Aarau
Thürs Stadion-Aufruf scheidet die Geister: «Brestenegg und Obermatte sind Wunschvorstellungen»

Hat Hanspeter Thür recht, wenn er einen Richtungswechsel in der Stadion-Frage fordert? Die Stadt ist sich uneins.

Nadja Rohner
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Ex-Datenschützer Hanspeter Thür mischt sich in die Aarauer Stadiondebatte ein.

Ex-Datenschützer Hanspeter Thür mischt sich in die Aarauer Stadiondebatte ein.

ZVG/Sandra Ardizzone/Montage_az

Alt Nationalrat und Stadtratskandidat Hanspeter Thür (Grüne) hat in ein Wespennest gestochen. Sein öffentlicher Aufruf, die gesamte Stadion-Planung in Aarau noch einmal gründlich zu überdenken und auch frühere Varianten wieder in Betracht zu ziehen (Brestenegg und Obermatte, beide Buchs), hat für reichlich Diskussionen und einige Leserbriefe gesorgt.

Suzanne Marclay-Merz "Wer also für das Machbare ist und nicht Illusionen nachjagt, unterstützt den heutigen Standort im Torfeld Süd."

Suzanne Marclay-Merz "Wer also für das Machbare ist und nicht Illusionen nachjagt, unterstützt den heutigen Standort im Torfeld Süd."

Roland Schmid

Gar nichts von Thürs Vorschlag hält Suzanne Marclay-Merz (FDP), die wie Thür neu in den Aarauer Stadtrat gewählt werden will. «Letzte Woche wurden vom grünen Stadtratskandidaten die alternativen Standorte Brestenegg und Obermatte wieder aufgewärmt, mit der Begründung des Zeitgewinnes», schreibt sie in einem Leserbrief. «Das sind Wunschvorstellungen. Das Stadion wird dort weder rascher noch günstiger realisiert werden können. Der Standort Brestenegg grenzt an beziehungsweise liegt in einem Wildtierkorridor von nationaler Bedeutung. Zwischen Zürich und Solothurn ist es der einzige Korridor, der den Jura mit den Voralpen verbindet. Es wäre mit berechtigtem Widerstand aus verschiedenen Kreisen zu rechnen – insbesondere auch von den Grünen.»

Und in der Obermatte, so Marclay-Merz weiter, seien die Platzverhältnisse derart eng, dass der Standort bereits vor Jahren punkto Sicherheit als kritisch eingestuft worden sei. Sowohl Brestenegg als auch Obermatte benötigten eine komplette Neuplanung des Stadions und überdies eine kantonale Richtplananpassung und Volksabstimmungen. Das alles würde Jahre dauern. «Optionen für Querfinanzierungen entfallen an diesen Standorten aufgrund der Platzverhältnisse – die Finanzierung würde noch stärker an der Stadt Aarau hängen bleiben», schreibt die Freisinnige weiter. «Wer also für das Machbare ist und nicht Illusionen nachjagt, unterstützt den heutigen Standort im Torfeld Süd.» Dort liessen sich Varianten optimieren und realisieren – und sowieso, Aarau brauche ein Super League taugliches Fussballstadion. «Rascher Anpfiff bitte im Torfeld Süd und in diesem Sinne: Hopp Aarau!»

«Dem Theater Riegel schieben»

Ganz anderer Meinung ist Leserbriefschreiber Ruedi Deppeler aus Aarau. «Was Hanspeter Thür vorschlägt, ist nicht von schlechten Eltern.» Eine neue Auslegeordnung hält auch er für angezeigt: «Man muss dem Theater um den Standort Torfeld endlich den Riegel schieben. Wie lange diskutieret man jetzt auch schon wieder über dieses Thema? Ich glaube, es sind nahezu zehn Jahre. Aus meiner Sicht wäre Brestenegg absolut ideal. Verkehrstechnisch optimal, für die notwendigen Parkplätze würde sicher die Migros Hand bieten und bei einem Grossandrang gäbe es vielleicht auch eine Möglichkeit, die Fahrzeuge auf dem Coop-Areal in Schafisheim abzustellen, um mit Extrabussen ins Stadion zu gelangen.»

Kontroverse im Internet

Auch auf aargauerzeitung.ch gibt Thürs Vorpreschen zu Diskussionen Anlass. Leserin «Elise Abplanalp» schreibt, «der Brief von Herrn Thür ist eine der besten und treffendsten Stellungnahmen zum Thema bislang». Ein Leser mit dem Pseudonym «Hj.M» schreibt: «Genau meine Meinung, Herr Thür! Nie hätte ich gedacht, dass ein Grüner einem Vertreter meiner FDP die Welt erklären muss.» Unterschiedlich fällt die Interpretation aus, ob sich Thür für die Stadtratswahlen profilieren will oder nicht – ein Leser sagt, es sei «reines Wahlkampfgerede», ein anderer spricht von «grünem Klartext ohne Schonung der eigenen Wahlchancen».

Ein Gegner des thürschen Vorschlags ist Kommentator «Tom Briner»: «Die ganze Stadion-Geschichte ist total verkachelt», schreibt er. «Was immer jetzt auch angerissen wird, es wird Einsprachen, Verzögerungen, Ränkespiele geben. Die ehemaligen Stadion-Gegner planen doch schon die nächsten Einsprachen. Ich gehe seit 30 Jahren ins Brügglifeld und ich glaube, das Brügglifeld wird noch lange die Heimstätte des FCA bleiben. Womöglich heisst die Zukunft des FCA 1. Liga Promotion. Dann spielen wir wieder gegen den FC La Chaux-de-Fonds oder Brühl St. Gallen. Ich könnte damit leben, weil es in der 1. Liga Promotion grösstenteils friedlich zugeht. Und nach den Matches könnte man friedlich unter den Bäumen ein Bier trinken und bierselig den guten alten Zeiten nachtrauern.»

Kommentator «smhaller» sieht auch auf den Areal in Buchs «logischerweise Probleme vorprogrammiert» und hält den Standort Torfeld nicht für die schlechteste Variante. Vor allem, weil er mit dem öV gut erreichbar sei. «Das wäre am Standort Buchs definitv nicht gegeben und hätte in der Konsequenz mehr Privatfahrten zur Folge.»

Was ist mit dem Schachen?

Auffallend: Mehrere Kommentatoren stellten die Frage, weshalb das Stadion nicht im Schachen gebaut werde. Auch Thür hat das nicht vorgeschlagen. Das dürfte seine Gründe haben: Der Schachen gehört den Ortsbürgern. Erst kürzlich schrieb der Stadtrat in der Beantwortung einer Einwohnerratsanfrage (es ging um einen möglichen Camping-Standort): «Die Ortsbürgergemeinde hat sich in den vergangenen Jahren immer wieder für einen grünen Schachen, für eine Allmend für Jedermann ausgesprochen». Das Schachenareal sei eines der am intensivsten genutzten Areale der Stadt, sei es durch dauerhafte Nutzungen wie der Rennbahn oder des Schwimmbades oder durch temporäre Nutzung wie Grossanlässe oder Zeltveranstaltungen. Zusätzlich bestehen laut Stadtrat diverse Pachtverträge (z.B. Landwirtschaft), Mietverträge (Militär) und Nutzungsverträge (Parkplätze).