Jugend und Politik
Was ein junger Unterentfelder bei seiner Maturaarbeit zum Stimmrechtsalter 16 herausgefunden hat

Bund und Kanton diskutieren darüber, das Stimmrechtsalter auf 16 Jahre zu senken. Ein junger Unterentfelder setzt sich energisch dafür ein – nachdem er seine Maturaarbeit zum Thema verfasst hatte. Wieso er bei einem tieferen Stimmrechtsalter nur Vorteile sieht.

Raphael Karpf
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Jeder, der dazu in der Lage ist, soll mitbestimmen dürfen, findet Nico Zobrist.

Jeder, der dazu in der Lage ist, soll mitbestimmen dürfen, findet Nico Zobrist.

Britta Gut

Ab wann soll man mitentscheiden dürfen, wie die Gesellschaft funktioniert, in der wir leben? Die Frage ist gerade aus mehreren Gründen aktuell: Im Bundeshaus wird in diesen Wochen darüber diskutiert, ob künftig nicht auch schon 16- und 17-Jährige an die Urne gehen dürfen. Und der Aargauer Grosse Rat wird sich ebenfalls in absehbarer Zeit mit genau dieser Frage beschäftigen. Dabei geht es nur um das passive Stimm- und Wahlrecht: Man soll mit 16 zwar abstimmen und wählen dürfen, nicht aber selbst gewählt werden können.

Dass Nico Zobrist just den Nerv der Zeit treffen würde, als er sich vor einem Jahr für dieses Thema für seine Maturaarbeit entschied, hätte sich der 19-Jährige nicht gedacht. Auch Zobrist wollte herausfinden: Sollten 16- und 17-Jährige schon mitbestimmen dürfen? Was spricht dafür? Was dagegen?

Zobrist kam schon als Kleinkind mit der Politik in Kontakt. Als Zweijähriger nahmen ihn seine Eltern an die Wahlfeier von Grossratspräsidentin Barbara Roth mit. Als Kind verteilte er Flyer gegen AKWs. Mit 15 trat er der SP bei.

«Bereits damals wartete ich darauf, dass ich endlich 18 werde, um mitbestimmen zu können.»

Für seine Maturaarbeit an der neuen Kantonsschule Aarau hat er nun mehrere Interviews geführt. Mit Personen verschiedenen Alters, Geschlechts und Parteizugehörigkeit. «Ich wollte möglichst viele Argumente zum Thema finden», sagt er. Die Antworten hat er ausgewertet, am Ende hatte er eine ganze Palette zusammen.

Erst durch die Arbeit wurde es überzeugter Befürworter

Als er mit der Recherche begann, war sich Zobrist selbst noch unsicher, wie er eigentlich zum Thema steht. «Ich war vermutlich schon eher dafür, aber so ganz sicher war ich mir nicht.» Das hat sich geändert. Nun ist er ein glühender Verfechter des Stimmrechtsalters 16 geworden. Was ist passiert?

Die Pro-Argumente haben ihn überzeugt, die Contra eher weniger. Er sagt heute voller Überzeugung:

«Unsere Demokratie ist darauf aufgebaut, dass Entscheide möglichst breit abgestützt sind»

Darum finde er es wichtig, dass alle, die dazu fähig seien, das Recht hätten, mitzuentscheiden. «Und das ist bei 16- und 17-Jährigen der Fall.»

Ein tieferes Stimmrechtsalter hätte zudem noch einen positiven Nebeneffekt, so Zobrist: Wählen und Abstimmen würde zur Gewohnheit werden. Wer schon als Jugendlicher abstimme, tue das später eher auch noch. Die Stimmbeteiligung könnte sich verbessern.

Was spricht dagegen? Das Hauptargument sei gewesen, dass 16- und 17-Jährige noch zu wenig reif seien, um sich politisch einzubringen. Sie würden die ganze Tragweite ihrer Entscheidungen noch nicht begreifen. Diese Argumente kann Zobrist schon gar nicht mehr nennen, ohne gleich Contra zu geben: «Ich verstehe das nicht. Auch wenn ich 18 bin, wird nicht überprüft, ob ich reif genug bin, um abstimmen zu können.» Ausserdem gebe es genügend Studien, die belegen, dass 16-Jährige durchaus in der Lage seien, abzustimmen.

Und sowieso: In Österreich dürfen seit 2007 16-Jährige abstimmen. «Wenn das so schlimme Folgen gehabt hätte, hätten sie das seither wieder rückgängig gemacht.» Übrigens: Auch im Kanton Glarus – als einziger Kanton der Schweiz – können bereits 16-Jährige abstimmen.

Sobald sich die Gelegenheit bietet, will sich Zobrist einsetzen

Die Argumente, die Zobrist nun kennt, will er verwenden, um sich an vorderster Front für das Stimmrechtsalter 16 einzusetzen. Wenn es denn so weit ist. An ersten Podiumsdiskussionen war er schon.

Sich politisch einzubringen, ist für Zobrist, wenn auch erst 19, sowieso nichts Neues. Er war für die SP bereits auf der Liste der Grossrats- und sogar Nationalratswahlen. In Unterentfelden arbeitet er seit 2019 in der Energiekommission – eine Kommission, die überhaupt erst wieder ins Leben gerufen wurde, als er und eine Kollegin an einer Gemeindeversammlung forderten, doch im Regionalen etwas gegen den Klimawandel zu tun. Und für die Aarauer SP war er vergangenes Jahr Co-Wahlkampfleiter der Grossratswahlen.

«In der Politik kann man so viel verändern. Es lohnt sich, sich einzusetzen.»

Stimmrechtsalter 16: Was bisher geschah

Die Forderung nach einem Stimmrechtsalter 16 ist nicht neu. Seit 1999 gab es mehrere Vorstösse, sowohl auf nationaler wie auch auf kantonaler Ebene, die genau dies forderten. Alle sind gescheitert. Im Aargau lehnte der Grosse Rat zuletzt 2016 eine entsprechende Motion ab. Aktuell sind mehrere Vorstösse dazu hängig: In Bundesbern sagte der Nationalrat im Herbst 2020 Ja zum Stimmrechtsalter 16, im Ständerat wird das Geschäft noch beraten, die zuständige Kommission sagte aber bereits Ja. Die Chancen stehen nicht schlecht, dass wir demnächst national über das Stimmrechtsalter 16 abstimmen werden. Und im Aargau ist im Moment eine parteiübergreifende Motion hängig, die dasselbe im Kanton fordert. Der Grosse Rat dürfte ebenfalls noch dieses Jahr über das Thema beraten. Wobei diese Diskussion natürlich hinfällig würde, würde das Stimmrechtsalter 16 national eingeführt.

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