden nördlichsten Balkanrepubliken noch blieben. Erst im Dezember 1995 schlossen die beiden Seiten unter Vermittlung der USA Frieden.

Seither sucht das unabhängige Kroatien nach seiner Identität. Die Vergangenheit blendet man dabei gerne aus. Wer durchs Land reist, merkt schnell, wie wenig Lust die Kroaten haben, über das zu reden, was einmal war – und wie schwer es ihnen fällt, zu artikulieren, was sie eigentlich ausmacht.

Rot-weisse Euphorie in den Einkaufsstrassen.

Rot-weisse Euphorie in den Einkaufsstrassen.

Klarheit darüber, wer oder was man sei, gäbe es kaum, meint der kroatische Psychoanalytiker Antun Pinterovic. Man beschwöre gerne die «kroatische Seele», doch die bleibt ein blinder Fleck. Der deutsche Journalist Norbert Mappes-Niedek schreibt in seinem Buch «Kroatien. Ein Länderportrait», als bei Sinnen gelte in Kroatien nur, wer träume.

Und wenn am Sonntag der grösstmögliche Traum in Erfüllung geht? Ante (22) ist felsenfest überzeugt vom Sieg. Er steht vor seinem Verkaufshäuschen mit Kroatien-Trikots auf dem Ban-Jelacic-Platz und zeigt dem Reporter auf seinem Handy Bilder vom Mittwoch. «Alter, die wollten alle gar nicht mehr nach Hause gehen nach diesem Sieg.» Ante drückt die Hände gegeneinander, als würde er einen Schneeball formen.

Rakitic nur an dritter Stelle

«Alle Kroaten kommen zusammen, es ist unglaublich.» Für sein Trikot-Business sei das fantastisch. «Modric läuft am besten. Dann kommt Goalie Subasic.» Das Leibchen von Ivan Rakitic, des Aargauers in den Reihen der kroatischen Mannschaft, verkaufe sich nur am drittbesten. «Sorry», sagt Ante und lacht. Und was passiert im Final? «Die Argentinier haben wir nach Hause geschickt, die Engländer auch. Vertrau› mir, die Franzosen haben keine Chance.»

Trikotverkäufer Ante: «Modric verkauft sich am besten.»

Trikotverkäufer Ante: «Modric verkauft sich am besten.»

Fran ist sich da nicht ganz so sicher. Die adrette Dame ist mit ihrem Mann und zwei Freunden aus Amerika angereist, um ihre alte kroatische Heimat zu besuchen. Sie kauft Ante ein Modric-Shirt ab und steckt es in die Tasche. «Für meinen Sohn. Der ist jetzt ganz fussballverrückt wegen dieser Kroaten», sagt Fran. In den USA wüssten viele Leute nicht einmal, wo Kroatien genau liege. «Wenn sie Weltmeister werden, wird sich das ändern.» Vielleicht werden die Kroaten dann endlich auch ihren schlechten Ruf los, hofft Fran. «Nicht wenige glauben ja, hier sei immer noch Krieg.»

Die alten Balkan-Rivalitäten

Der Krieg ist vorbei, nicht aber die Rivalitäten zwischen den Nachbarn auf dem Balkan (zu dem sich kaum ein Kroate zählt und sich stattdessen zu «Mitteleuropa» zugehörig fühlt). Das zeigt sich, wenn Shaqiri und Xhaka ihre WM-Tore gegen Serbien mit dem Doppeladler – einem albanischen Symbol – feiern. Und das zeigt sich, wenn serbische Wortführer wie Miodrag Linta, Vorsitzender des dortigen Flüchtlingsverbandes, den kroatischen Torhüter Danijel Subasic bezichtigen, er würde «seine Wurzeln verleugnen». Subasics Vater ist Serbe, der Top-Torhüter in den Augen vieler Serben also einer der ihren und so etwas wie ein sportlicher Verräter.

Doch auch die Kroaten haben das serbische Trauma längst nicht hinter sich gebracht. Als Goalie Subasic als 22-Jähriger seine damalige kroatische Freundin heiraten wollte und diese ihren Vater um sein Einverständnis bat, sagte er ihr: «Ich werde dich umbringen, wenn du einen Serben heiratest.»

Die Ersatz-Nati

Die Un-Liebe ist gegenseitig. Und gerade im Fussball scheinen die alten Wunden nicht verheilt. In Zagrebs Strassen trifft man alle paar Schritte auf Kleber der «Bad Blue Boys». Der Fanclub des Stadtvereins Dinamo Zagreb machte sich in den späten 80er-Jahren einen Ruf als gewalttätiger Haufen und lieferte sich regelmässige Stadionschlachten – etwa mit dem nicht minder gewaltbereiten Anhang von Roter Stern Belgrad.

In einer Zeit, in der es weder eine serbische noch eine kroatische Nationalmannschaft gab und in der das grosse Jugoslawien den Stolz der kleinen Republiken unterband, fungierten diese Mannschaften als eine Art Ersatz-Nati. Sie schrieben sich später stolz auf die Fahnen, die «Nation hervorgebracht» zu haben. Noch heute gehören die «Bad Blue Boys» gemäss Sportexperten zu den gefährlichsten Fangemeinschaften der Welt.

Triumph des ganzen Balkans

 Womöglich würde ein kroatischer Triumph am Sonntag auch in dieser Hinsicht etwas bewirken. Es wäre das erste Mal überhaupt, dass eine Mannschaft aus dem Balkan ein grosses Fussballturnier gewänne. Kroatiens Nachbarn könnten den Sieg – wenn er denn kommt – solidarisch mitfeiern. Im Kosovo würden sie das genauso tun wie in Albanien, in Bosnien genauso wie in Mazedonien, in Slowenien sowieso. Darüber, was die Serben tun werden, darüber möchte man in der kroatischen Metropole aber lieber nicht reden. Keine politischen Debatten jetzt, bitte! Die leise Hoffnung aber, dass auch die Serben von dieser sportlichen Balkan-Solidarität ergriffen werden könnten, die ist da.

Es wird Abend in Zagreb. Bald kommen die zwei Mitarbeiter der Stadtverwaltung, die jeden Abend die 200 Gaslampen von Hand anzünden. Sie tauchen Zagreb in ein goldgelbes Licht, auch die Strasse, an der Nena ihre Boutique betreibt. Aufs Foto möchte sie noch immer nicht. Dafür zeigt sie stolz auf den Namen ihres kleinen Ladens: «Feniks» steht über dem Eingang in roten Lettern. «Kroatien war ganz unten, jetzt sind wir vielleicht bald ganz oben, wie der Phönix aus der Asche», sagt Nena und schaut auf den Schriftzug. Der kroatische Phönix scheint bereit zum Abheben. Das stört eigentlich nur einen: diesen stolzen, blauen Gockel. Und der – das weiss auch Nena – ist leider verdammt flink.