Prozess in Baden

211 km/h auf der A1 – Richter zu jungem Kroaten: «Sie sind ein Raser»

Raser drücken gerne aufs Gaspedal und riskieren damit ihr Leben, aber auch das von anderen. (Symbolbild)

Raser drücken gerne aufs Gaspedal und riskieren damit ihr Leben, aber auch das von anderen. (Symbolbild)

Das Bezirksgericht Baden hat einen jungen Kroaten für seinen Tempoexzess zu einer bedingten Freiheitsstrafe von 13 Monaten verurteilt. Doch warum drückte dieser so aufs Gaspedal?

«Meine Eltern waren schockiert und vor allem enttäuscht, dass ich das gemacht habe.» Mit leisen Worten sagt dies der 23-jährige Silan (Name geändert), der am 12. Januar dieses Jahres mit 211 km/h auf der Autobahn bei Spreitenbach geblitzt wurde, vor dem Bezirksgericht Baden.

Es war ein Sonntag auf der A1 in Richtung Zürich. Der junge Kroate war in einem weissen Audi TTS auf dem zweiten Überholstreifen unterwegs ins Engadin. Er und seine Freundin, die neben ihm sass, wollten einige entspannte Stunden im Thermalbad in Scuol geniessen.

Mit der Geschwindigkeitskontrolle hatte der Audi-Lenker nicht gerechnet. Die Höchstgeschwindigkeit betrug 120 km/h. Nach Abzug der Toleranz betrug die strafbare Überschreitung 84 km/h. Ab deren 80 greift auf der Autobahn der sogenannte Raserartikel. Für solche Tempoexzesse sieht das Strassenverkehrsgesetz eine Freiheitsstrafe von einem bis vier Jahre vor.

Vor dem Bezirksgericht erhält der junge Raser ein Gesicht. Der modisch gekleidete Silan macht den Eindruck eines freundlichen jungen Mannes. Er ist in der Schweiz aufgewachsen. Hier leben Kernfamilie und Freunde. Nach einer Lehre als Velomechaniker geht er zurzeit einem anderen handwerklichen Beruf nach. «Mir geht es gut soweit», antwortet er auf die Frage von Gerichtspräsident Christian Bolleter. Silan wohnt bei den Eltern in einer Aargauer Gemeinde. «Wir haben in der Familie ein sehr gutes Verhältnis.» Daran hat der Raserexzess nichts geändert. «Ich bin offen damit umgegangen», sagt er.

Nichtsdestotrotz hätten die Eltern ihm ins Gewissen geredet. Auch seine Freundin habe ihm gesagt, er sei selber schuld. Den Führerausweis musste er abgeben. Wann er ihn zurückerhält, ist unklar. Als Nächstes steht ein Gespräch mit einem Verkehrspsychologen an, der seine charakterliche Prüfung für das Autofahren untersuchen wird. Klar ist für Silan aber: Er möchte wieder zurück hinter das Lenkrad.

Prüfende Blicke der Richterinnen und Richter

Silan hat eine Affinität zur Tuningszene. Nicht wegen dem Rausch der Beschleunigung oder der Geschwindigkeit. «Das Mechanische und Technische interessiert mich», sagt er mit ruhiger Stimme. Vor einigen ­Jahren hatte er zwar den Führerausweis auf Probe wegen einer Geschwindigkeitsübertretung abgeben müssen, aber nur 1 km/h habe dabei den Ausschlag gegeben. Mit dem Gesetz kam er sonst nie in Konflikt. Er ist nicht vorbestraft.

«Ich weiss nicht, was ich dort überlegt habe», sagt er den fünf Bezirksrichterinnen und Bezirksrichtern zu seiner Raserfahrt auf der Autobahn bei Spreitenbach. Sie schauen ihn prüfend an. «Eigentlich ist es nicht meine Gewohnheit, so zu fahren. Es war das erste Mal, dass ich so schnell war.»

Ein Raser geht durch die vorsätzliche Verletzung elementarer Verkehrsregeln «das hohe Risiko eines Unfalls mit Schwerverletzten oder Todesopfern ein», steht im Strassenverkehrsgesetz.

BMW-Fahrer schaute die Freundin «komisch» an

Gerichtspräsident Bolleter fragt Silan: «Wie werden Sie in Zukunft Auto fahren?»

«Anständig. Mich an die Regeln halten.»

Doch warum genau drückte er an jenem Sonntag so aufs Gas auf der Autobahn? Silan will sich vor Gericht nicht dazu äussern, verweist auf die Aussagen in den Einvernahmen. Bolleter zitiert daraus, dass sich Silan von einem BMW-Fahrer provoziert gefühlt habe, der seine Freundin «komisch angeschaut» habe.

«Sind Sie ein Rennen gefahren», fragt der Gerichtspräsident.

«Nein.»

Gericht entscheidet sich gegen Landesverweis 

Das Gericht verurteilt den 23-Jährigen zu einer bedingten Freiheitsstrafe von 13 Monaten, bei einer Probezeit von 3 Jahren, sowie zu einer Busse von 1500 Franken.

Bei der Verhandlung handelte es sich um ein abgekürztes Verfahren, bei dem sich der Staatsanwalt und die Gegenseite schon auf das Strafmass geeinigt hatten. Dafür hat Silan nun keine Möglichkeit mehr, das Urteil anzufechten.

Gerichtspräsident Christian Bolleter redet Silan bei der Urteilsverkündung ins Gewissen: «Sie sind ein Raser. Das muss man ganz klar sagen.» Und erwähnt, dass das Gericht einen Landesverweis hätte aussprechen können. «Sind Sie sich bewusst, dass sich diese Frage bei einem weiteren Delikt stellen könnte», warnt Bolleter den jungen Kroaten.

Meistgesehen

Artboard 1