TalkTäglich

Extremschwimmer Jürg Ammann: «Ich hatte Todesangst»

«Ich hatte Todesangst, ja»: Jürg Ammann spricht über sein Abenteuer im Ärmelkanal.

«Ich hatte Todesangst, ja»: Jürg Ammann spricht über sein Abenteuer im Ärmelkanal.

Jürg Ammann ist Extremschwimmer. Bei eisigen Temperaturen wagt sich der Erlinsbacher in Gewässer. Im «TalkTäglich» erzählt er unter der Moderation von Anna Steiner, was ihn motiviert und weshalb er immer wieder eine neue Grenzerfahrung sucht.

Sein Ziel, eine Eismeile zu schwimmen, hat Jürg Ammann vergangenes Wochenende erreicht: Bei 4,5 Grad Celcius durchquerte der Erlinsbacher den eiskalten Hallwilersee – und das ohne schützenden Neoprenanzug.

Knapp eine halbe Stunde benötigt er für die 1,7 Kilometer. «Es hat etwa 1,5 bis 2 Stunden gedauert, bis ich wieder meine Normaltemperatur erreicht habe», erzählt er, während seine Augen vor Stolz glänzen. Der Extremsportler schwamm bereits an den Welt- und Europameisterschaften mit – doch das reichte ihm nicht; er sucht Herausforderungen, die ihn ans Limit treiben.

«Es tut weh, das ist eine neue Körpererfahrung», erklärt er. «Es ist immer das Weiterkommen.» Zusätzlich sei es aber auch Vorbereitung für ein nächstes Projekt. «Prickelnd» nennt er diese Grenzerfahrungen, die ihn «schön nervös» machen – so wie das erste Mal, als er ins Wasser stieg.

Extremschwimmer Jürg Ammann schimmt 1,7 Kilometer durch den eiskalten Hallwilersee

Extremschwimmer Jürg Ammann schimmt 1,7 Kilometer durch den eiskalten Hallwilersee

12. März 2017

Alles begann mit dem Kinderklauseschwimmen

Die Leidenschaft für das Schwimmen hat Ammann bereits in der Jugendzeit entdeckt. Doch nicht nur das hat ihn motiviert: «Bereits während der Schulzeit war ich immer vorangetrieben – entweder wollte ich schnell rennen oder schnell schwimmen.» Beim «Kinderklausschwimmen» holte er den grössten Grittibänz. Doch angetrieben hat ihn nicht nur die Trophäe: «Es war auch der Status in der Schule, der schnellste Schwimmer zu sein.» Das habe ihn durch sein ganzes Leben begleitet. «Ich habe die Geschwindigkeit immer geliebt und auch das Medium Wasser immer geliebt.»

Ammann entscheidet sich zu einer Kochlehre, gründet eine Familie, doch das Schwimmen bleibt in seinem Hinterkopf. 2003 kommt der Ärmelkanal ins Spiel. Inspiriert wurde der Erlinsbacher durch einen Film, den das freie Kino in Aarau zeigte: Ein Familienvater, der nach einem Schicksalsschlag eine neue Lebensaufgabe sucht. Diese findet er in der Durchquerung des Ärmelkanals. «Ich habe seine Armzüge im Wasser gesehen und gedacht, ich bin im Wasser – das bin ich. Dann ist das Feuer, der Virus ausgebrochen.»

«Es war Lebensschule pur»

Die gerade Strecke beträgt 32 Kilometer, Ammann musste wegen starken Strömungen aber Umwege schwimmen – insgesamt 57 Kilometer. Kurz bevor er sein Ziel erreichte, musste er jedoch aufgeben. «Ich hatte Todesangst», sagt Ammann. Es waren nicht nur die Kräfte, die ihn allmählich verliessen, sondern auch die Sinnhaftigkeit, die er in Frage stellte. «Ich habe gebettelt, ich wollte nicht mehr.» Als er schliesslich aufs Boot steigt, fallen ihm «viele Mühlesteine» von den Schultern. Seine Entscheidung bereut er nicht: «Ich glaube, es hätte sich niemand gewünscht, dass ich dann gleich ins Spital eingeliefert werde oder in der Dunkelheit verloren gehe.» Dennoch werden seine Augen feucht, sobald er Ausschnitte von damals sieht. «Es war Lebensschule pur – vor, während und jetzt auch danach.»

Jürg Ammanns Odyssee

Jürg Ammanns Odyssee (10. August 2015)

Trotz gescheiterter Überquerung, wurde der Extremschwimmer gestern feierlich in der Badi Suhr empfangen. Obwohl er aufgeben musste, schaffte der Sportler Grosses. Schlussendlich schwamm der Erlinsbacher 57 km bei schwierigen Wetterbedingungen

«Grenzwertige Erlebnisse sind für den Mensch Jürg – ich will mich weiter entwickeln, vorwärtskommen.» Das, ist Ammann überzeugt, erreicht er nur, wenn er sich bis ans Limit treibt. So entstehen Emotionen. Und Emotionen sind genau das, was ihn weiter bringt – sowohl positive wie negative. «Im Vergleich zu 2003 war ich von mentaler Stärke Butter, die man leicht mit dem Messer teilen kann. Jetzt bin ich zwar kein Eisblock, aber gereift – ich komme immer eine Treppenstufe weiter.»

Im Sommer wagt er sich an zwei neue Grenzerlebnisse heran: Er will den Brienzer- und Thunersee durschwimmen – die kältesten Seen der Schweiz. Im Hinterkopf schlummert aber auch eine weitere Herausforderung, die er vor knapp zwei Jahren abbrechen musste. «Die Gewässer sind temperaturmässig sehr nahe am Ärmelkanal.»

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