Vintage-Trend

Diese Aargauerin verkauft an zwei Tagen Original-Mode unserer Urgrosseltern – das meiste ist noch ungetragen

Die Suhrer Modeschneiderin Geraldine Granget stemmt eine zweitägige Vintage-Messe in der Aarauer Aeschbachhalle.

Früher war nicht alles besser. Entgegen den Aussagen vieler chronischen Nostalgiker, die sich stets die alten Zeiten zurückwünschen, muss dies mal gesagt werden. Was aber auch stimmt: Bestimmte Dinge wurden früher tatsächlich besser gemacht als heute. Alte Möbel, elektronische Geräte oder Kleider etwa: Oft sind sie qualitativ hochwertiger oder mit spürbar mehr Liebe und Hingabe hergestellt.

In ihrem Ladengeschäft in Suhr stellt Vintage-Schneiderin Geraldine Granget Hunderte von solchen Kleidern der 1910er- bis 60er-Jahre aus, dazu unzählige Accessoires wie Handschuhe, Krawatten, Schmuck, Handtaschen oder Brillen. Geraldine Granget sammelt diese und weitere Überbleibsel der Welt vor der Globalisierung und Massenproduktion. Das Meiste ist Lagerware – also zwar alt, aber noch nie getragen worden.

Hemden aus Schweizer Produktion, etwa von heute unbekannten Marken wie Saphir oder Bolly, finden sich dort noch in der Originalverpackung. «Sie müssen den Stoff mal berühren», sagt sie. «Das ist ein typisches Hemd der 50er-Jahre, die Qualität spüren sie sofort.» Der Stoff ist dicker als bei den Hemden von heutzutage, fühlt sich aber dennoch sanft an. Unzählige solche Beispiele findet man in ihrem Laden.

Bei einem Kleid steht «Gamper Aarau» auf dem Etikett, das kleine Preisschild zeigt 219 Franken. Geraldine Granget bekräftigt: Es ist Qualitätsware, zudem eine Seltenheit in einem Stil, den es heute nicht mehr gibt. Ähnlich ist es bei den alten Bally-Schuhen: «Wenn ich jeweils neue Schuhe sehe, werde ich meistens enttäuscht. Die sind kaum noch aus echtem Leder, sondern sehr dünn gemacht», sagt sie. «Ich bin mir halt wirklich die alte Qualität gewohnt.»

50'000 Originalschnittmuster von 1910 bis 1970

Ihre Kleider trage sie denn auch 20 bis 30 Jahre lang, «bis sie kaputt gehen». Oft näht sie sich diese gleich selber: Über 50'000 Originalschnittmuster von 1910 bis 1970 besitzt sie in ihrem Nähatelier. Auf Anfrage stellt sie auch massgeschneiderte Damen-, Herren- oder Kinderkleider her – auch moderne. «Man kann mir ein Bild von einem Kleid zeigen und ich schneidere es», sagt sie. Dafür bevorzugt sie weiterhin mechanische Maschinen, da diese für sie einfacher zu bedienen seien.

Geraldine Granget gehe es denn auch gar nicht darum, im Damals zu leben. Aber die Dinge, die früher tatsächlich besser waren, heute weiterzuführen. Dieses Wochenende zeigt sie mehrere ihrer Vintage-Objekte an einer grossen Messe in der Aeschbachhalle in Aarau, gemeinsam mit 20 weiteren Ausstellern. Ob Geschirr, Designermöbel, Platten, Spielzeuge, Blechreklamen oder alte Radios – alles, was das Vintage-Herz begehrt, wird dort zu sehen sein.

Dazu auch Dinge, die auf alt gemacht sind, wie Handtaschen oder Velos. Zwei Oldtimer werden die grosse Halle 6 zusätzlich ausschmücken, weitere sind ausdrücklich willkommen, wie im Einladungsflyer steht. Geraldine Granget erwartet Besucher aus der ganzen Schweiz. Die Vintage-Messe in Aarau ist landesweit die einzige dieser Art.

Messe erstmals in der grossen Aeschbachhalle – ein Risiko

2016 und 2017 hatte sie bereits Vintage-Messen in der Bärenmatte in Suhr organisiert. Mit dem Gang nun in die grosse – aber teure – Aeschbachhalle setzt sie dieses Mal auf Risiko. Auf Helfer am Event kann sie zählen, das meiste stemmt Geraldine Granget aber weitgehend selber. Auf die Frage, ob es denn kein Riesenaufwand sei, quasi alleine die grosse Aeschbachhalle zu bestreiten, sagt sie schlicht: «Für uns Selbstständige ist das normal, wir arbeiten immer viel.»

Da es eine Halle aus den 20er-Jahren sei, passe die Messe sehr gut dorthin. Zudem habe sie gegenüber der Halle ihr erstes Schneideratelier gehabt, sei also emotional mit der Gegend verbunden. Die Messe öffnet am 12. und 13. Oktober jeweils um 10 Uhr, am Nachmittag um 15 Uhr findet an beiden Tagen eine Modeschau statt. Am Samstag wird die Messe erstmals um ein Abendprogramm bereichert: Die drei Bands Truffle Valley Boys, Rockin’ Bonnie und The Rockets spielen Musik aus den 40er- bis 60er-Jahren.

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