Aarau
Im Kantonsspital Aarau beten jetzt auch Muslime

Es geht darum, ein Zeichen für die Gemeinschaftlichkeit zu setzen: Im Kantonsspital Aarau wurde der Raum der Stille umgestaltet und mit Gebetsteppichen und Koran ausgestattet. Der Raum werde rege genutzt.

Marina Bertoldi
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Neue Kraft schöpfen: Im Raum der Stille des KSA halten Christen und Muslime jetzt zusammen Andacht.Marina Bertoldi

Neue Kraft schöpfen: Im Raum der Stille des KSA halten Christen und Muslime jetzt zusammen Andacht.Marina Bertoldi

Marina Bertoldi

Im kleinen Raum ist es still. Am Fenster steht ein Tischlein mit Gebetskerzen, fünf davon brennen, daneben ein Tabernakel mit Hostien und ein hoher Kerzenständer. An der Wand rechts hängen eine Ikone, ein Kreuz und ein blauer Pfeil. Er zeigt nach Osten, nach Mekka. Der Raum der Stille des Kantonsspitals Aarau (KSA) ist neu nicht mehr nur christlich, sondern auch islamisch eingerichtet. Das hat sich eine muslimische Glaubensgemeinschaft gewünscht.

«Wir bekamen im Februar eine Anfrage», sagt Dr. Rita Bossart Kouegbe, Fachexpertin für Integration am KSA. Der Raum der Stille, der Patienten und Angehörigen als Rückzugsort zum Kraftschöpfen dient, sei ohnehin sanierungsbedürftig gewesen. Der Spannteppich war dreckig und die Einbauschränke alt. Also hat man den Teppichboden durch Parkett ersetzt, die Holzschränke rausgerissen und eine kleine Bühne eingebaut. Auf dieser Bühne liegen nun drei muslimische Gebetsteppiche in den offiziellen Farben des KSA Rot, Grün und Blau. «Für Muslime ist es sehr wichtig, dass der Gebetsort möglichst rein ist. Deshalb darf man auch Moscheen nicht mit Strassenschuhen betreten», sagt Stefan Hertrampf, katholischer Seelsorger am KSA. Dank der Erhebung ist klar, wo man die Schuhe im Raum der Stille ausziehen muss.

Auch Barmelweid Plant Interreligiösen Raum

Mit dem Neubau der Klinik Barmelweid in Erlinsbach soll auch hier ein interreligiöser Raum entstehen. «Der Anstoss war das Bauprojekt. Der jetzige Raum der Stille liegt im Gebäudeteil, der abgerissen wird», sagt Mediensprecherin Martha Brem. Wie genau der neue Raum aussehen wird, ist noch unklar. Er soll Anhängern aller fünf Weltreligionen offenstehen. «Wir planen ein Konzept des sogenannten ‹Füreinanders›. Der Raum wird eher christlich geprägt sein, wobei auch Symbole anderer Religionen Platz haben werden.» Das Christentum soll also Gastgeber für Judentum, Islam, Hinduismus und Buddhismus sein. Auch Anhänger anderer Konfessionen und Konfessionslose werden willkommen sein. «Bereits der jetzige Raum der Stille steht allen Leuten offen. Er ist aber rein christlich eingerichtet. Das kann hemmen.» In einem nächsten Schritt will die Klinik prüfen, welche Rolle die Religion für ihre Patienten spielt. (MEB)

«Den Raum umzugestalten war schwierig», sagt Philip Kindler, protestantischer Seelsorger am KSA. Da der Raum sehr klein sei, war die Neuaufteilung eine Herausforderung. So war zum Beispiel die Platzierung der Ikone eine Hürde. «Muslime blicken beim Beten eigentlich keine Abbildungen menschlicher Gestalten an.» Hätte man das Bild aber anders platziert, würde es im Rücken der betenden Christen hängen, also hat man es trotzdem neben dem sogenannten Qibla-Pfeil aufgehängt.

«Der Raum ist etwas Gemeinsames, man muss Kompromisse eingehen», sagt Philip Kindler. Das gefällt nicht allen. «Wir hatten ein paar wenige Negativstimmen von fundamentalen Christen», sagt der Seelsorger. Die Reaktionen seien aber zu vernachlässigen. Die meisten seien mit der Umgestaltung zufrieden.

Der Raum werde rege genutzt, sagt Rita Bossart. «Es werden täglich Kerzen angezündet.» Die muslimischen Patienten und Angehörige würden den Raum zwar noch sporadisch besuchen, so Seelsorger Kindler. Doch es ginge vor allem darum, ein Zeichen für die Gemeinschaftlichkeit zu setzen. «Es sind alle Anhänger jeglicher Religionen und Lebenseinstellungen willkommen», bestätigt Kollege Hertrampf.

Die Anfrage nach einem interreligiösen Raum habe nicht überrascht, sagt er. «Der Islam ist inzwischen die zweitgrösste Glaubensgemeinschaft in der Schweiz.» In den letzten Jahren hätten Patienten auch zunehmend nach Imamen gefragt.

Wer mit dem Anliegen eines gemeinschaftlichen Raums der Stille an das KSA getreten ist, will das Spital nicht verraten. Es sei eine muslimische Gemeinschaft aus dem Kanton, sagt Rita Bossart. Diese hat die Mehrkosten für das Podest übernommen. Der Koran und die Gebetsteppiche waren ein Geschenk einer anderen Gemeinschaft. Auch diese bleibt geheim. «Die Angst vor dem Islam existiert», sagt Philip Kindler. Im Raum der Stille ist davon nichts zu spüren. Hier ist es ruhig, nur die sechs Kerzen flackern.

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