Suhr
Schon fast 30 Jahre: Die schier unendliche Geschichte um drei Regenklärbecken

Seit Jahrzehnten kämpft die Gemeinde um den obligatorischen Bau dreier Retentionsanlagen für Schmutzwasser. Wegen der hohen Kosten stimmte das Volk immer wieder dagegen. Die Abstimmung am 28. März könnte das lange Kapitel nun abschliessen – wenn nicht, greift der Kanton ein.

Daniel Vizentini
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So sieht die Anlage 746 bei Möbel Pfister von Innen aus. Sie kostete fast doppelt so viel wie geplant.

So sieht die Anlage 746 bei Möbel Pfister von Innen aus. Sie kostete fast doppelt so viel wie geplant.

Screenshot Video/
Pascal Nater

Eigentlich es ist verwunderlich, dass dieses Thema überhaupt zu so viel Ärger führt. Seit mindestens 2008 versucht die Gemeinde, die Auflagen des Kantons bezüglich Gewässerschutz korrekt umzusetzen und die bisherigen Rückhaltebecken durch leistungsfähigere Mischwasserbehandlungsanlagen zu ersetzen. Diese dienen der Zwischenspeicherung von verschmutztem Abwasser, etwa nach einem heftigen Regenschub. Sobald die Kläranlage in Aarau wieder Kapazität hat, wird das Wasser in die Kanalisation gepumpt und dann fachgerecht gereinigt.

Früher sei dieses Schmutzwasser direkt in die Suhre geflossen, erklärt Werkmeister René Fehlmann in einem Video zur Abstimmung. «Von aussen ist die Anlage relativ unscheinbar, wie ein kleines Häuschen. Aber wenn man hinuntersteigt sieht man die Dimensionen.» Rund 400 Kubikmeter Wasser können in der heutigen, relativ komplexen Anlage beim Möbel Pfister gesammelt werden. Diese Mischwasserbecken gelten als wichtige Puzzleteile im gesamten Abwassersystem.

Werkmeister René Fehlmann zeigt die Mischwasserbehandlungsanlage Nr. 746 auf dem Gelände von Möbel Pfister.

Gemeinde Suhr/
Pascal Nater

Günstig sind solche Anlagen nicht, aber als notwendiges Übel wäre die Zustimmung durch das Volk normalerweise eine reine Formsache. In Suhr ist jedoch so viel schief gelaufen, dass dieses Thema doch umstritten ist.

Zu günstig geplant, standen die Projekte jahrelang still

Nachdem ähnliche Projekte schon 1993 vor dem Volk scheiterten, lehnte die Gemeindeversammlung 2008 den Kredit von 2,43 Millionen Franken für die Erstellung der Anlagen 965 beim Schwimmbadparkplatz und 746 auf dem Areal von Möbel Pfister ab. Ein halbes Jahr später legte der Gemeinderat – vielleicht etwas zu optimistisch – eine abgespeckte Variante für 1,69 Millionen Franken vor, die das Volk dann annahm. Schon bald ging jedoch das Geld aus. Den nötigen Zusatzkredit von 0,97 Millionen Franken lehnte das Volk ab.

Vier Jahre später, im Oktober 2014, hatte der Kanton dann genug: Der Regierungsrat gab Suhr genau ein Jahr Zeit, um mit dem Bau beider Anlagen zu beginnen und dazu die Anlage Nummer 7 beim Steinfeld an der Grenze zu Buchs bis Ende 2017 zu erstellen. Als Kostenrahmen für die ersten beiden Anlagen gab er die vom Volk zuvor abgelehnten Kredite vor – zu der Zeit total 3,14 Millionen Franken.

Mit einem Jahr Verzögerung starteten die Bauarbeiten für die Anlage 965 im Oktober 2016. Diese hätten ein halbes Jahr dauern sollen. Doch es gab Krach mit dem Elektroplaner, der laut Gemeinde «trotz mehrfachen Mahnungen» seine Pläne nicht lieferte. Im Oktober 2017 wurde ihm der Auftrag endlich entzogen und danach neu vergeben. Im Mai 2018 war die Anlage gebaut – und sie kostete gar rund 50'000 Franken weniger als vorgesehen.

Hauptproblem war die Anlage 746: Sie kostete ganze 82 Prozent mehr

Grössere Probleme bereitete dafür die Anlage 746: Statt 1,96 Millionen kostete sie fast 3,6 Millionen Franken. Diese Kreditüberschreitung tolerierte das Volk nicht und wies die Abrechnung Ende 2020 zurück. Der Gemeinderat solle alles nochmals analysieren und «aus den Fehlern lernen», hiess es. Innert 60 Tagen hätte dieser laut Gesetz eine ausserordentliche Gmeind für das Thema einberufen müssen. Nach einer Friststreckung wird nun wegen Corona auf die Gmeind verzichtet und das Geschäft an die Urne gebracht.

Der Gemeinderat hat ein externes Gutachten von einem Zürcher Ingenieurbüro eingeholt. In der Abstimmungsvorlage gibt er selbstkritisch zu, «eine unglückliche Anhäufung verschiedener Ereignisse und Umstände» hätten zu den Mehrkosten geführt, dazu sei die Bauverwaltung für eine Gemeinde in der Grösse von Suhr personell unterdotiert und der eingesetzte Projektleiter «für dieses Vorhaben unqualifiziert» gewesen.

Geht in zwei Wochen die lange Geschichte zu Ende?

Zwei Anlagen sind nun gebaut, noch fehlt die dritte. Der Urnengang vom 28. März könnte das Ende der bald 30-jährigen Odyssee einläuten. Abgestimmt wird konkret über drei Dinge: Erstens die Kreditabrechnung zur Anlage 965, die positiv ausfiel. Zweitens die Kreditabrechnung zur Anlage 746, die am Schluss beinahe doppelt so viel – rund 82 Prozent mehr – kostete. Und drittens über einen Zusatzkredit für die Anlage 7, die vor einem Jahr die Baubewilligung erhielt. Die Anlage kostet neu 3 Millionen Franken, 730'000 mehr als 2015 vom Volk genehmigt. Dies unter anderem weil sie auf den Bau der beiden anderen Anlagen warten musste.

Bei allen drei Vorlagen gilt: Das Volk darf zwar darüber abstimmen, aber wenn es Nein sagt, hätte dies nicht viel mehr als den Effekt eines Denkzettels an den Gemeinderat – und zwar einer, der teuer werden könnte. Denn: Wenn Suhr nicht selber baut, wird der Regierungsrat auch den Bau der dritten Anlage nach seinem Gusto veranlassen und der Gemeinde dann die Rechnung dafür schicken, was teurer ausfallen könnte als das aktuelle Projekt.

Gemeinderat
Thomas Baumann