Aarau
Stadtratswahlen vor 100 Jahren: «Purer Schwindel und Lügen»

Die Stimmung im vierten Kriegsjahr 1917 war auch in der Aargauer Kantonshauptstadt aufgeheizt. Es brauchte drei Anläufe, bis die Stadtregierung wieder komplett war.

Hermann Rauber
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Schon vor 100 Jahren setzte man vor Wahlen auf Flyer.Hermann Rauber

Schon vor 100 Jahren setzte man vor Wahlen auf Flyer.Hermann Rauber

zvg

Scharfe Flugblätter, hitzige Debatten, Rekurse und Kassationen prägten das aufregende politische Jahr 1917 in Aarau. Die Wahl eines neuen Stadtrates durch die Gemeindeversammlung zog sich über fast drei Monate hin und gelang nach heftigen Auseinandersetzungen erst im dritten Anlauf.

Die kurz zuvor gegründete Sozialdemokratische Partei sorgte für einen temporären Wirbelsturm, blieb am Ende des Wahlmarathons aber ohne zählbaren Erfolg. Die bürgerliche Dominanz konnte vor hundert Jahren trotz diesen Turbulenzen vorerst nicht gebrochen werden.

Aufgeheizte Stimmung

Die Stimmung im vierten Kriegsjahr 1917 war auch in der Aargauer Kantonshauptstadt aufgeheizt. Ende August kam es zu einer Demonstration gegen die galoppierende Teuerung, die Bevölkerung litt aber auch unter drückender Arbeitslosigkeit, Rationierungen und Wohnungsknappheit. Trotz allem blieb es vor der Gesamterneuerungswahl des Aarauer Stadtrates mindestens in der Presse ruhig, stellten sich doch alle sieben bisherigen Amtsinhaber zur Wiederwahl.

Hinter den Kulissen allerdings wetzte die städtische SP, eben erst 1916 gegründet, die Messer. Die Bürgerlichen, nämlich die Freisinnigen und die Radikalfortschrittliche Vereinigung, präsentierten ahnungslos ihre Sechser-Liste, während die Sozialdemokraten ihren Coup mit zwei Kandidaten lancierten.

Am 15. Oktober 1917 kam es im Saalbau zum Hosenlupf, der laut dem konservativen Aargauer Tagblatt «mit einer Überraschung endete». Denn der freisinnige Ständerat Gottfried Keller verfehlte das absolute Mehr und wurde als amtierender Vizeammann nach 16 Jahren Knall auf Fall abgewählt. Die SP hingegen brachte ihre beiden Anwärter, den Bisherigen Karl Rüetschi, Coiffeur, und neu Alfred Hartmann, Schuhmacher, auf Anhieb durch.

«Demokratischer Missbrauch»?

Doch die Freude auf der einen und der Ärger auf der anderen Seite waren von kurzer Dauer. Drei Tage nach der Wahl durch die Gemeindeversammlung reichte der Anwalt Otto Meyer (früher selber im Stadtrat) beim Departement des Innern eine Beschwerde sein. Er bemängelte, dass die Ausweiskarten nicht beim Eintritt in den Saal, sondern erst am Schluss eingezogen worden seien. So sei es zu einer Differenz zwischen der von Hand bestimmten Anzahl Stimmberechtigten und den eingelegten Wahlzetteln gekommen. Letztere hätten die Stimmenzähler zudem samt den Kontrollmarken nicht persönlich jedem Anwesenden verteilt, sondern «reihenweise» in Umlauf gebracht und auch wieder gesammelt eingezogen. Damit habe man offensichtlich einen demokratischen Missbrauch in Kauf genommen.

Wahl wurde wiederholt

Die Meyersche Beschwerde wurde wenige Tage später von der ersten Instanz gutgeheissen, die Wahl vom 15. Oktober in allen Teilen kassiert. Ein Rekurs der SP Aarau gegen diesen Entscheid hatte beim Gesamtregierungsrat keine Chance. Also mussten die insgesamt 2283 Aarauer Stimmberechtigten ein zweites Mal antreten, und zwar am Samstag, 1. Dezember 1917 , morgens um 9 Uhr.

Die Bürgerlichen hatten ihre Lehren gezogen und als neuen Kandidaten den jungen Anwalt Fridolin Laager aus dem Hut gezaubert, der Ständerat Keller ersetzen sollte. Laager schaffte die Wahl tatsächlich im ersten Anlauf, zusammen mit den Bisherigen Hans Hässig, Stadtammann, Adolf Läuchli, Lithografie-Unternehmer, Arnold Schmuziger, Ingenieur, Emil Hemmeler, Kaufmann, und Oskar Hedinger, Sekretär der Handelskammer. Auf der Strecke blieben jetzt die beiden SP-Mitglieder Karl Rüetschi und Alfred Hartmann.

Als dieses Resultat des ersten Wahlgangs bekannt gegeben wurde, kam es im kleinen Saal, wo traditionell die Arbeitnehmer sassen, zu Tumulten mit «Johlen und Pfeifen». Plötzlich erschallte der Ruf «Use!», worauf eine stattliche Zahl von enttäuschten und wütenden Genossen den an sich geschlossenen Saal durch die Fenster oder Notausgänge verliessen. Obwohl mit diesem verbotenen Exodus das Quorum unterschritten wurde, setzte der Vorsitzende das Wahlgeschäft fort. Den noch freien siebten Sitz ergatterte der von «unabhängigen Bürgern» lancierte Moritz Gisler, Buchdrucker, die bisherige SP-Galionsfigur Karl Rüetschi ging definitiv leer aus. «Skrupelloser kann Wahlpolitik nicht betrieben werden», schrieb der Betroffene am Tag nach dem Debakel in einem Flugblatt an die Bürgerschaft.

Und noch eine Wahlbeschwerde

Damit war die Sache aber keineswegs erledigt. Denn prompt ging erneut eine Wahlbeschwerde ein, diesmal aus der Feder von zwei Gewerkschaftern der Metallarbeiter. Begründung: Mit der Flucht von Stimmberechtigten nach dem ersten Wahlgang vom 1. Dezember sei das Quorum von 50 Prozent nicht mehr vorhanden gewesen. Tatsächlich erklärte der Regierungsrat am 15. Dezember die Wahl von Moritz Gisler sowie jene für den Stadt- und Vizeammann für «widerrechtlich» und damit für ungültig.

Das Geschäft ging deshalb abermals in die Verlängerung, die aber mit einer dritten Gemeindeversammlung erst im neuen Jahr einen Abschluss fand. Am 7. Januar 1918 kam es zum Finale eines Wahl-Marathons, der durch gegenseitige Vorwürfe (die Rede war von «purem Schwindel und Lügen») begleitet war.

Der siebte Sitz ging nun im ersten Wahlgang doch noch an den bisherigen SP-Vertreter Karl Rüetschi, der mit 583 Stimmen den am 1. Dezember 1917 gekürten Moritz Gisler (489) übertraf. Die Bestätigung von Hans Hässig als Stadtammann und die Wahl von Fridolin Laager als neuer Vizeammann war eine Formsache, die politische Ordnung in Aarau mindestens äusserlich wieder hergestellt.

Gottfried Keller übrigens wurde im gleichen Jahr 1917 als Aargauer Ständerat glanzvoll bestätigt. Alfred Hartmann ersetzte 1921 seinen Parteigenossen Karl Rüetschi und nahm doch noch Einsitz in die städtische Regierung. Und der «Sprengkandidat» von 1917, Fridolin Laager, avancierte 1938 zum Stadtammann.

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