Kardiologie
Ein Herz: Kooperation Hirslanden und Kantonsspital funktioniert

Die Zusammenarbeit zwischen dem öffentlichen Kantonsspital Aarau und der Hirslanden-Klinik in Sachen Herzmedizin funktioniert beinahe reibungslos. Das ist keineswegs selbstverständlich, sondern liegt auch an den «Starchirurgen» Carrel und Englberger.

Urs Moser
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KSA-Ärzte André Georges Vuilliomenet und Igal Moarof im Einsatz in der Hirslanden Klinik.

KSA-Ärzte André Georges Vuilliomenet und Igal Moarof im Einsatz in der Hirslanden Klinik.

zvg

Es ist Donnerstag, kurz vor 13 Uhr. In der Hirslanden Klinik in Aarau ist alles vorbereitet für einen sogenannten Tavi-Eingriff: Eine 80-jährige Patientin soll eine künstliche Herzklappe erhalten, die mit einem Katheter von der Leiste in die Aorta eingebracht und zum Herzen vorgeschoben wird.

Eine wenig invasive Alternative für Patienten, bei denen ein zu grosses Risiko für eine konventionelle Operation besteht. Für den Eingriff trifft André Georges Vuilliomenet im Herzkatheterlabor der Hirslanden Klinik ein, Chefarzt der Kardiologie am Kantonsspital Aarau. Was bis dahin fast undenkbar schien, ist seit einigen Monaten gelebter Alltag: Das öffentliche Kantonsspital und die private Hirslanden Klinik arbeiten in der Herzmedizin eng zusammen.

Jeden Montag Teamsitzung

Die az hatte Gelegenheit, sich vor Ort ein Bild davon zu machen, dass und wie sich diese Zusammenarbeit eingespielt hat. So selbstverständlich wie André Georges Vuilliomenet an diesem Donnerstag den Tavi-Eingriff in der Hirslanden Klinik leitet, so ist es für Herzchirurg Lars Englberger zur Routine geworden, jeden Montagnachmittag zum Kantonsspital Aarau zur Besprechung des Herzteams hinaufzuradeln.

Dort wird Fall für Fall durchbesprochen. So wie jener der betagten Frau, die nach dem ohne Komplikationen verlaufenen, einstündigen Eingriff nun gute Aussicht auf weitere beschwerdefreie Jahre hat und auch keinen Herzschrittmacher benötigt. Oder der eines ebenfalls bereits 86-jährigen Mannes, der vor Jahren schon einmal eine Herzoperation hatte und seit einigen Monaten unter angina pectoris leidet. «Wie ist er ‹zwäg› für seine 86?», will Englberger von den Kollegen der Kardiologie des KSA wissen.

«Rüstig, er arbeitet noch regelmässig auf dem Bauernhof mit», sagt Vuilliomenet. Man ist sich einig: auch er ein Fall für den Tavi-Eingriff. Anders der 53-Jährige, der sich gegen seine bisherigen ärztlichen Berater durchsetzte und seine Beschwerden von den Spezialisten des Kantonsspitals abgeklärt haben wollte: massive Verkalkung der Koronargefässe. «Ich habe ihm gesagt, dass er eine gute Lebenserwartung hat, wenn er von einem guten Chirurgen operiert wird», scherzt Vuilliomenet.

Die kleine Schmeichelei kommt zwar an, aber da es sich nicht um einen akuten Notfall handelt, wird der Patient dennoch warten müssen. Es ist ein grosser Kongress, die Herzchirurgie in der Hirslanden hat ein eingeschränktes Arbeitsprogramm. Lars Englberger wird den Mann übernächste Woche operieren.

Win-win-Situation

Die Kooperation zwischen dem Kantonsspital und der Hirslanden Klinik in der Herzmedizin wurde vor einem Jahr eingefädelt. Ende 2013 wurde bekannt, dass Thierry Carrel und Lars Englberger vom Inselspital Bern ab Mai 2014 auch die Herzchirurgie am Standort der Hirslanden Klinik Aarau führen werden. Ende Juni 2014 unterzeichneten dann die Hirslanden Klinik und das Kantonsspital Aarau einen Kooperationsvertrag. Sie arbeiten seit September 2014 in der Herzmedizin unter dem Namen «Herzzentrum Aargau» zusammen. Das Kantonsspital mit einer grossen und renommierten Kardiologie, aber ohne eigene Herzchirurgie, weist Patienten für Operationen am offenen Herzen nicht mehr dem Universitätsspital Basel zu, den Plan zum Aufbau einer eigenen Herzchirurgie hat man aufgegeben. Der Antrag für einen kantonalen Leistungsauftrag wurde mit dem Kooperationsvertrag obsolet und zurückgezogen.

Seit Thierry Carrel und Lars Englberger das Skalpell führen, ist aber auch die Zahl der Herzoperationen in der Hirslanden Klinik markant angestiegen: Im Geschäftsjahr 2013/14 waren es 153, im eben abgelaufenen Geschäftsjahr 2014/15 bereits 264 Operationen, eine Steigerung um über 70 Prozent.

«Unbedingt zu fördern»

«Dass die Zusammenarbeit funktioniert, hat entscheidend mit den Personen zu tun», räumt KSA-Chefkardiologe Vuilliomenet ein. Bevor die «Starchirurgen» Carrel und Englberger nach Aarau kamen, fühlte man sich in der Hirslanden Klinik vom Kantonsspital Aarau – dem der Aufbau einer eigenen Herzchirurgie in den 1990er-Jahren verweigert wurde – regelrecht geschnitten. Die Zusammenarbeit zwischen den Spitälern sei – natürlich unter Wahrung er unternehmerischen Freiheit – «unbedingt zu fördern», erklärte der Regierungsrat in der Antwort auf einen parlamentarischen Vorstoss im Jahr 2012.

Damals waren in den Monaten bis August 106 Patienten des Kantonsspitals Aarau der Herzchirurgie in Basel und gerade einmal 15 der Hirslanden Klinik zugewiesen worden. Im Interesse des Kantons ist das nicht, denn er finanziert bei ausserkantonalen Behandlungen von Aargauer Patienten auch «fremde» Spitäler mit – und das geht bei 200 Operationen am offenen Herzen und 80 katheter-basierten Klappen-Implantationen in die Millionen.

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