Kindstötung

Fall Bonstetten: Wird der Vater, der sein Kind tötete, verwahrt?

Gegen den 63-jährigen Vater aus Bonstetten, der 2010 in einem Hotelzimmer seinen Sohn umgebracht hat, ist am Donnerstag noch kein Urteil gefällt worden. Das Gericht will zuerst von einem Gutachter klären lassen, ob eine Verwahrung angemessen wäre.

Das Gutachten soll voraussichtlich in etwa zwei Wochen vorliegen. Möglicherweise wird danach sogar noch eine zweite Einschätzung in Auftrag gegeben. Erst dann will das Bezirksgericht das Urteil fällen.

Mit diesem Entscheid folgt das Gericht dem Anwalt des beschuldigten Schweizers. "Wird er verwahrt, ist die Chance gross, dass er das Gefängnis nie mehr lebend verlassen wird", begründete der Verteidiger seinen Antrag auf ein ergänzendes Gutachten, das explizit auf die Frage der Verwahrung eingehen soll.

"In Angst um seinen Sohn"

Im Gegensatz zum Staatsanwalt, der den Beschuldigten als "krassen Egoisten" und "selbsternannten Richter und Henker" beschrieb, schilderte der Anwalt ihn als einen zutiefst verängstigten Menschen. "Das ist kein eiskalt planender Mörder. Er war in Angst um seinen Sohn."

Er habe befürchtet, dass die Mutter den fast 5-jährigen Sohn in ihre Heimat Brasilien entführen könnte. Dies habe er dem Kind ersparen wollen. Aufgrund seiner Persönlichkeitsstörungen habe er aber nicht rational wie ein Durchschnittsmensch reagiert, sondern den Tod des Kindes verursacht.

Wegen dieser psychischen Störungen sei er auch nur vermindert schuldfähig, sagte sein Anwalt. Er beantragte eine Freiheitsstrafe von 7 Jahren wegen vorsätzlicher Tötung. Eine Verurteilung wegen Mordes sei nicht angebracht, weil sein Mandant nicht skrupellos gehandelt habe, sondern aus Verzweiflung.

Beschuldigter wollte Gemeinde verklagen

Eine Verurteilung wegen Mordes forderte hingegen der Staatsanwalt. Neben einer lebenslänglichen Freiheitsstrafe beantragte er zum Schutz der Öffentlichkeit ausserdem eine Verwahrung. Diese Massnahme sei notwendig, weil die Rückfallgefahr erheblich sei, sagte er in seinem Plädoyer.

Einen Mordversuch verübte der Vater bereits einmal: 1990 versuchte er, seinen damals 13-jährigen Sohn aus erster Ehe umzubringen. Auch damals fürchtete er, dass ihm die Frau das Kind wegnehmen könnte. Der Sohn überlebte den Angriff mit schweren Hirnverletzungen und ist heute körperlich behindert.

Über das Tötungsdelikt an seinem zweiten Sohn sagte der Ankläger, der Vater habe "das Kind geopfert, um den Kampf gegen die Ex-Partnerin zu gewinnen". Nach dem Tod des Knaben habe er die Schuld dafür dann bei allen anderen gesucht - nur nicht bei sich selbst.

Er wollte sogar die Bonstetter Gemeindebehörden verklagen, weil sie es zugelassen habe, dass er seinen Sohn tötete. Eine Therapie sei bei diesem Beschuldigten zwecklos, sagte der Staatsanwalt weiter. Seit dem Mordversuch am ersten Sohn seien alle Versuche gescheitert. Die Fassade des rechtschaffenen Bürgers lasse er nie fallen.

"Es tut mir leid"

Die heute 38-jährige Mutter leidet noch heute unter dem Verlust des Sohnes. Sie hat zwar erneut geheiratet und schafft es auch wieder zu arbeiten. Es plagen sie aber schwere Schuldgefühle. "Sie fragt sich oft, ob sie im Streit mit ihrem Ex-Partner etwas hätte anders machen sollen, um diese Tat zu verhindern", sagte ihr Anwalt.

Er forderte 150'000 Franken Entschädigung für seine Mandantin, "auch wenn der Knabe davon natürlich nicht wieder lebendig wird". In seinem Schlusswort konnte sich der Vater, der während des gesamten Prozesses völlig emotionslos wirkte, doch noch zu einer Entschuldigung durchringen. "Es tut mir leid. Mehr kann ich momentan aber nicht sagen."

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