Um es vorwegzunehmen, um allfällige Irritationen zu vermeiden: Bei den Protagonisten der Produktion «7 Pfarrer – Oder: Wer weiss noch, wo Gott hockt» handelt es sich tatsächlich um sieben wahrhaftige, eingefleischte Pfarrer sowie einen Seelsorger, eine Gemeindeleiterin und einen ehemaligen Pfarrer. Ein Fakt, der dem Stück eine ganz neue Perspektive verleiht und es zumindest inhaltlich vor neue Ansprüche stellt.

In einer Zeit, in der die Kirchenmitglieder schwinden, einer Zeit von «Schein und Design», hat die «Szenart»-Produktion «7 Pfarrer», eine Koproduktion mit dem Theater Tuchlaube, versucht, sich des Themas Pfarrersein und Glaube in unserer individualistischen Gesellschaft anzunehmen. Neben Sue Hulstkamp und Stefanie Keller aus Zürich sowie der Bernerin Eva Eiderbrant waren auch Vertreter aus dem Aargau zu sehen: der pensionierte Seelsorger Walter Blum (Nussbaumen), Verena Salvisberg (Frick), Christina Burger (Kleindöttingen), Stefan Blumer (Baden), Peter Weigl (Windisch), Christina Soland (Aarburg) und der mittlerweile in der Privatwirtschaft tätigen Markus Fricker (Brugg). «Wir haben das 21. Jahrhundert nicht verschlafen», verkündet Jürg Hochuli von der reformierten Landeskirche Aargau in der Begrüssung mit einer Überzeugung, die in den kommenden 90 Minuten leider fehlte.

Brüste reichen nicht

Echte Gefühle und berührende Authentizität – das sind jene Qualitäten, die das Publikum an Laienschauspielern doch so schätzt, jene ganz intimen Momente, das wahre Leben. Doch anstelle dessen wurde am Premierenabend in Aarau kräftig auf die Tränendrüse gedrückt. Ein Aidskranker löste in den Erzählungen den nächsten ab, Geschichten von leidgeplagten Familien und Suizid von Kindern. Umgangen wurde dabei stillschweigend die Haltung der Kirche zu jenen heiklen Themen wie Verhütung, Homosexualität oder die Misshandlung von Kindern durch Geistliche. Die persönliche Selbstkritik uferte in der Feststellung, dass es doch etwas «spannender» sein könnte in der Kirche. Fragt sich, ob dies tatsächlich der Hauptgrund für die leeren Kirchenbänke ist.

Für das junge Publikum bedienten sich die Protagonisten dann auch gerne dem altersgerechten Jargon wie «cool» oder «verdammt» und sogar ein «Himmelherrgott» kam einem Darsteller über die Lippen. Doch der Luftgitarreneinsatz und der verkrampfte Gebrauch des Wortes «Brüste» – für «Titten» – zeigte: Der Mut reichte dann doch nicht aus. Vielmehr stiessen solche Einlagen jene Jugendlichen vor den Kopf, die sich tatsächlich eine ernste Auseinandersetzung mit dem Thema Glauben zutrauen.

Dank dem beherzten Einsatz des Badener Stadtpfarrers Stefan Blumer und dem 72-jährigen Walter Blum kam es dann doch zwischendurch zu jenen intimen Momenten, in denen sich die Nackenhaare kräuseln und, egal, ob konfessionslos, katholisch, reformiert oder einfach interessiert, die Zuschauer berührt wurden. Weniger ist mehr wahr hier die Devise.

Gottseidank hat sich der Regisseur Hannes Leo Meier und sein Team im Aufbau und der Gestaltung des Abends dann aber so richtig ausgetobt. Die Bühne wurde sowohl akustisch wie auch räumlich kreativ ausgenutzt. Von allen Seiten wurde dem Stück Leben eingehaucht und das Publikum einbezogen. Als Requisiten dienten unter anderem jene klobigen, hellbraunen Holzstühle, die wohl den einen oder anderen Zuschauer an seinen eigenen Religionsunterricht erinnerten.

Doch schaffen es die zehn Gläubigen nicht, die Diskussion um Religion und Individualität auf eine neue Ebene zu bringen und die ewigen Beschwerden über die egoistische, materialistische und internetverseuchte Gesellschaft hinter sich zu lassen. Wo der Gott am Ende jetzt «hockt», weiss wohl auch hier niemand so recht.

7 Pfarrer – Oder: Wer weiss noch, wo Gott hockt? Weitere Aufführungen im Aargau: 20. März, 20 Uhr, Odeon Brugg. 27./28. Mai, 20.15, Theater Tuchlaube Aarau. 24./25. Oktober, 20.15, reformiertes Kirchgemeindehaus Frick.