Biwa-Spieler
Aarauer Silvain Kyokusai Guignard erhält in Japan besondere Anerkennung

1983 reiste Silvain Kyokusai Guignard mit einem Stipendium nach Japan – heute ist er einer der renommiertesten Biwa-Spieler. Nun ist er mit einer besonderen Urkunde ausgezeichnet worden.

Trudi von Fellenberg-Bitzi
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Silvain Kyokusai Guignard
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Silvain Guignard erhält aus den Händen der Bürgermeisterin die Anerkennungsurkunde.
Otsu ist eine Stadt am Südufer des Biwa-Sees in Kansai, Westjapan, rund 20 Zugminuten von Kyoto entfernt.

Silvain Kyokusai Guignard

Martin Holtkamp

Am 27. November hat der in Japan lebende Aarauer Silvain Kyokusai Guignard den Kulturpreis der Stadt Otsu erhalten. Der Biwaspieler lebt seit den frühen 1980er-Jahren in Japan und seit 12 Jahren in Otsu. Mit seinen Konzerten auf grossen und kleineren Bühnen der Stadt bereichert er nicht nur deren Kultur, sondern trägt den Namen Otsu in die ganze Welt.

Aus den Händen der Bürgermeisterin Naomi Koshi empfing Guignard die Anerkennungsurkunde. Der Saal in Otsu war voll und der Aarauer einziger Ausländer. Die Stadt übergab weitere Preise an Menschen aus Otsu, als Dank für deren Einsatz im Dienste der Stadt und Bevölkerung.

Bekannte Künstlerfamilie

Silvain Kyokusai Guignard stammt aus der angesehenen Künstlerfamilie Guignard aus Aarau. 2004 starb der bekannte Kunstmaler Roland Guignard im Alter von 87 Jahren. Er war ein begnadeter Künstler, bekam viele Aufträge wie zum Beispiel 1970 für die Fenster im Seitenschiff der Stadtkirche von Aarau. Ein Umfeld, das Sohn Silvain geprägt und für die Kunst – mit der dazugehörigen Disziplin – geschliffen hat.

Zuerst studierte er Klavier. Sein Zweitstudium galt der Musikwissenschaft, der Japanologie und der Musik-Ethnologie. Als er 1983 – dank einem Stipendium – nach Japan reiste, um Musikgeschichtsstudien zu betreiben, fragte er sich, was wohl für Aufgaben im «Land der Aufgehenden Sonne» auf ihn warten würden.

Motiviert durch seinen damaligen Lehrer, Professor Akio Mayeda, wählte Guignard die Biwa als Instrument, weil diese in Vergessenheit zu geraten schien – und mit ihr die einzigartige Kunst des Erzählens alter Epen. Heute gilt Guignard als einer der renommiertesten Biwaspieler weltweit. Er beherrscht nicht nur das Saiteninstrument, sondern auch die altjapanische Sprache, die Erzählkunst und den Gesang. Damit schenkt er den Japanern etwas Vergessenes, etwas, das ihnen fremd geworden ist, obwohl im eigenen Land verwurzelt: und allen Freunden der alten japanischen Musik ein Stück Vergangenheit, so, wie sie in Geschichtsbüchern nachzulesen ist.

Acht Jahre hat Silvain Guignard Klavier studiert. Und begann nochmals von vorne: «Wie hält man eine Biwa? Wie zupft man die Saiten?» Aber er wusste: «Wenn Kunst gut ist und Substanz hat, ich mich bemühe, kriege ich den Zugang, und es wird gelingen.» In der 78-jährigen Biwa-Meisterin, dem «National Treasure» Yamazaki Kyokusui, fand er die beste Lehrerin überhaupt. Dass diese ihn – als Ausländer – akzeptierte, war vielversprechend. Weil sie der Meinung war, Guignard sei musikalisch, unterrichtete sie ihn bis zu ihrem Tod im 100. Lebensjahr.

Die Biwa - ein uraltes japanisches Lauteninstrument

Das uralte japanische Lauteninstrument, die Biwa, hat ihren Weg von Mesopotamien über die Seidenstrasse nach China und von dort nach Japan gefunden, wo sie heute vom Schweizer Musikwissenschafter und Biwaspieler Silvain Kyokusai Guignard gespielt wird. (tvf)

1996 erwarb Guignard den Meistertitel für Biwa. Von 1999 bis 2003 war er Professor für Musikwissenschaft an der Doshisha-Frauen-Universität in Kyoto. Und heute ist er Professor an der internationalen Abteilung der Osaka-Gakuin-Universität, unterrichtet japanische und europäische Kunst und Musik. An Wochenenden ist er – zusammen mit seiner Frau – oft unterwegs. Konzerte überall in Japan. Und während der Ferien überall auf der Welt.

Morgensonne aus dem Westen

An einem Biwakonzert am 7. November in Uji, südlich von Kyoto, fällt er als einziger Ausländer auf. Er hält die Biwa aufrecht und schlägt die Saiten mit seinem grossen Plektron. Guignard wirkt streng. Er ist konzentriert. Beginnt mit lauter Bariton-Stimme den Gesang. Zwischendurch kleine Pausen. Die Finger tänzeln über die Saiten. Zeit für den Atem. Um gleich wieder aufzudrehen. Musiker? Schauspieler? Erzähler? Samurai? Alles zusammen gibt ihm – der das Repertoire seiner ihm zugehörigen Schule spielt, deren Meister ihn längst zum Kyokusai (Morgensonne aus dem Westen) ernannt hat – die Fülle der Kunst.

Guignard ist Vermittler zwischen Ost und West. Förderer des japanischen Kulturguts generell: In seinem Haus gehen Gäste aus aller Welt ein und aus. Seine Biwa- und Kunstsammlungen zeugen von Engagement und Empathie, weiterzugeben, was ihm das Leben geschenkt hat.

Vater Roland Guignard: Ebenfalls fasziniert von Japan

Marcel Guignard, ehemaliger Stadtpräsident von Aarau, wusste noch nichts von der Ehre, die seinem Bruder in Japan zuteilwurde. Obwohl, wie er sagt, der Kontakt sehr gut sei. So zweimal pro Jahr fliege der Bruder mit seiner Frau Annemarie in die Schweiz, um Freunde und Verwandte zu besuchen. Diese Aufenthalte in seiner alten Heimat nutze er häufig für Ausstellungen. Silvain sei nämlich nicht nur ein begnadeter Musiker, sondern auch Kenner und Sammler japanischer Malerei und Kalligrafie. An den Vernissagen spiele er jeweils die Biwa und singe alte Balladen dazu. Auch Vater Roland Guignard (1917–2004), zu seiner Zeit ein bedeutender Kunstmaler und Vertreter der geometrischen Abstraktion, war fasziniert von der klaren Ästhetik japanischer Kunst und vom Rhythmus der Formen. Die Ausstellung, die er zu seinem 75. Geburtstag in Japan machen durfte, habe ihm sehr viel bedeutet, sagt Marcel Guignard. (Kel)

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