Tanz-Demo
Unbewilligter Tanzprotest in Aarau geplant

«Das gesellschaftliche Klima in der Schweiz gleicht immer mehr einer Polarwüste. Wir haben ein Gegenmittel: Eine lange, heisse Nacht in Aarau.» So lautete ein Aufruf im Internet, das am 22. September in Aarau zur Tanz-Demo lädt.

Stefan Künzli
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10000 Menschen trinken und festen an der «Tanz dich frei»-Party auf dem Bundesplatz. Raphael Moser

10000 Menschen trinken und festen an der «Tanz dich frei»-Party auf dem Bundesplatz. Raphael Moser

Der Aufruf kursiert im Internet unter dem Titel «Nächtliches Tanzvergnügen» und steht auf der Website ch.indymedia.org/de. Dort werden alle Interessierten eingeladen, am 22.September 2012 ab 20.30 Uhr im Kantipark Aarau zu feiern und tanzend durch die Stadt zu ziehen.

Indymedia ist ein offenes Forum und versteht sich als «emanzipatorisches, unabhängiges Mediennetzwerk von AktivistInnen». Der Aufruf zum «Nächtlichen Tanzvergnügen» ist anonymisiert, die Veranstalter nennen sich "Nachttänzer_innen".

Die Tanzparty ist nicht nur anonym, sie will auch ausdrücklich unbewilligt und damit illegal sein. «Wir wollen mit euch eine Party feiern», heisst es im Aufruf, «ohne vorher jene um Erlaubnis zu fragen, die Mitschuld am Verschwinden kultureller und politischer Freiräume sind.» Denn diese Projekte stünden, «unter ständigem Beschuss». Dabei verweisen die Aktivisten auf die Reitschule in Bern sowie die «illegalen Partys» in Zürich, die zu einem «kontrollierten und regulierbaren «Angebot der Stadt» gemacht» würden.

«Wir haben es selbst in der Hand»

Die Aktivisten beklagen, dass es in Aarau «keinen solchen selbstverwalteten Freiraum» gäbe, und auch die Zukunft etablierter Kulturangebote wie das KiFF, der Flösserplatz, Atelier Bleifrei, das Wenk oder die Kettenbrücke Aarau sei ungewiss. «Wo soll dann gefeiert werden?», fragen die Nachttänzer_innen. Die Altstadt Aarau werde «immer mehr als Problemzone, anstatt als Treffpunkt betrachtet». Und auch der neue Bahnhof lade «durch Konsumzwang und Wegweisungen nicht zum Verweilen ein».

«Wir haben es selbst in der Hand», schreiben die anonymen Aktivisten, «und komm auch du nach Aarau und erkämpfe dir ein Stück temporären Freiraum.» Die Veranstalter wollen mit einem Live-Wagen, einem DJ-Wagen und einer fahrenden Bar durch Aarau ziehen. «Das nächtliche Tanzvergnügen» baut ganz auf die Mobilisierungskraft des Internets und ist mit Facebook verlinkt. Geplant ist ein nationaler Tanzprotest. Die aufgeführten Bahnverbindungen aus allen Schweizer Städten nach Aarau sollen den Entscheid zum Mittanzen erleichtern.

Spur führt in Hausbesetzer-Szene

Doch wer steckt hinter Nachttänzeri_innen? Erste Hinweise führten zum Umfeld des Künstlerkollektivs Bleifrei, dessen Mitglied Tizian Baldinger in der alten Garage Brack auch beliebte Tanzpartys organisiert. Auf Anfrage der az dementiert Baldinger aber. Er finde es zwar gut, dass es Aktivitäten in Aarau gäbe, mit den Nachttänzern will er aber ausdrücklich nicht in Verbindung gebracht werden.

Wie ist die Polizei-Strategie?

Unter dem Titel «Nachttanz Demo» fand am 3.Dezember 2011 im Schlosspark Aarau schon einmal ein Tanzprotest statt. Gemäss Polizeimeldung nahmen rund 200 mehrheitlich junge Leute aus der autonomen Hausbesetzer-Szene daran teil und sechs Personen mussten «wegen Tätlichkeit und Beschimpfung vorübergehend festgenommen» werden. Die Kantonspolizei Aargau geht davon aus, dass sich hinter dem «Nächtlichen Tanzvergnügen» dieselben Veranstalter stehen. Die Namen seien der Polizei aber nicht bekannt.

Eine weitere heisse Spur führt zum links-aktivistischen Info-Portal www.aargrau.ch. Dort ist das «Nächtliche Tanzvergnügen» zwar nicht aufgeführt, Links führen aber zu Indymedia und die Berner Reithalle.

Wäre es nicht am einfachsten, das «Nächtliche Tanzvergnügen» einfach zu bewilligen? Und damit den «illegal» geplanten Tanzprotest zu legalisieren? «Wir behalten die Sache im Auge», sagt Polizeisprecher Bernhard Graser, «damit wir nicht überrumpelt werden.» Bei solchen Anlässen sei die Dimension leider schwer abzuschätzen. «Zu gegebener Zeit werden wir eine Lagebeurteilung vornehmen», sagt er weiter, «aber zu möglichen Polizei-Strategien sagen wir nichts.»